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3. Sonderformen

Unter Sonderformen verstehen wir vier Varianten der geschlossenen und der offenen Frage. Wir heben sie ab, weil sie eine besondere strategische Bedeutung im Interview haben.

Die Information plus Frage dient dazu, das Interview von überflüssigen Fragen nach Informationen zu entlasten und es voranzutreiben. Wenn die Interviewerin eine Information hat – sei es aus einer Meldung, einer Broschüre oder selbst dem Vorgespräch –, dann braucht sie im Interview nicht danach zu fragen. Es ist nicht erforderlich, nach den Kosten eines Projektes zu fragen, besser ist, die Kosten zu nennen (Information) und danach zu fragen, wie die Summe aufgebracht werden soll (Frage). Auf diese Weise lassen sich durch Recherche häufig Fragen sparen. So ist es im Beispiel in Interview 4 nicht sinnvoll, zu fragen, wie lange es dauert, bis ein Gesprächspartner sich auf den Anrufer einstellt, sondern man kann gleich fragen: „Es dauert acht bis zehn Sekunden, bis der Angerufene sich auf einen Anruf einstellt. Was soll der Anrufer in dieser Zeit sagen?“

Die interpretierende Nachfrage dient dem Zweck, eine lange oder unklare oder ausweichende Antwort auf den Punkt zu bringen. Ist man sich unsicher, wartet man ein „Ja“ oder „Nein“ als Antwort auf die Nachfrage ab. Ist man sich sicher, so macht man keine Pause nach der Interpretation und schließt stattdessen eine weiterführende Frage gleich an. Macht man nämlich eine Pause nach der Interpretation, so werden die meisten Befragten nun nochmals mit dem gleichen umständlichen Text antworten, den man zuvor durch die Interpretation loswerden wollte.

Mit einer Suggestivfrage will der Interviewer den Befragten provozieren, „herauslocken“; sie dient dazu, die Position des Befragten klarer

„herauszufragen“. Die Suggestivfrage enthält eine Unterstellung und fordert den Befragten auf, mit „Ja“ zu antworten. Daher verschlechtert sie das sozial-emotionale Klima im Interview; der Befragte wird emotionaler. Eben das kann der Interviewer jedoch wollen: mehr Emotionen, mehr Erregung bei dem Befragten, so dass der Befragte seine Antworten weniger überlegt und kontrolliert, mithin spontaner, vielleicht sogar „wahrer“ antwortet. Deshalb ist dieser Fragetyp so nützlich; der Interviewer sollte aber wissen, dass er hiermit den Rapport verschlechtert. Die Suggestivfrage kann auch, bei einem hohem Status des Interviewers und niedrigem des Befragten, den Befragten dazu verführen, Wohlverhalten zu zeigen. Im umgekehrten Fall kann es zu einem Abbruch des Interviews führen.

Gehen Sie also mit Suggestivfragen sparsam um: „Aber ist es nicht so...?“, „Sind Sie mit mir der Meinung, dass...?“, „Würden Sie nicht auch sagen, dass...?“ Fragen Sie besser: „Wie würden Sie sich in einem solchen Fall entscheiden?“, „Was meinen Sie zu...?“, „Gilt das in allen Fällen?“,

„Wann trifft das nicht zu?“ Dann Nachfragen: „Warum meinen Sie das?“,

„Warum haben Sie sich so entschieden?“. Vermeiden Sie auch Unterstellungen, wenn diese nicht gut recherchiert und belegt für die Empfänger nachvollziehbar sind. „Warum war Ihre Arbeit bislang so wenig erfolgreich?“ Der Befragte wird antworten: „Die Arbeit war nicht erfolglos (ich weiß gar nicht, woher Sie das haben), wir haben vielmehr ... erreicht; nur mit den ... hapert es noch“.

