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9. Wie man in den Wald ruft...

Jeder kennt das Sprichwort „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Diese Volksweisheit kann man gut auf Interviews anwenden. Der Satz gilt hier in mehrfacher Weise. In den Wald hineinzurufen, heißt hier: eine sprachliche Ebene vorzugeben. Die Sprache, die der Interviewer verwendet, prägt auch die sprachliche Ebene, auf der der Befragte antwortet. Wer in einem Interview mit einem Polizeibeamten zu dessen Einsatz während eines Fußball-Länderspiels fragt: „Wofür waren Sie bei diesem Spiel zuständig?“ oder „Welches war Ihr Bereich?“, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Antwort erhalten, die wie ein gesprochener Einsatzplan wirkt. Viel besser wäre es, in solchem Fall zu fragen: „Wo standen Sie?“ und

„Was haben Sie gemacht?“ Erzeugen Sie mit Ihren Fragen bildhafte Antworten.

Interview 7

ARD tagesthemen, 6. 6. 1989

Hanns Joachim Friedrichs – Gerd Müller

I: Unter den Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens waren auch Deutsche. Einer von ihnen ist heute nach Hause zurückgekehrt, es ist Gerd Müller, kein Tarnname wie neulich, so 1 heißt er wirklich, er studiert Sinologie und war über ein Jahr in China, während der letzten unruhigen Wochen in Peking. Er weiß, besser als andere Beobachter, so hoffe ich wenigstens, welche Mo- 2 tive es waren, welche die Studenten auf die Straße getrieben haben,

was das für eine Demokratie ist, die sie sich vorstellen. Ich begrüße Gerd Müller in einem Studio des Hessischen Rundfunks in Frank furt, guten Abend Herr Müller, Sie haben meine Frage gehört, was verstehen Ihre chinesischen Kommilitonen unter dem Begriff Demokratie, eine andere Art von Volksdemokratie, sagen wir wie in 3 Polen oder eine nach westlichem Muster?

B: Ja, das ist schwer zu sagen, es ist ein großes Problem der Studentenbewegung. Die Studentenbewegung an sich hatte anfänglich hatte anfäng ist anfänglich spontan entstanden. Die Studenten hatten anfänglich keine konkreten Vorstellungen welche Formen von Demokratie sie anstreben, ob das sei eine parlamentarische Demokratie oder sei es nur eine Demokratisierung eben des politischen Macht, des kommunistischen Machtapparats.

I: Hat sich das später geändert? Ist da, sind haben sie sich zu einer 4 zu einem politischen Bild zusammengefunden?

B: So weit ich das weiß, nicht. (...)

I: Woran, also am an der wirtschaftlichen Entwicklung in China hör´n Sie mich noch, Herr Müller?

B: Ja, ich hör Sie noch. – Das Problem ist, dass die Studenten eine Randgruppe darstellen, also wie die meisten Intellektuellen in China. Wie die Lehrer, es geht Ihnen vor allen Dingen darum, sich gesellschaftlich zu etablieren, gesellschaftlich, gesellschafts, die Studenten haben keine keine konkreten guten, ah, ich kann das nicht. (Steht auf und verlässt das Studio)

I: Es tut mir leid, meine Damen und Herren, unserem Studiogast ist 5 offenbar nach den Strapazen des der letzten Wochen in Peking und

der Herreise heute nach Frankfurt ein bisschen unpässlich geworden. Wir bedauern das, wir wünschen ihm, dass er bald wieder auf die Beine kommen wird. Vielen Dank Herr Müller.

Anmerkungen

1:“Tarnname“ ist völlig überflüssig: der Zuschauer weiß es nicht, jedenfalls nicht alle, und der Befragte wird klein gemacht: MÜLLER was für ein Name, „so heißt er wirklich“. Stellen Sie sich vor: da sitzt der junge Mann im TV-Studio, zugeschaltet zu den tagesthemen zum großen Hajo Friedrichs, angefüllt mit schrecklichen Bildern aus China, müde von der Reise (und einem Auftritt in der Hessenschau mit Schmidt-Deguelle am frühen Abend), sein Name, also er, dient als GagLieferant und dann...

2: ...wird noch Ihre Kompetenz in Zweifel gezogen „so hoffe ich wenigstens“ und

„Sie haben meine Frage gehört“ (War da schon eine Frage?) und dann kommt noch eine Prüfungsfrage – an einen Politologen.

