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4. Die zwei Ebenen des Interviews

Im Prozess des Interviews sind zwei Ebenen bedeutsam: eine inhaltliche und eine emotionale. Die inhaltliche umfasst die Aufgabe, Informationen zu erhalten und zu geben, die emotionale die Gefühle, das gegenseitige Verständnis. Die Bereitschaft der Befragten, auf die Fragen des Interviewers einzugehen – die Qualität des Kontaktes – wird als das „Klima“ oder die „sozial-emotionale Beziehung“ (Rapport) bezeichnet.

Der Interviewer hat demnach zwei Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen: sich inhaltlich auf Fragen und Antworten zu konzentrieren sowie die emotionale Beziehung zu beobachten.

Inhaltliche Ebene

Informationsziel Art der Fragen

Klarheit der Aussagen Knappheit der Antworten Informationsgehalt Emotionale Ebene

„Klima“ (Rapport) nonverbales Verhalten Suggestivfragen Unterstellungen

Eingehen auf den Interviewer und den Befragten

Der Interviewer wird sein Informationsziel um so eher erreichen, je besser die emotionale Beziehung ist. Dabei kann „besser“ manchmal einfach nur „klar“ heißen. Je größer die Spannung oder gar Angst, desto unklarer werden Fragen und Antworten sein. Ebenso wird durch suggestive Fragen oder Unterstellungen die Beziehung zwischen Interviewer und Befragtem verschlechtert, z.B. wenn Sabine Brandi an Udo Jürgens die Frage stellt:

„Können Sie eigentlich noch sagen, mit wie vielen Frauen Sie im Bett waren?” Die befragte Person wird ausweichen, mauern oder sich offen gegen den Interviewer wenden.

5. Die Interview-Situation

Das journalistische Interview ist – anders als ein Alltagsgespräch oder eine polizeiliche Vernehmung – auf Dritte, die Empfänger, gerichtet. Es ist eine Inszenierung der unmittelbar Beteiligten für andere. Die Sprechenden beziehen sich auf Dritte. So entsteht ein Beziehungsdreieck (s. Abbildung 1).

Weder der Status noch die Interessen und Erwartungen müssen übereinstimmen. Daher sollte der Interviewer überlegen, inwiefern das Alter, Geschlecht, der soziale Status, aber auch die Erwartungen und (politischen) Interessen bei dem Befragten und den Empfängern – aber auch bei dem Interviewer – einen Einfluss auf das Interview haben könnten. Je genauer er dies tut, desto besser wird seine Fragestrategie und desto ertragreicher wird auch sein Interview sein.

Beispiel: Es besteht ein Statusunterschied zwischen Interviewer und Befragtem. Ist der Status des Befragten höher, so kann der Interviewer sich damit profilieren wollen, einen statushohen Befragten interviewt zu haben. Ist der Status des Interviewers höher, so ist es angezeigt, dass der Interviewer nicht die Macht des Mediums gegen den Befragten ausspielt, sondern ihm hilft.

Bei Interviews mit Politikern ist häufig zu beobachten: Aufgrund seines höheren Status ist der Befragte nicht in erster Linie daran interessiert, die Fragen zu beantworten, sondern an seiner Selbstdarstellung. Dies gelingt ihm vor allem dann, wenn mit seinem Status eine Machtfülle verknüpft ist, die den Interviewer einschüchtern kann. („Ich danke Ihnen, Herr Minister!“)

Abbildung 1: Das Beziehungsdreieck im Interview

Von dem Ausmaß des Statusunterschiedes ist es abhängig, inwieweit der Interviewer

• das Interview steuert,

• unterbrechen kann,

• schärfer nachfragt.

Der Interviewer kann sich als Stellvertreter der Empfänger, als Promotor des Befragten oder als Selbstdarsteller verhalten.

1. Stellvertreter der Empfänger: Dies ist – streng genommen – die einzig richtige Form im journalistischen Interview, weil der Journalist sich bemüht, die Empfänger zu vertreten. Der Journalist wird sich eine möglichst genaue Kenntnis seiner Zielgruppe unter den Empfängern verschaffen und seine Fragen – ungeachtet seines Vorwissens – aus der Perspektive der Empfänger, und mit Rücksicht auf deren Informationsstand, deren Erwartungen stellen. Weitere Kennzeichen sind:

• die Redezeit des Interviewers ist beträchtlich kürzer als die des Befragten,

• Interviewer fragt nach, z.B. „Können Sie das genauer sagen...“,

• Kontroverse.