Die indirekte Frage ist ein Hilfsmittel, das Interview kontrovers werden zu lassen, ohne die eigene Meinung zu sagen. Daher bedient man sich der Meinungen oder Äußerungen anderer Personen und zitiert sie „gegen“ den Befragten. So bleibt man für die Empfänger ein neutraler Stellvertreter oder kann Meinungen zitieren, die man bei einem Teil der Empfängergruppe vermutet, die man selbst jedoch nicht teilt. „Nach einer Umfrage des Forsa-Instituts sind zehn Prozent der deutschen Bevölkerung der Meinung, wir hätten zu viele Ausländer im Land. Was sagen Sie diesen Deutschen?“

Sonderformen

Feststellung plus Frage

Ziel: Interviewer nennt einen Sachverhalt

(meist geschlossen)

und knüpft daran eine Frage. Problem: Ist

„Die Einschränkungen im

die Feststellung überhaupt richtig? Wenn

Straßenbau werden zu ei-

nicht, so antwortet Befragter nicht auf die

ner höheren Verkehrsdich-

Frage, sondern bestreitet die Feststellung

te führen; damit steigt das

oder stellt Gegenfrage. Das Interview wird

Unfallrisiko. Ist das zu

eventuell zum (Streit-) Gespräch. Also:

verantworten?“

Nur anwenden, wenn die Feststellung gut

„In der BRD werden stän-

recherchiert ist; eventuell im Vorgespräch

dig neue Waffensysteme

klären.

eingeführt. Werden auch

die Reservisten an diesen

Waffen ausgebildet?“

Interpretierende Nachfra-

Ziel: Befragter antwortet unklar, langat-

ge (geschlossen)

mig. Deshalb versucht die Interviewerin,

„Ihre Partei ist demnach

ihn festzulegen.

nicht bereit, den Verträgen

zuzustimmen?“

Im dritten Beispiel: Interviewerin zieht

„Also kann man sagen,

eine mögliche Folgerung aus dem Inhalt

dass Sie den entscheiden-

der vorangegangenen Antwort des Befrag-

den Einfluss auf die Wahl

ten. Die interpretierende Nachfrage macht

des Themas hatten?“

den Empfängern die Aussagen des Be-

„Heißt das, dass wir weni-

fragten klarer und/oder anschaulicher.

ger für Straßenbau werden

ausgeben können?“

Suggestiv-Frage (ge-

Ziel: Provokation des Befragten. Befrag-

schlossen)

ter soll in einer dem Interviewer er-

„Haben Sie häufiger Mei-

wünschten Richtung antworten oder sich

nungsverschiedenheiten

wehren, damit es lebendiger wird.

mit Ihrem Hauswirt?“

Vorsicht: Rapport verschlechtert sich.

„Ist es noch so, dass wir zu

Andererseits erhöht eine Suggestion aber

viele Beamte in der Ver-

den Druck auf den Befragten, zu einer Lö-

waltung haben?“

sung zu kommen: „Wie wollen Sie die

Kontrolle auf den Autobahnen verbes-

sern?”

Ein weiteres Beispiel aus einem Interview zur (Teil-)Privatisierung von Gefängnissen: „Der Journalist Heribert Prantl der „Süddeutschen Zeitung“ geht aber auch bei diesem teilprivatisierten Gefängnis weiter und stellt die Frage, ob sich der Staat nicht selbst infrage stellt, indem er solche Aufgaben abgibt. Würden Sie soweit gehen?“ – „ Na ja, das kommt auf die Aufgaben an. Da muss man sehr genau hinschauen. Wie in dem vorigen Beitrag schon gesagt, Küche, Wäscherei, Kaufmann, das sind Dinge, die sind völlig unstrittig, dass sie privatisiert werden können. Und es gibt, wie gesagt, andere Bereiche, stärker professionelle, Mediziner, Lehrer usw., wo ebenfalls das ganz wünschenswert ist, wenn jedenfalls eine Mischung stattfindet. Und es gibt dann den großen Bereich der Aufsichtsbeamten, wo es gar nicht infrage kommt“ (Katrin Heise mit Prof. Dr. Johannes Feest, Kriminologe; Deutschlandradio Kultur, „Ortszeit“, 7. 4. 2008).

 
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