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2. Geschlossene Fragen

Ziel dieser Fragen ist es, den Befragten festzulegen. Erwartet wird ein „Ja“ oder ein „Nein“ – möglichst kein „Zum Teil“, „Sowohl als auch“ oder gar

„Jein“. Lautet die Antwort so, dann können Sie nun fortfahren, die beiden Teile zu erfragen: „Was spricht denn dafür?“, gefolgt von „Und was spricht dagegen?“.

Wenn Sie eine geschlossene Frage für richtig halten und sie nicht benutzen wollen, um jemand festzulegen, dann formulieren Sie die Frage so, dass der Befragte sehr wahrscheinlich mit „Nein“ antworten wird. Nach einem solchen „Nein“ fühlen sich die meisten Befragten genötigt, eine ausführlichere Begründung für das „Nein“ anzufügen. Das gibt Ihnen wiederum Material für weitere Nachfragen.

Wer aber nur geschlossene Fragen stellt, ist nicht neugierig. Es geht dann oft nur darum, die eigene Meinung vom Befragten bestätigt zu bekommen. In Interviews mit Sportlern ist dies häufig der Fall (vgl. Schaffrath 2000: 158). Sportjournalisten begründen dies oft damit, viele Sportler

„könnten nicht gut reden“. Wir lassen offen, ob dies ein Vorurteil ist, denn uns interessiert, ob der Journalist dem befragten Sportler überhaupt durch offene Fragen eine Chance gibt, ausführlicher zu antworten.

Das Vorteilhafte an einem solchen Vorgehen ist, dass sich der Journalist sein Vorurteil bestätigt, Sportler könnten nicht reden, – denn auf geschlossene Fragen sind nur die Antworten „Ja“ oder „Nein“ zu erwarten. Die Befragte müsste sich gegen diese Frageform durchsetzen und antworten als handle es sich um eine offene Frage.

Geschlossene Fragen, die nicht geschlossen gemeint sind, sind nicht nur in Sport-Interviews beliebt; das zeigt der Anfang des folgenden Interviews.

Alfred Biolek zu Britney Spears: „Wissen Sie, wie viele Platten Sie verkauft haben?“

BS: “I don't know the exact number.”

AB: „Ich habe natürlich recherchiert – es sind 42 Millionen in 22 Ländern.“ BS: „Oh!“

AB: „Oh!, sagt sie. Waren Sie in all diesen Ländern?“

Das 15-minütige Interview von Alfred Biolek mit Britney Spears („Boulevard Bio“ aus dem Jahre 2002), drucken wir aus mehreren Gründen hier nicht weiter ab. Nur soviel: Unter den 57 Fragen des Talkmasters waren nur sechs offene, darunter solche Juwelen wie: „Wie kommt man aus einem kleinen Ort, in dem es nicht mal einen McDonalds gibt, ins Showgeschäft?“, „Was machen Ihre Eltern, Ihr Vater, beruflich?“ und „Seit wann kennen Sie den Justin?“.

Geschlossene Frage

„Ist hierüber schon eine Ziel: kurze, klare Feststellungen.

Entscheidung gefallen?“

„Rechnen Sie mit höhe- Die Antwort kann nur „Ja“ oder „Nein“, ren Quoten von Wehr- eventuell „weiß nicht“ lauten.

dienstverweigerungen?“ (Im Übrigen sind beide Fragen umständlich formuliert.)

„Haben Sie hierüber schon einmal nachgedacht?“

Achtung: Bei ausweichenden Antworten entweder nochmals fragen oder interpretierende Nachfrage verwenden!

„Sind Sie nun eher für

Auf eine solche Frage ist es nicht leicht für

oder gegen eine Novellie-

den Befragten, nur schlicht mit „Nein“ zu

rung des § 218?“ „Hören

antworten.

Sie lieber klassische oder

Wenn Sie auf eine geschlossene Frage

Popmusik?“

mehr als ein „Ja“ oder „Nein“ erhalten

wollen, stellen Sie die Frage so, dass man

wahrscheinlich mit „Nein“ und einer Be-

gründung antworten wird bzw. muss.

Befragte(r) soll sich unter zwei Alternati-

ven entscheiden. Die Frage ist dann falsch

gestellt, wenn andere Antworten oder bei-

de Alternativen möglich sind – wie im

zweiten Fall.

 
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