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Ein scheinbar gutes Beispiel war ein Einstieg in einem Trainingsseminar

„Seehofer zeigt Ärzten die Zähne“. Das mag die Aufmerksamkeit der Empfänger erregen, ist aber aus der Perspektive des Politikers formuliert. Da sich das Interview an die Empfänger richtet, wäre eine Formulierung wie

„Zahnärzte sollen Ihnen weniger berechnen“ sinnvoller gewesen. Hingegen ist die folgende erste Frage von Anne Will an Peter Struck, damals Fraktionsvorsitzender der SPD, witzig und zugleich schwierig für den Befragten:

„Wie ist der Kanzler auf die rettende Idee mit der Vertrauensfrage gekommen?“ (tagesthemen, 13. 11. 2001).

Das Interesse der Empfänger dürfte auch der leicht provokante Einstieg von Heinz Ostermann mit Heiner Geißler, Ex-CDU-Generalsekretär, auch Mitglied von attac! (Deutschlandradio Kultur, „Ortszeit“, 19. 12. 2007) geweckt haben: „Sie fordern eine Harmonisierung der Globalisierung. Mit allem Respekt: Sind Sie ein Träumer?“ Geißler: „Nein, ich meine, vor zehn Jahren hätte man noch gesagt „die träumen“, aber heute ist es fast Allgemeingut. Es hat sich eben durchgesetzt, dass das wichtigste politische Ziel

überhaupt darin besteht, die Globalisierung, die ja nicht zu verhindern ist, und die auch riesige Chancen bietet, zu humanisieren …“.

Ein weiteres Problem des Anfangs ist, dass die Anmoderation eng mit der ersten Frage zusammenhängen sollte. Beides, Anmoderation und erste Frage, bilden einen Spannungsbogen, der möglichst wenig unterbrochen werden sollte. Erinnert sei daran, dass es die ersten Sekunden sind, in denen sich die Empfänger entscheiden, ob sie dem Interview folgen wollen oder nicht – ob aus dem Hörer ein Zuhörer oder ein Weghörer wird (vgl. Kapitel 20). Dieser Spannungsbogen ließe sich leicht herstellen, wäre da nicht die Begrüßung des Gesprächspartners. Dies lässt sich einfach darstellen, wenn wir die Abfolge der wichtigsten Elemente bis zur ersten Frage betrachten:

Hintergrundinformation --Problem --Begrüßung --Erste Frage.

Die Hintergrundinformation richtet sich auf das Thema, z.B. die Frage, ob in Unternehmen für alle Beschäftigten ein Jobticket eingeführt werden soll. Das „Problem“ ist im Wesentlichen eine Frage, die die Empfänger neugierig machen soll, in diesem Falle z.B. „Ob es für die Angestellten überhaupt sinnvoll ist, ein solches Jobticket zu bekommen, darüber unterhalte ich mich mit Peter Müller von den Städtischen Verkehrsbetrieben. Herr Müller, wer ist denn gegen das Jobticket?“

In diesem Beispiel folgt auf das Problem unmittelbar die Vorstellung. Dieser Weg ist eleganter als der folgende: „Nun ist aber umstritten, ob alle Angestellten ein solches Ticket wollen. Bei mir im Studio sitzt Peter Müller, er ist Abteilungsleiter bei den Städtischen Verkehrsbetrieben“. Noch schlechter wäre die Version: „... Herr Müller, Sie sind Abteilungsleiter bei den Städtischen Verkehrsbetrieben und zuständig für die Verhandlungen mit Unternehmen über Jobtickets“. Die letzte Version unterbricht den Spannungsbogen am stärksten. Sie hat darüber hinaus den Nachteil, jemandem zu sagen, was er ist („Sie sind ...“).

Selbstverständlich ist es im Fernsehen am leichtesten, die Begrüßung zu verkürzen, weil die befragte Person durch eine Bauchbinde (= Insert mit Namen) vorgestellt wird. Während man im Fernsehen und Hörfunk die ausdrückliche Begrüßung „Guten Abend, Herr Müller“ – „Guten Abend, Frau Schulze“ vermeiden sollte, ist eine solche Begrüßung bei telefonischen Interviews kaum zu vermeiden. Vielen Journalisten gibt sie die Sicherheit, dass der Gesprächspartner auch am Telefon ist.

Beachten Sie bei der Anmoderation, dass die Empfänger sich auf das Interview einstellen müssen. Sie müssen sich einhören bzw. einsehen. Da-

zu werden Sie mindestens fünf Sekunden benötigen. Das bedeutet, dass die beiden ersten Wörter Ihrer Anmoderation nicht oder nicht genau gehört werden. Wenn Sie beispielsweise mit einem Zitat beginnen, so werden die Empfänger dieses Zitat nicht als solches erkennen.

Ausstieg

Das Urteil über das Interview wird jedoch anhand des Endes des Interviews gefällt, genauer: den letzten 60 bis 90 Sekunden. Wir haben es sehr häufig erlebt, dass im Nachgespräch zu einem Interview dem Interviewer gesagt wurde, „Warum hast Du so häufig unterbrochen“ oder „Die Fragen waren etwas zu lang“. Tatsächlich aber kamen die Unterbrechungen nur bei den letzten drei Fragen vor oder nur zwei der letzten drei Fragen waren zu lang formuliert. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, dass die Urteile über das Interview vom Ende her gefällt werden.

Sie sollten sich auch überlegen, wie Sie das Interview beenden wollen, sollten den Ausstieg planen. Hierfür einige Beispiele:

a) Das Thema ist ein aktuelles Ereignis. Hier wird meist die letzte Frage sein „Wie geht es jetzt weiter?“, „Und welches ist nun der nächste Schritt?“, „Wann erwarten Sie eine Entscheidung?“.

b) Persönliche Wendung: „Und wie fühlen Sie sich dabei?“, „Wie sollte Ihrer Meinung nach das Problem gelöst werden?“, „Wenn Sie persönlich entscheiden dürften: was würden Sie tun?“.

Was Sie in jedem Falle vermeiden sollten, sind Fragen wie „Eine abschließende Frage mit der Bitte um eine kurze Antwort“, „Eine letzte Frage

...“. In mindestens der Hälfte der Fälle folgt dann nämlich doch noch eine Frage, weil die Antwort sehr reizvoll oder ungenau.

Versuchen Sie nicht, das soeben Gehörte noch einmal zusammenzufassen. Das geht meist schief, weil es aus dem Stand formuliert oft ungenau wird und der Befragte noch einmal verbessert wird und dann selbst verbessern möchte. Nach einer sehr eindrucksvollen Aussage des Befragten genügt oft ein „Danke!“, selbst wenn Sie noch zehn Sekunden hätten. „Danke für dieses Interview“ geht auch dann, wenn es Ihnen gelungen, ist mit einer zum Schluss absichtsvoll gewählten geschlossenen Frage den Befragten zu einer eindeutigen Aussage („Nein, das ist mit uns nicht zu machen!“) zu bewegen. Besonders im Hörfunk ist es aber hilfreich, wenn Sie nach dem Interview noch einmal sagen, wer denn der Interviewte war. „Renate Schrader von der Verbraucherzentrale Hessen zu den neuen Anti-FettPillen.“ Ein solcher Satz lässt sich in jedem Fall vorbereiten. Im Fernsehen wird Ihnen diese Arbeit durch ein Insert abgenommen.

 
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