2. Promotor des Befragten: Der Interviewer wird wenig über die Empfänger wissen wollen, sondern sich vielmehr an den Interessen des Befragten ausrichten, ihn „laufen“ lassen, nicht unterbrechen, die meist vereinbarten Fragen ablesen. Dieser Fall tritt häufig ein, wenn der Interviewer einen niedrigeren Status als der Befragte hat, wenn der Interviewer jünger ist als der Befragte, wenn ein jüngerer Interviewer eine ältere Dame befragt und bei Interviews mit Politikern, vermutlich, weil der Interviewer fürchtet, kein Interview mehr mit den Befragten zu bekommen. Kennzeichen dafür sind:

• die Redezeit des Interviewers ist kürzer als die des Befragten,

• lange Antworten des Befragten,

• keine Nachfragen,

• Interviewer/in gibt Informationen, die den Befragten bestätigen.

3. Selbstdarsteller: Dieser Fall tritt häufig in Interviews in Sport und Kultur auf („Aktuelles Sportstudio“, „kulturzeit“). Der Interviewer ist gut informiert und konkurriert mit den Befragten um die fachliche Kenntnis.

Oft wird auch die eben erst im Vorgespräch erworbene Kenntnis im Interview gleich verwendet, indem der Interviewer lange und durch viele Informationen eingeleitete Fragen stellt. Auf diese kann der Befragte eigentlich nur noch mit „Da haben sie ganz recht, Herr I“ antworten. Wissen die Empfänger wenig, so lassen Interviewer und Befragte sie allein. Die Kennzeichen sind:

• die Redezeit des Interviewers ist größer oder gleich der Redezeit des Befragten und

• viele „Information plus Frage“-Fragen.

Ein originelles Beispiel ist das Interview von Nowottny mit Willy Brandt. Nowottny verwendet lange Fragen mit vielen Informationen (die aber seine Interpretation sind) und stellt die Fragen geschlossen. Brandt antwortet – korrekt, aber unerwartet – mit „Ja“ und „Nein“. So kann es einem Journalisten gehen, wenn er nur geschlossene Fragen stellt und der Befragte sich daran hält, sie korrekt mit „Ja-Nein“ zu beantworten.

Interview 2

ARD tagesschau, 4. 7. 1970 Friedrich Nowottny – Willy Brandt

Ein Interview aus Anlass eines deutsch-französischen Gipfel-Treffens zwischen Brandt und Pompidou.

I: Herzlichkeit des deutsch-französischen Verhältnisses, Herr Bundeskanzler, problemlos, dieses Verhältnis, so wurde es heute in verschiedenen Pressegesprächen dargestellt. War die Währungsfrage, die ungelöste europäische Währungsfrage, das schwierigste Problem dieser Konsultation?

B: Ja.

I: Und Sie haben dem Präsidenten keine Lösung von unserer Seite aus mit auf den Rückweg geben können?

B: Doch.

I: Haben Sie ihm (Brandt beginnt zu lächeln) die Termine genannt, die so wichtig sind, die Termine die Festlegungen des Wechselkurses der D-Mark?

B: Nein.

I: Und Sie sind sicher, dass er trotzdem befriedigt war? B: (lächelt noch stärker) Ja.

Kommentator/Meinungsverkäufer als Subspezies des Selbstdarstellers: Der Interviewer will seine eigene Ansicht der Dinge an den Empfänger bringen. Beispiele hierfür finden sich vor allem in den aktuellen politischen Interviews und Moderationen in politischen Magazinen. Interview 3 ist ein Beispiel für viele: Der kluge Moderator möchte seine Analyse gerne von dem Befragten bestätigt haben.

Solche Interviews sind aber langweilig. Um den Unterhaltungswert zu steigern, sollte der Interviewer die Ansichten des Befragten – wenigstens pro forma – nicht teilen, sondern Gegenpositionen einnehmen.