3: „Volksdemokratie wie in Polen?“ Auf Wiedersehen Zuschauer! Und Auf Wiedersehen Befragter! Warum lässt der Interviewer den Befragten nicht einfach erzählen, was er erlebt hat? Dann erst könnte er solche schwierigen Fragen stellen, sofern das zu diesem Zeitpunkt für irgendeinen Empfänger von Interesse ist.

4: Interviewer nimmt das „anfänglich“ auf – im Prinzip völlig richtig, nur hier und heute mit diesem Befragten nicht. Der Interviewer muss merken, dass er auf der falschen Ebene angefangen hat und muss umschwenken, Bilder, Szenen entwickeln, zum Erinnern: „Was haben Ihre Kommilitonen Ihnen gesagt, was sie wollen?“

5: Es ist sicher sehr geistesgegenwärtig, so zu reagieren. Aber es zeigt auch den gegenwärtigen Geisteszustand des Interviewers, der immer noch nicht begriffen hat, dass er die Ursache der „Flucht“ ist. Das Interview hätte mit der Frage „Was haben Sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens erlebt?“ beginnen müssen.

Eine ganz andere Deutung des Vorfalls gibt Hanns Joachim Friedrichs (1994: 253f.). Er schildert ihn folgendermaßen: „... ich begann ihn zu fragen. Seine Reaktion kam sehr langsam, sie war eigentlich keine Antwort auf meine Frage. Ich nahm einen zweiten Anlauf, und wieder schien sich mein Gesprächspartner in Gedanken zu verheddern, die mit unserem Thema, den politischen Zielen der chinesischen Studenten, nicht viel zu tun hatten. Nach meiner dritten Frage sah er mich lange schweigend an, blickte dann zur Seite, stand auf und verschwand aus dem Bild. Ich konnte mir auf diese seltsame Veränderung eines Menschen, der am Nachmittag noch temperamentvoll von seiner Zeit in Peking erzählt hatte, keinen Reim machen“. In der Nacht habe ihn dann der Kollege Schmidt-Deguelle aus Frankfurt angerufen und ihm gesagt, der Student habe befürchtet, „er könne durch seine Auskünfte im deutschen Fernsehen vielleicht einen seiner chinesischen Kommilitonen ans Messer liefern. Dieser Gedanke musste ihn so verwirrt haben, dass er einfach nicht mehr in der Lage war, unserem Gespräch zu folgen“.

Der Interviewer bestimmt also das Abstraktionsniveau durch die Wahl seiner Wörter. Spricht er von „Bereich“, „Struktur“ oder „karzinogenen Stoffen“, so muss er sich nicht wundern, wenn die Antwort auch entsprechend unverständlich ausfällt. In wunderbarer Weise hat der Philosoph Hans Jonas in einem Interview mit Gero von Boehm (Südwestfunk,

„Wortwechsel“, 25. 9. 1987) diese Art zu fragen ironisch bloßgestellt:

von Boehm: „Bekannt geworden sind Sie, Herr Professor Jonas, als ja eigentlich ein Religionsgeschichtler, der sich mit der Religion auseinandersetzt, mit sehr speziellen Themen aus diesem Bereich. Wie kommt nun jemand aus diesen höheren Sphären hinunter zu den ganz profanen Dingen der Naturwissenschaft? Vielleicht, weil Sie dort ein Denken fanden, das immer mehr einer Religion ähnelt?“

Jonas: „Ich glaube, meine Antwort auf die Frage wird wahrscheinlich simpler ausfallen, als die Höhenlage der Frage zunächst vermuten lässt. ...“

Im folgenden Interview (Beispiel 8) können wir verfolgen, wie der Interviewer trotz seiner Fähigkeit, mit interpretierenden Nachfragen zuzuspitzen, durch die Gegenattacken des B schließlich aus seinem Konzept gebracht wird. Es ist hilfreich, in der Vorbereitung solch kontroverser Interviews mögliche Verläufe, insbesondere verschiedene Reaktionen des B zu simulieren, um in der Live-Situation auf Varianten kontrolliert reagieren zu können. Dann dürfte der „natürliche Impuls“, doch gewinnen zu wollen, deutlich schwächer ausfallen.

