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Jeder zweite will mehr Ganztagsschulen

Berlin (dpa) – In Deutschland ist jeder zweite Bürger für mehr Ganztagsschulen. Dies ergibt eine Repräsentativbefragung des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS). Im Westen ist die Zustimmung mit 49 Prozent leicht höher als im Osten (47 Prozent), wo es zunächst nach der Wende wegen der DDR-Erfahrungen mit Ganztagsbetreuung der Kinder größere Vorbehalte gab. Von den 35 000 Schulen in Deutschland sind nach Angaben des Ganztagsschulverbandes nur knapp 1100 (oder drei Prozent) in Ganztagsform organisiert.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft

Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva-Maria Stange, sagte, noch nie habe es bei den Eltern so viel Wünsche nach Ganztagsschulen gegekönnten sich dort „angeleitetes Lernen abwechseln mit selbstständigem Lernen, Förderunterricht, Hausaufgabenhilfe, Arbeitsgemeinschaften 6 und musisch-sportlichen Freizeitangeboten“, sagte die GEW-Vorsitzende. Die Ganztagsschule sei aber „nicht zum Nulltarif zu haben“, 7 meinte Stange weiter. Für einen Ganztagsschulplatz müsse mit etwa

25 Prozent Mehrkosten gerechnet 8 werden. Eine Ganztagsschule, die nicht mehr sei als eine Halbtagsschule mit angeschlossener Verwahranstalt“, lehne die GEW ab. Ganztagsschulen müssten „nicht nur Lernsondern auch Lebensraum für 9 die Schüler sein“. Deshalb müssten Schulpädagogen und Sozialpädagogen eng kooperieren.

ben. Die „alten ideologischen Verkrampfungen“ gegenüber einer Ganztagsbetreuung von Schülern hätten heute keine Bedeutung mehr. 2 Auch CDU und CSU sowie die Arbeitgeber hätten ihre früheren Vorbehalte aufgegeben. Ganztagsschu3 len ermöglichten vielen Frauen die Berufstätigkeit. Zugleich belege die Schulforschung, dass es an Ganztagsschulen viel weniger Abbrecher und Versager gebe, ergänzte Stange. Schwächere Schüler könnten 4 durch Stützkurse besser gefördert werden. Die Ganztagsschule benötige ein „durchgängiges pädagogisches Konzept“. Im „sinnvollen 5 Rhythmus ohne den starren 45Minuten-Takt der Schulstunden“

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) hatte unlängst in einer Studie den Bedarf an

Ganztagsschulen auf 20 Prozent

geschätzt. Als erstes Bundesland will Rheinland-Pfalz jetzt ein regional ausgeglichenes Ganztagsschulangebot schaffen. Dafür sollen nach Ankündigung von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) künftig 100 Millionen Mark jährlich zur Verfügung gestellt

werden.

Kündigen Sie das intuitive Verständnis von Ausdrücken, hier: „Konzept“,

„angeleitetes Lernen“, „Freizeitangebote“ oder aber auch „Struktur“. Fragen Sie, was sich dahinter verbirgt. Wenn Sie den ersten Artikel zu einem Thema so genau auseinander nehmen, lesen Sie alle weiteren Artikel zu dem Thema gezielter und deshalb schneller.

Dazu zwei handwerkliche Ratschläge: 1. Stellen Sie sich den Handlungsablauf vor: Wie sieht der Unterricht an einer GTS von morgens um 8 Uhr bis nachmittags um 16 (?) Uhr aus? Sehr rasch kommen Sie darauf, dass es mittags etwas zu essen geben muss, und anschließend zu fragen, wer nachmittags unterrichtet. Selbstverständlich fällt Ihnen auch ein, dass das Problem der Finanzierung gelöst werden muss. 2. Überlegen Sie, wer die an einem Konflikt oder hier: einer Einrichtung, beteiligten Parteien sind. „Parteien“ heißt in diesem Fall: Direktor, Lehrer, Eltern, Schüler, politische Parteien, GEW, Kultusministerium, Vereine. Damit haben Sie zugleich eine Liste derjenigen Positionen, für die sie dann Befragte suchen können. Wenn Sie den Artikel lesen, so könnten (und sollten) Sie auf eine Reihe von Fragen und Problemen stoßen:

1: Warum wollen die Bürger dies? Hierzu könnte man ein Interview mit einem Vertreter des IFS führen. Und: Welche „zweiten“ sind es – eher ärmere Eltern oder Eltern mit Kindern, die schlechte Noten in der Schule haben?

2: Hier wäre ein Interview mit einem Vertreter der GEW sinnvoll, um zu klären, was mit „ideologischen Verkrampfungen“ gemeint ist.

3: Welche Belege gibt es hierfür? Welche Vorbehalte hatte die CDU/CSU? Mit wem führen Sie hierzu ein Interview?

4: Hier sind zahlreiche Argumente aufgeführt, die für die Ganztagsschule sprechen. Nützlich für ein Interview; dann im Interview muss jeder einzelne Punkt genauer erfragt werden: Warum nicht schon vor 10 oder 20 Jahren? Ist die Berufstätigkeit der Frauen ein neues Problem, für das wir nun (erst) die GTS brauchen? Ist die GTS nur für schwächere Schüler? Sollen nur diese am Nachmittag kommen?