Interview 3 ist nun ein Beispiel für eine unverstellte Selbstdarstellerin. Das könnte ja unterhaltend sein, wenn denn wenigstens ein paar „Fragen an“ (wenn schon kein Interview) gestellt würden, wie z.B. in den Wortwechseln, die Moritz von Uslar veranstaltet. Auch ist hier kein Informationsziel zu erkennen, außer: Ich bin da und tu so, als hätt' ich Spaß? Wie auch immer: Dieses Interview hat nichts mit Journalismus zu tun.

Interview 3

NDR Hamburg Journal, 5. 3. 2015

Anke Harnack – Matthias Forster und Michael Eggenschwiler, live von der ITB, Berlin

I: Matthias Forster ist bei mir, von der Staatsoper, sehr bizzy auf 1 der Messe (lacht), was was sind das so für Gespräche, die Sie den ganzen Tag hier führen?

B: Wir haben sehr viele Reiseveranstalter, nationale, internationale, die sich einfach für Hamburg und mit dem Aspekt Kultur, speziell natürlich mit dem Aspekt Oper, Ballett, klassische Konzerte interessieren und das sind sehr spannende, sehr interessante Gespräche.

I: Nun sind ja auch große Namen, die auch äh für Hamburg stehen, von John Neumeier mal abgesehen, Kent Nagano kommt, aber was ist denn das nächste, was jetzt auf Ihrem Spielplan steht, das könnte ja auch die Leute zuhause in Hamburg interessieren, nich?

B: Also die die .. das nächste ist unsere Premiere am 22. März, das ist „Die Tote Stadt“ von Korngold, einem Komponisten, den man eigentlich eher aus dem … aus Hollywood kennt, das ist nämlich ein Immigrant gewesen, der dann aber einen großen Durchbruch als Filmkomponist gehabt hat, und diese Oper ist vor dem Krieg in Hamburg uraufgeführt worden und kommt jetzt endlich wieder in den Spielplan.

I: Sind das so Sachen, die auch tatsächlich das internationale Publikum interessieren, wenn ich schon so höre, Hollywood und so, das verkauft sich doch gut, oder nich?

B: Das verkauft sich gut, aber wir freuen uns natürlich auch immer über internationale Gäste und dieser Bezug zu Hamburg, der ist natürlich besonders spannend.

I: Kann ich gut verstehen, Herr Forster, viel Erfolg weiter, paar Tage haben Sie noch vor Ihnen, ne, und ich husch nochmal zum Airport-Chef, der ja viele Gäste bringt, die auch in Ihr Haus kommen, ne, also Michael Eggenschwiler (I wendet sich einem zweiten Gast zu) auch beschäftigt hier, den besuch ich jetzt mal kurz hier (I muss ein paar Schritte bis zum Gast gehen), Herr

5. Die Interview-Situation Eggenschwiler, guten Tag, grüße Sie (lacht).

B: Tach, Frau Harnack.

I: Sie sind vermutlich auch bizzy wie Herr Forster, den ganzen Tag in Gesprächen, und da Sie strahlen, nehm ich an, es läuft

richtig gut.

B: Ja, wir dürfen zufrieden sein, wir hatten viele gute Kontakte und wir haben ja heute auch die neue Strecke nach Beirut angekündigt – was uns freut, ein ganz neues Ziel ab Hamburg, und das mit den vielen anderen, die wir haben – waren ja im letzten Jahr ja 17 neue Flüge, 18 neue Destinationen insgesamt …

I: Also ich, das fällt tatsächlich auf, auch wenn man jetzt nicht jeeede Woche und nicht zu den Vielfliegern gehört, aber Sie sind

schon wirklich son Unternehmen, das immer immer immer in Bewegung bleiben muss und nicht einfach sagt, wir machen mal den Plan so wie vergangenes Jahr, ne.

B: Das ist richtig – und das dient ja auch der Stadt Hamburg, der Metropole, man ist erreichbar, man kann wegfliegen, aber es gibt auch viele, die herkommen und das funktioniert gut und alles, was wir zusätzlich tun können, hat nen Mehrwert für uns alle.

I: Und mehr Mehrwert, ist dann auch noch ne große Party, sagich mal, im Auguhust, die Airport Days.