Interview 8

Deutschlandfunk, 2 .8. 2011

Tobias Armbrüster – Heiner Geißler

I: „Den Geißler, den man rief, den wird man in Stuttgart nicht mehr los!“ Das schrieb gestern der "Münchner Merkur" in seinem Kommentar zur verfahrenen Lage rund um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Wir erinnern uns: Gegner und Befürworter des Projekts hatten am vergangenen Freitag erneut über den geplanten, tiefergelegten Hauptbahnhof in Stuttgart diskutiert, am Schluss kam dann ganz überraschend der Auftritt des Schlichters Heiner Geißler. Sein Vorschlag: Man sollte den alten Bahnhof zum größten Teil stehen lassen und um einen neuen, unterirdischen Teil erweitern. "Frieden für Stuttgart" hat Heiner Geißler diesen Plan überschrieben, in Stuttgart wird aber weiter demonstriert. Geißlers Plan war auch dort gestern Abend bei der Montagsdemonstration wieder ein Thema. Und am Telefon begrüße ich Heiner Geißler, schönen guten Morgen!

B: Ja, guten Morgen!

I: Herr Geißler, zu hören war da ziemlich viel Kritik an Ihrem Kurs, nicht nur von der Bahn offenbar, sondern auch von den Bahnhofsgegnern. Sind Sie überrascht?

B: Ja, was soll ich denn damit anfangen? Dass Einzelne oder wohl auch mehrere nun bei diesem Projekt eine unterschiedliche Meinung haben, das ist doch ganz selbstverständlich.

I: Aber auffallend ist doch, dass sich niemand ganz klar für Ihren Vorschlag ausgesprochen hat.

B: Ja, das habe ich auch nicht erwartet. Wenn ich mal von der kompetenten Seite absehe, die ja dazu wirklich etwas gesagt hat, nämlich der Firma SMA, die das ja ausgearbeitet hat, kann man ja nicht erwarten, dass von heute auf morgen die Schnellredner, die noch nicht mal schnell denken, aber die Schnellredner das Sagen haben. Man muss einen solchen Vorschlag einfach mal überprüfen und überdenken. Mehr will ich ja gar nicht.

I: Das heißt, Herr Geißler, haben bei der Bahn die Schnellredner das Sagen?

B: Wieso bei der Bahn? Die Bahn hat sich dazu nicht geäußert.

I: Die Bahn hat ziemlich schnell klargemacht, dass sie einfach weiterbauen will.

B: Nein, hat sie nicht getan. Sehen Sie, wissen Sie, das Hauptproblem sind auch Ihre Kolleginnen und Ihre Kollegen. Die Bahn hat einen Auftrag vergeben für den Fildertunnel, für 750 Millionen Euro. Aber dieser Fildertunnel, der wird gebaut vielleicht in einem halben Jahr oder in einem Dreivierteljahr, und jetzt werden die Vorbereitungen getroffen. Und außerdem: Den Fildertunnel, den braucht man auch bei dem Vorschlag, den SMA auf den Tisch gelegt hat. Da ist überhaupt nichts verbaut und nichts vergeben. Es wird so viel Unsinn geredet in dem Zusammenhang, vor allem aber auch in der Öffentlichkeitsarbeit, bei der Presse, überall bei den Journalisten, diese vorschnellen Urteile basieren auf mangelnder Information

I: Heißt das, Sie haben Informationen von der Bahn, dass die 4 Ihren Vorschlag annehmen wollen?

B: Ich habe überhaupt keine Informationen von der Bahn, sondern ich antworte jetzt auf das, was Sie gesagt haben. Ich habe natürlich auch Informationen von der Bahn, aber die werde ich jetzt hier nicht in der Öffentlichkeit ausbreiten.

I: Aber vielleicht können Sie uns zumindest so viel wissen lassen: Gibt es dort eine wohlwollende Haltung?

B: Nein, wieso soll ich Ihnen das sagen? Nachher heißt es wieder, ich hätte gesagt, die Bahn ist dafür. Die Bahn prüft, sie hat gesagt, es muss jetzt zur Kenntnis genommen werden, das macht die Bundesregierung ebenfalls und die Landesregierung auch, und das ist auch die richtige Einstellung. Es gibt eine Reihe von Leuten, die Denkblockaden haben, die einfach nicht weiterdenken wollen. Dazu gehören zum Beispiel die FDP-Leute in Stuttgart, die nicht bereit sind, aus eingefahrenen Gleisen herauszukommen, und dann gibt es einfach Leute, die reden einfach drauf los, ohne mal darüber nachzudenken oder sich zu informieren. Das ist die Presselage.

