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Interviewkritik

Der Experte wählt in seinen Antworten Formulierungen, die in ihrer Aussagekraft eher vage sind. Hier hätte die Interviewerin durch gezieltes Nachfragen eventuell eine Präzisierung der Aussagen erreichen können. Durch den schnellen Redestil des Interviewpartners und die Gewährleistung, dass der Experte ohne häufiges Unterbrechen seinen Relevanzstrukturen und Wirklichkeitskonzeptionen im Rahmen seiner Argumentation folgen konnte, war es der Interviewerin nicht immer möglich, die in den Aussagen enthaltene Vagheit durch Nachfragen zu kompensieren. Die begriffliche Vagheit (z. B. bei dem Terminus ,Vernetzung'), die als stilbildend für den Diskurs über das lebenslange Lernen charakterisiert werden kann, wird an einigen Stellen des Interviews in der Interaktion zwischen Interviewerin und Interviewten reproduziert. Diese wird im Interview nicht bearbeitet, sondern läuft latent mit, indem Begriffe als bekannt vorausgesetzt und nicht hinterfragt werden. Interessant ist, dass dieses Phänomen in der Interviewsituation weder zu Missverständnissen noch zu einer Interaktionskrise führt.

Interviewstruktur

Das Experteninterview arbeitet mit Fragen, die das spezifische Expertenwissen, das tacit knowledge, fokussieren. Diese Fragen beeinflussen die Segmentierung der transkribierten Daten, da durch sie neue Themen und neue Argumentationen hervorgerufen und damit jeweils neue Segmente eingeleitet werden. Das heißt, die Fragen legen zum überwiegenden Teil die Segmente fest. Das vorliegende Interview lässt sich vor dem dargestellten Hintergrund in fünfzehn Segmente gliedern, wobei die technischen Präliminarien sowie die thematische Hinführung der Interviewerin als nulltes Segment gezählt werden. Das siebte Segment wird nicht durch eine Frage der Interviewerin evoziert, sondern der Interviewpartner wechselt während der Beantwortung einer Fragestellung das Thema und folgt dabei seinen eigenen Relevanzstrukturen und Wirklichkeitskonzeptionen. Auch das vierzehnte Segment wird nicht durch eine Frage eingeleitet, sondern stellt den Interviewabschluss mit der Danksagung der Interviewerin dar. [1]

Mit Blick auf die Kommunikationsschemata der Sachverhaltsdarstellung dominiert das Argumentieren die Interviewstruktur. Das Sachverhaltsschema des Beschreibens ist zum größten Teil in Belegaktivitäten eingebettet oder wird einer Argumentation zur besseren Verständlichkeit bzw. zu deren Vorbereitung vorgeschaltet. Das Sachverhaltsschema des Erzählens tritt lediglich im Subsegment 1.1 zu Tage. [2]

Formale Auffälligkeiten

Das Interview zeichnet sich durch eine hohe Authentizität, Kooperationsbereitschaft und Offenheit seitens des Interviewpartners aus. An einigen Stellen reinterpretiert der Informant die Fragen der Interviewerin, um seine eigenen Relevanzstrukturen und Wirklichkeitskonzeptionen zu verfolgen und diese darzustellen. Durch die häufige Verwendung von Passivformen wirkt sein Sprachstil distanziert. Auffällig ist zudem seine metaphorische Ausdrucksweise, die ebenfalls auf die im Diskurs immanente begriffliche Vagheit verweist. Der Interviewte argumentiert häufig pauschalisierend und normativ. Dabei entstehen in seiner Argumentation Plausibilitätslücken. Müller tendiert in seinen Antworten zu Andeutungen, die er jedoch argumentativ nicht weiter fortführt.

  • [1] Die Feinsegmentierung in Form von Subsegmenten ist Bestandteil der Feinanalyse, die im zweiten Kapitel des Fallporträts erfolgt
  • [2] Dies ist nicht verwunderlich, da die gestellten Fragen auf Argumentationen sowie Praxisbeschreibungen und nicht auf Narrationen abzielen
 
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