B: Die Airport Days werden am 22. und 23. August stattfinden, auf dem Gelände der Lufthansa-Technik, unser Partner, den wir da, bewährter Partner, wo wir das gemeinsam tun werden, etwa 100 Flugzeuge werden da sein, also etwas zum Anfassen, zum Schauen für jeden – und da muss man hin.

I: So – dem hab ich nichts hinzuzufügen. Wir grüßen einfach mal jetzt zurück nach Hamburg (lacht).

Anmerkungen

1: In der Form: Worüber haben Sie mit wem geredet und mit welchem Ergebnis, beispielhaft, könnte das ja ein akzeptabler Auftakt zu einem Interview werden. 2: Es fehlt die Nachfrage: Was war denn spannend und interessant?

3: Worüber möchte I sprechen – über die Hamburger oder über Gäste aus anderen Städten, Ländern? Warum könnte „Die Tote Stadt“ für wen interessant sein? 4:Ohne Frage, eine Aufforderung PR zu machen. Versucht B ja auch, bleibt aber langweilig, weil er keine Geschichte zu erzählen hat. I müsste mal – pro forma – dagegen halten.

5: Keine weiteren Fragen, nur noch Vorlagen…aber immerhin gelingt es I, jedes Mal ein „Ich“ in ihrem Text unterzubringen.

6: wie wär's mit „SUPPI!“?

Auch im Journalismus nimmt die Personalisierung zu, also die Zahl der Selbstdarsteller, Entertainer und Meinungsverkäufer, die unter Aufgabe von Neutralität und Distanz ihre eigenen Ansichten und Wertungen zelebrieren. Wir vermuten, dass dies zumindest von einem Teil des Publikums akzeptiert oder gar lieber gesehen wird als „langweilige“ Ausgewogenheit.

Besonders deutlich wird dies in Talkshows. Die Moderatorin oder der Moderator ist das Programm. Das wird augenfällig dann, wenn die Talkshow auch den Namen der Moderatorin bzw. des Moderators trägt: Anne Will, Maybritt Illner, Scobel, Studio Friedman, Menschen bei Maischberger, Inas Nacht, Thadeusz, Markus Lanz. Damit gerät der Moderations-Star in die merkwürdige Lage, sich selbst zu spielen. Er vertritt keine Empfänger mehr, ebenso wenig sich selbst, sondern nur ein Bild von sich: Johannes B. Kerner verhält sich wie „Johannes B. Kerner“. „Statt weiterhin allein die Rolle eines Gastgebers zu spielen, spielt der Moderator 'Moderation' – ein Wandel mit tief greifenden Folgen. Für den Schritt vom simulierenden Moderator nämlich braucht man Figuren, wie sie sich Werbeagenturen, Personality-Berater und öffentlich-rechtliche Intendanten vorstellen: attraktiv und konturlos und doch allseits geschätzt, weil sie so schön den Kopf zur Seite legen und eine mokante Augenbraue heben können oder eben immer vergnügt und gut drauf sind“ (Precht 1998).

Angesichts von Nivellierung und Ausgewogenheit ist ein Journalismus, der Stellung bezieht, möglicherweise der attraktivere. Vielleicht stimmt der alte BBC-Satz gar nicht mehr, dass das Publikum schon richtig bewerten könne, wenn es nur ausreichend informiert ist. Möglicherweise sind die Zuschauer ausreichend informiert, können oder wollen aber nicht die Informationen einordnen, sind auch hier dankbar für Hilfe von außen („BILD Dir meine Meinung!“). Kennzeichnend sind hier:

• der Interviewer wird häufiger mit Statements statt mit klassischen Fragen arbeiten: „Sie wollten das Asylrecht erhalten. Jetzt ist einschneidend geändert worden!“ (Küppersbusch zu Vogel),

• der Interviewer kommentiert und bewertet die Antworten des Befragten.

Ein Beispiel für solche Kommentare und dafür, dass der Interviewer wohl tatsächlich lieber einen Kommentar gesprochen hätte, findet sich im folgenden Interview (4).