I: Nun ist Ihr Vorschlag, den Sie da letzten Freitag gemacht

haben, Herr Geißler, nicht ganz neu. Er kursierte schon mal

B: Das sage ich auch nicht. Wenn Stuttgart 21 gebaut werden soll, dann wird es halt gebaut, habe ich auch nichts dagegen. Aber es wird gebaut werden unter heftigsten Auseinandersetzungen. Es steht ja noch eine Volksabstimmung an. Da warten wir erst mal ab, wie der Wahlkampf abläuft für diese Volksabstimmung. Natürlich kann Stuttgart 21 auch gebaut werden, es ist kein schlechter Bahnhof, aber auf der anderen Seite gibt es auch bessere Lösungen. Es gibt gute Lösungen, es gibt bessere Lösungen, es gibt Lösungen, die sind konsensfähig, und darüber muss man jetzt mal nachdenken.

I: Herr Geißler, seit Tagen wird auch über eine ganz andere Äußerung von Ihnen gesprochen, am Schluss der Gespräche am

vergangenen Freitag haben Sie Joseph Goebbels zitiert und die Konfliktparteien gefragt: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Was war

da Ihre Absicht?

B: Mal klar zu machen, was los ist. Man kann doch nicht dauernd in Entweder-Oder-Kategorien denken, sondern es gibt auch das Denken Sowohl-Als-Auch. Es ist der Kompromiss, der …

I: Aber verharmlosen Sie damit, Herr Geißler, verharmlosen Sie damit nicht …

B: ... hallo, hallo, hallo I: ... ja, ich höre?

B: Ich kann Ihre Frage ja nicht verstehen, wenn Sie mir reinreden.

I: Ich muss Sie das …

B: ... ich wollte doch gerade was erläutern …

I: ... ich muss Sie das gerade fragen: Verharmlosen Sie damit die Sprechweise der Nazis? 9

B: Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis. Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien.

I: Aber die Frage "Wollt ihr den totalen Krieg" stammt von Joseph Goebbels.

B: So? Da wissen Sie mehr als ich.

I: Noch mal die Frage, war das Ihre Absicht? B: Was war meine Absicht?

I: Die Sprechweise der Nazis zu verharmlosen?

B: Ja, ich glaube, Sie sind wohl auf dem Mond zu Hause, mir zu unterstellen, ich wollte hier die Nazis verharmlosen!

I: Was war dann Ihre Absicht?

B: Also, so eine Unterstellung! Bitte?

I: Herr Geißler, was war dann Ihre Absicht, dieses Zitat zu benutzen?

B: Ja, ich habe das benutzt, um die Situation klarzumachen. Waren Sie schon mal in Stuttgart und haben Sie es erlebt, was da los ist? Sie haben ja gerade Auszüge aus dieser Demonstration gebracht. Das ist ein verbaler Krieg, den wir dort haben.

I: Und droht dort …

B: ... eine heftige Auseinandersetzung, die die Stadt spaltet und die Leute gegeneinander aufbringt. Meine Absicht war, deutlich zu machen, dass wir den Frieden brauchen. Vielleicht sollten Sie mal darüber reden, anstatt über ein Zitat, das ja nur dazu dient, den Leuten klarzumachen, dass es jetzt höchste Zeit ist, eine friedliche Lösung finden zu wollen.

I: Na ja, das Zitat haben Sie ja in die Welt gesetzt.

B: Ja und, was ist dann? Und, was ist da, in dem Zitat?

I: Ja, ich würde gerne von Ihnen wissen, ist Ihnen das klar, dass viele Leute darin eine Verharmlosung der Nazi-Sprechweise sehen und dass sie darüber empört sind? 11

B: Ja, das kann schon sein. Wenn Leute sich wegen etwas Unsinnigem empören, kann ich sie nicht daran hindern. I: Ist das denn totaler Krieg, der da in Stuttgart droht?

B: Der droht schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung.

I: Und das reicht …

B: Ich verharmlose überhaupt nicht, ich glaube, Sie verharmlosen.

I: Ich glaube, viele Leute fragen sich, ob man mit einer solchen Sprechweise die Situation nicht nur noch verschlimmert.

B: Wer sind viele Leute, wer ist das?

I: Zum Beispiel Hörer des Deutschlandfunks. B: Ach so. Das sind aber nicht viele Leute.