5: Das ist ein zentrales Problem: Worin besteht das „pädagogische Konzept“? Hierzu könnten sowohl Schulleiter als auch Vertreter der einschlägigen Ministerien befragt werden.

6: Löst das die Probleme, die bei (4) aufgeführt sind? Wie werden die

„Mehrkosten“ berechnet und wie hoch ist dann der Betrag pro Schüler?

7: Weitere Punkte für ein Interview mit einem Vertreter der GEW: Zu welchem „Tarif“ ist denn die GTS zu haben?

8: Woher soll das Geld kommen?

9: Was heißt das? Für alle Schüler? Wenn nicht, für welchen Teil der Schüler?

10: Hier wäre eine Recherche erforderlich, um herauszufinden, wie dieser Bedarf geschätzt würde. Vielleicht liegt er ja viel höher.

11: Wofür genau soll das Geld zur Verfügung gestellt werden? Für Gebäude, Mittagsküche, Lernmittel, Sozialarbeiter?

Dies sind nur einige Fragen, die sich aus dem ungenauen Programm der GTS ergeben. Wenn Sie nun auch nur einen Gesprächspartner zu dem Problem näher befragen, so werden Sie auf eine Fülle weiterer Probleme stoßen, von denen wir einige aufführen:

• Die politischen Parteien sind sich uneinig darüber, wer nachmittags den Unterricht halten soll – ob Pädagogen oder Funktionäre von Sportund Musikvereinen.

• Das Problem der berufstätigen Mütter, das z.B. in Frankreich und Finnland schon vor Jahrzehnten wichtig genug war, um die GTS einzuführen, ist in Deutschland im Jahre 2000 offenbar nicht der Auslöser. Es sind vielmehr die schwer erziehbaren Schüler; die Schule soll Defizite der Familie ausgleichen. Problematisch daran ist u.a., dass dies zum Teil dem Erziehungsrecht der Familie zuwider läuft, dennoch wird diese Aufgabe den Lehrerinnen und Lehrern aufgebürdet.

• Offenkundig werden weitere Lehrkräfte für den Nachmittag benötigt. Wer soll die laufenden Kosten für diese Lehrkräfte tragen: der Bund, die Länder, die Kommune?

• Ferner: Wer soll unterrichten? Ausgebildete Pädagogen? Dann würden wir Lehrer einstellen müssen. Pädagogen, die sich um die schwierigen Schüler kümmern? Dann würden wir Sozialpädagogen einstellen müssen. Da hierzu offenbar das Geld nicht ausreicht, lautet der preiswerte Ausweg, Vereine aufzufordern, den Unterricht am Nachmittag zu gestalten, z.B. Sportund Musikvereine. Was ist aber dann mit den sozialpädagogischen Zielen?

• Wenn die Schule bis zum Nachmittag gehen soll, ist ein Mittagessen in der Schule erforderlich. Wo ist die Küche? Wer kocht? Wo ist das Geschirr? Wer bezahlt das Mittagessen? Wer beaufsichtigt die Schüler?

• Sollen alle Schüler/innen an dem nachmittäglichen Unterricht teilnehmen oder nur die schwächeren? Wenn nur die schwächeren – kommt dies nicht einer Diskriminierung der Nichtmittags-Schüler gleich?

In Wirklichkeit waren sich die Vertreter der politischen Parteien keineswegs darüber einig, wie die GTS gestaltet und wie sie finanziert werden soll, wie unsere Interviews in 2003 und 2005 zu diesem Thema in Hannover gezeigt haben. Also ist eine Aufgabe des Interviews, die Empfänger über die unklaren und widersprüchlichen Vorstellungen zu informieren.

Nimmt man aufgrund der Recherchen noch weitere Aspekte auf, so entsteht das komplexe Diagramm (mind map) in Abbildung 2 auf Seite 35.

Was davon soll ein Beitrag behandeln? Will man auf das Thema GTS sehr breit eingehen, so ist dies nur in einem gebauten Beitrag möglich. Will man einzelne Aspekte in einem Interview (allein stehend oder nach dem gebauten Beitrag) vertiefen, also „Äste“ in dem Diagramm, so kann man Vertreter einer Position interviewen, z.B. der GEW, der Elternbeiräte, des Philologenverbandes, Schulleiter, Vertreter/innen politischer Parteien. Sie würde man in einem kontroversen Interview mit den Argumenten der jeweils anderen Positionen konfrontieren.

Doch Achtung: Sie haben nun einen breiten Hintergrund. Ihre Neugierde ist befriedigt – Sie wissen (fast) alles zu dem Problem, das Interview ist nur noch eine (lästige) Pflicht. Um diese Reaktion zu vermeiden, müssen Sie eine „zweite Neugierde“ entwickeln und das Thema für ihre Zielgruppe aufbereiten. Sie wissen auch, dass Sie nicht alle Punkte des Vorgesprächs

im Interview behandeln können. Sie müssen sich heroisch beschränken auf ein Unterthema, z.B. die Lehrkräfte oder die Finanzierung.

 
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