Interview 4

ZDF Olympia-Berichterstattung aus Peking, 14. 8. 2008

Johannes B. Kerner – Michael Johnson, US-amerikanischer 400m-Läufer

Zweiter Teil des Interviews, nach einem Einspieler zum Doping:

I: Jetzt hat Stefan Bier das angesprochen, die, ein Mitglied ist äh, oder zwei Mitglieder der Staffel sind des Dopings überführt worden. Ähm, einer hat gesagt, er hat es getan. Sie haben gesagt, Sie haben nicht gedopt. Können Sie verstehen, dass es kritische Stimmen gibt, die sagen „Mensch, ausgerechnet der Schnellste aus der

Staffel von damals, der soll nichts genommen haben?“, also der überragend Schnellste?

B: Das ist eigentlich eine dumme Frage, auf die ich auch nicht antworten möchte. Ich finde, das ist eine dumme Frage. Also Doping wird es immer irgendwo im Sport geben, aber man kann doch nicht die Frage so dumm stellen, dass man sagt „Du warst der Schnellste, da musst du auch irgendwie was genommen haben.“

I: Ich habe gesagt, ich habe gesagt, es gibt kritische Stimmen, die sagen „Schon komisch, ausgerechnet der Schnellste soll nichts genommen haben.“ Ich halt das nicht, das ist möglicherweise eine unangenehme Frage, das kann ich verstehen, aber so richtig dumm finde ich sie nicht.

B: Okay, wenn es keine dumme Frage ist, dann sag ich einfach mal. Jeder, der schnell läuft muss dann also gedopt sein? Soll das, soll das das heißen?

I: Sagen wir so, ähm, es gibt immer wieder Sportler, die dopen und es gibt immer wieder Dopingfahnder, die versuchen hinterher zu rennen. Leider rennen sie immer noch hinterher in den meisten Fällen und es gibt gerade genau hier bei den Olympischen Spielen genau diese Diskussion. In der Schwimmhalle purzeln die Rekorde. Die Fragezeichen kommen natürlich. Wie wird es bei der Leichtathletik sein, werden da die Rekorde genau so purzeln? Weil es

einfach neue Methoden gibt?

B: Also ich glaube nicht, dass es da so viele Rekorde gibt, dass da

die Rekorde purzeln in der Leichtathletik, weil es einfach ein anderer Sport ist, da gibt's nicht so oft Rekorde. Bei den Schwimmern, jedes Mal wenn die ins Wasser springen, gibt es ja praktisch einen Rekord. Also wenn du jetzt keinen neuen Weltrekord aufstellst beim Schwimmen, dann ist es ja fast schon eine Überraschung. Da sagt man dann „Och, gab es heute keinen Weltrekord, keinen neuen?“ Leichtathletik ist da doch ein bisschen anders, es ist eher selten, dass da ein Weltrekord fällt.

I: Es gibt einen Mexikaner, der heißt Angel Heredia, der war als Dopingdealer tätig, ist jetzt Kronzeuge der US-Justiz und hat in einem Spiegel-Interview in Deutschland Zahlen und Fakten genannt. Der sagt „44 Sekunden über 400 Meter, das geht nicht.“ Nicht ohne.

B: Also sollten wir dann jemand Glauben schenken, der eigentlich was Kriminelles betrieben hat? Also Sie zitieren hier jemanden, der wirklich was Kriminelles getan hat. Eh, er wäre vielleicht nicht unbedingt der erste, dem ich Vertrauen schenken würde. Und, …, und wir sprechen hier auch über jemanden, der nicht auf Weltklasseniveau selber einen Wettbewerb bestritten hat. Eh, also …

I: Aber der mit Weltklasseathleten … .

B: Er ist doch kein Kugelstoßer, Moment, Moment.

I: Aber er hat mit Weltklasseathleten zusammen gearbeitet, hat als Belege dafür …

B: Lassen Sie mich bitte, lassen Sie mich bitte das zu Ende führen, dann sind Sie wieder dran. Also, dem schenkt man Vertrauen. Und Sie stellen mir eine Frage, eh, auf der Basis dessen, was jemand gesagt hat, der nie 400 Meter-Läufer war. Warum wollen Sie dem Vertrauen schenken. Wie will der wissen, ob die 44 Sekunden möglich sind oder nicht? Der ist doch keine Rennen gelaufen. (Publikum applaudiert)