I: Immerhin einige, glaube ich.

B: Also, hören Sie mal, was ist das, machen Sie ein Interview mit mir oder was soll das?

I: So war das verabredet, ja.

B: Und läuft das jetzt live über den Sender? I: Ja, natürlich!

B: Ja, das finde ich wunderbar! Ich glaube, Sie reden hier gar nicht über die Sache, sondern Sie reden über ein Zitat!

I: Das Sie gebracht haben am vergangenen Freitag und über das sich viele Leute empören.

B: Jetzt sagen Sie wieder, viele Leute!

I: Herr Geißler, es steht heute Morgen auch in mehreren Zeitungen!

9. Wie man in den Wald ruft... 65

B: Gut, okay. Also, ich kann das nicht alles lesen. Was glauben Sie, was jetzt einzelne Journalisten schreiben! Wenn ich das lesen würde, dann wäre ich auch nicht gescheiter!

I: Herr Geißler, besten Dank für dieses Interview. B: Ja, bitte schön.

Anmerkungen

1: Geschlossene Frage mit zu erwartender Antwort. Also hätte I schon die nächste Frage vorbereiten können.

2:. Stattdessen lässt er sich gleich zu Beginn des Interviews auf eine Diskussion ein. Er könnte zum Beispiel die Kritik einer Partei formulieren und dann fragen, was ihm an dieser Kritik nicht gefällt.

3: An sich gut zugespitzt („Schnellredner“). Danach müsste er aber aufgrund seiner Recherchen, auch hier zitierend, dagegen halten. Und das nutzt B jetzt zu einem Gegenangriff aus, auf die Medien im Allgemeinen und den I im Besonderen („Unsinn geredet“).

4: Die Rückkehr zu einer interpretierenden Nachfrage ist nun wieder sehr gut. 5: Denkbar wäre hier die Frage: Warum nicht?

6: Gut – hier gibt der I zunächst eine Information, gefolgt von einer knappen Frage. Und dieser Information wird von B nicht widersprochen. Auf der emotionalen Ebene kehrt zunächst Frieden ein.

7: Wieder eine hilfreiche interpretierende Nachfrage.

8: Diese offene Frage, wenn sie denn nicht als späte Rache für den „Unsinn“Vorwurf gedacht war, ist vollkommen berechtigt. Ein so erfahrener Politiker wie Geißler muss wissen, welche Wirkung sie haben wird. Wollte er damit absichtlich von einer inhaltlichen Diskussion ablenken? Oder wollte er nur provozieren?

9: Vorschlag: „Warum haben Sie dafür ausgerechnet ein Goebbels-Zitat verwendet?“ 10: Gut – zurück zur Frage.

11: Leider verlässt der I jetzt seine Strategie und fragt nicht mehr. Das tut jetzt der

B. Und es ist bedauerlich, dass der I sich jetzt doch darauf einlässt.

Das Sprichwort von dem Wald, in den man hinein ruft, trifft auch für aggressive Einstiege zu. Je nach Temperament (und Schulung) wird der Befragte ebenso reagieren, wie der Interviewer es vorgegeben hat. Er wird für den Rest des Interviews vorsichtig und zunehmend darauf bedacht sein, Fehler des Interviewers zu ahnden. Er kann beispielsweise Fehler des Interviewers am Anfang der Antwort korrigieren (siehe Interview 1: Schäfer

– von Wedel), Gegenfragen stellen (Interview 9: von Lojewski – Vogel) oder nur sehr knappe und unanschauliche Antworten geben.

Fraglos tut sich der Befragte damit auch keinen Gefallen, denn die Empfänger werden weniger bereit sein, dem Interview zu folgen. Es versendet sich – es sei denn, das Gerangel erreicht Unterhaltungswert, wie viele der Interviews, die Friedrich Küppersbusch in „ZAK“ geführt hat. Man kann am nächsten Morgen im Büro darüber sprechen („Hast Du das gesehen?“). Dem Befragten geht es um seine Rechtfertigung gegenüber dem Interviewer, weniger darum, die Empfänger zu informieren.

Grundsätzlich gilt: Der Befragte muss die Frage interpretieren – er kann sie nicht richtig verstanden haben, sie kann ihm zu kompliziert sein, sie kann im unangenehm sein. Er wird deshalb die Frage rekonstruieren – und auf diese Frage antwortet er.

 
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