I: Okay, dann darf ich auch jetzt meine Fragen stellen. Sehr gerne und das sportbegeisterte Publikum bei ihr, äh bei uns hier in Peking, Sie haben sich den Applaus jetzt hier erredet. Jetzt kommen

meine Fragen. Also, der Mann hat zusammengearbeitet mit einerganzen Reihe von Sportlern, er hat dafür, eh, Überweisungsbelege

für verschiedene Mittel und Substanzen, die er an diese Sportler weitergereicht hat. Nicht verabreicht hat, aber weitergereicht hat. Der ist schon aus der Szene, auch wenn er selbst die 400 Meter nicht um die 44, 45, 46 Sekunden gelaufen ist. Das ist völlig richtig. Ich wäre übrigens vom Herzen her gerne bei Ihnen und würde

gerne sagen „Naja, das ist einer, der hat Unrechtes getan, warum soll ich ihm glauben.“ Die Geschichte, und da werden Sie mir Recht geben, zeigt allerdings, dass diese Menschen, die irgendwann als Kronzeugen in der Justiz auftreten in fast 100% der Fälle Recht gehabt haben. Das sind dann eben doch nicht Wichtigtuer, das sind am Ende dann doch Leute gewesen, die Dinge an die Öf-

fentlichkeit bringen, die wir lieber früher an der Öffentlichkeit ge- 5 habt hätten.

B: So what's your question?

I: Ja, meine Frage ist, ob Sie nicht glauben, dass es sein könnte, ob Sie nicht glauben, dass es sein könnte, dass solche Menschen, die an die Öffentlichkeit gehen, auch Recht haben. Sie diskreditieren ihn dadurch, dass er selbst nie 400 Meter gelaufen ist. Das reicht nicht. Es gibt ganz viele, die haben gedopt und sind spanische Ärzte. Der ist auch nie Radrennen gefahren auf diesem Level und er

hat trotzdem am Doping mitgewirkt.

B: Nein, nein, für mich geht es darum, was Angel Heredia gesagt hat, ist, er hat Antonio Pettigrew diese Dopingsubstanzen geliefert. Hat Pettigrew ja auch zugestanden und er hat gesagt, Maurice Green hat die Sachen auch von ihm bekommen. Und Maurice Green hat gesagt „Nein, ich habe nichts bekommen.“ Also da kann man vielleicht schon ein bisschen Vertrauen schenken. Es gab ja schon gewisse Hinweise, dass Maurice Green was genommen hat. Aber, wenn er jetzt sagt, er hat diese Sportlern die Dopingsubstanzen gegeben, dann kann man dem schon Vertrauen schenken. Aber

wenn er sagt „44 Sekunden geht nicht ohne Doping“, da hört esauf mit der Glaubwürdigkeit. Er ist nie 400 Meter gelaufen. Er

kann schon über das reden, was er getan hat, dass er denen Dopingsubstanzen geliefert hat. Da glaub ich ihm schon. Aber wenn er darüber redet, was da möglich ist und was nicht, mit oder ohne Doping, da hat er keine Glaubwürdigkeit und da dürften Sie ihn auch eigentlich nicht zitieren.

I: Okay, wir machen unseren Job, Sie machen Ihren Job, das ist völlig in Ordnung. Wann fällt Ihr 400-Meter-Weltrekord?

B: Na, hab ich eine Kristallkugel? Dann könnt ich es Ihnen sagen. Naja, die Geschichte mit den Weltrekorden ist doch, du weißt es nie, wann ein Rekord fällt. Da müssen die äußeren Bedingungen stimmen. Nehmen Sie Jeremy Wariner, der hat schon die Möglichkeiten, meinen 400er Rekord zu schlagen. Das kann diese Woche passieren, nächste Woche oder vielleicht in drei, vier Jahren. Also, auch Bolt, der kann den Weltrekord über 200 Meter schon, äh, schlagen. Die Fähigkeit hat er. Das kann jetzt passieren, aber auch

erst in sieben, acht Jahren. Das ist was wirklich Schwieriges, einen 9 Weltrekord in der Leichtathletik zu schlagen. Nicht wie beim Schwimmen, da gibt's jedes Mal, wenn die ins Wasser springen, einen neuen Rekord.

I (wendet sich an seine Co-Moderatorin KMH): Wir wollten eigentlich zusammen, aber wir haben gerade ein kleines Zwiegespräch entwickelt, ich muss mich entschuldigen, Katrin. Ich hab auch nur noch eine ganz unwesentliche Frage zum Schluss, aber die ist ganz deutlich. Haben Sie jemals gedopt?

B: Ach, jetzt mach mal keinen Quatsch.

I: Nein, einfache Frage. A simple question. It might be a stupid question, but it´s a simple question.

B: Nein, nein, es ist eine einfache Frage, okay. Ich habe nie gedopt. Aber, darf ich mal eine Frage stellen. Warum, warum ist das wirklich so, dass man immer in deutschen Fernsehprogrammen, man solche Fragen gestellt bekommt? Und das ganze Gespräch immer unter diesem Zeichen steht? Ich habe überhaupt keine Probleme damit, Fragen zu Doping zu beantworten, das ist einfach ein großes Problem im Sport. Aber jedes Mal, also wenn ich zum deutschen Fernsehen komme, dann dominiert dieses Thema wirklich das Gespräch. Das ist immer das beherrschende Thema, wenn man mit deutschen Journalisten im Fernsehen spricht. Warum? Ich würd' ja nicht sagen, das ist falsch. Lasst uns ruhig über Doping reden, das ist ein Riesenproblem im Sport, da muss was passieren. Aber warum ist das immer das beherrschende Thema? Wir sind hier in China, da kann man über viele andere Sachen reden, nicht nur über Doping, aber das war jetzt das beherrschende Thema in unserem Gespräch. (Publikum applaudiert)

I: Sagen wir mal so, ich stelle mich ja jeder Kritik. Ich finde das auch ganz interessant und ich kann es verstehen, dass Sie hier Unterstützung bekommen. Ich respektiere …

B: Ja, das ist ein tolles Publikum, tolles Publikum muss ich sagen.

I: Ja, you are a smart guy, you are a smart guy. Aber noch mal ganz kurz. Dieses interessante Gespräch, wie Sie finden dominierend, aber interessante Gespräch, hat angefangen mit einer dummen Fra-

ge, wie Sie gesagt haben. Dann war die Frage wenigstens nicht so dumm, lassen Sie mir das.

B: Nein, die Frage war nicht deshalb dumm, weil Sie sich ums Doping drehte, sondern weil Sie um jemand ging, der nichts weiß über die 400 Meter und dann eine Vorhersage macht, was ein Mensch leisten kann oder nicht. Und ich bin immer, ständig die 400 Meter gelaufen, ich kann sagen, wo die Grenze für den Menschen ist beim 400 Meter, aber nicht einer, der Dopingsubstanzen verkauft.

I: Vielen Dank.

Anmerkungen

1:I wählt zu Recht eine indirekte Frage „dass es kritische Stimmen gibt“.

2: Statt sich zu verteidigen sollte er sagen: „Ich habe gesagt, es gibt kritische Stimmen. Was sagen Sie denen?“ I stellt leider keine Frage.

3: Das sind zwei Fragen, B beantwortet ja auch nur eine. „Ich glaube...“. 4: Leider kommen keine Fragen.

5: Keine Frage – trotz der Ankündigung, gleich mehrere Fragen stellen zu wollen, es kommt überhaupt keine. Aber der B passt auf.

6: Hierfür sind wir dem B wirklich dankbar. Der I aber wohl gar nicht; er schmollt vermutlich noch mehr, nachdem schon der ganze Einstieg schief ging.

7: Deshalb ist er emotionalisiert, was sich an der sehr umständlich formulierten Frage zeigt.

8: Dazu sollte man wissen, dass der Weltrekord von Johnson seit 1999 bei 43,18s steht.

9: Bolt lief am 20.8.2008 mit 19,3s tatsächlich einen neuen Weltrekord. 10: Der gekränkte Moderator „lassen Sie mir das“.

Interessant wären vielmehr folgende Fragen (die Kerner ja auch zum Teil andeutet): Hat er Anzeichen dafür bei seinen Kollegen entdeckt? Wieso glaubte er, dass bei Green etwas schief läuft? War er jemals in Versuchung? Hat Heredia hat Kontakt zu ihm aufgenommen? Wie diskutiert er mit seinen Kollegen darüber? Wo liegen denn die Grenzen für einen Menschen über 400 Meter? Woher weiß Johnson das? Wer könnte denn ein Kandidat sein? Sind diese Kandidaten denn doping-frei?

 
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