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5.5.3 Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft ist – ähnlich wie die Kreativwirtschaft – als ein Branchenkomplex zu verstehen, der mehrere Branchen umfasst, die alle einen Bezug zum Thema Gesundheit haben. Daher ist es wenig überraschend, dass es bislang ebenfalls keine international verbindliche Definition dessen gibt, welche Branchen zur Gesundheitswirtschaft zu zählen sind.

Eine grundsätzliche Annäherung bietet die Definition, die auf der 1. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Deutschland im Jahr 2005 festgelegt wurde: „Gesundheitswirtschaft umfasst die Erstellung und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen, die der Bewahrung und Wiederherstellung von Gesundheit dienen“ (vgl. Klinkmann 2006: 2). Das Verständnis einer Gesundheitswirtschaft geht einher mit einem Paradigmenwechsel der öffentlichen Hand: So solle Gesundheit nicht mehr als reiner Kostenfaktor betrachtet werden, sondern vielmehr als „ein wichtiger Wirtschaftszweig, dessen Bedeutung weiter zunehmen wird“ (vgl. Henke et al. 2011: 4) und der durch hohe Innovationskraft und Beschäftigungsintensität geprägt sei.

Damit umfasst die Gesundheitswirtschaft eine Vielzahl von Branchen: Neben dem Gesundheitswesen mit Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen sowie der medizinischen Versorgung in Hausund Facharztpraxen gehören dazu ebenfalls die pharmazeutische Industrie und Life Sciences, die Medizintechnik und in einem weiteren Sinne auch Gesundheitstourismus und die Wellnessund Fitnessbranche.

Die deutsche Bundesregierung hat seit 2009 Bestrebungen unternommen, diesen Branchenkomplex für die volkswirtschaftliche Analyse begreifbarer zu machen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde die „Erstellung eines Satellitenkontos für die Gesundheitswirtschaft in Deutschland“ (Neumann et al. 2009) vorgeschlagen, d.h. eines klar definierten und abgrenzbaren Bereichs innerhalb der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Dazu war es nötig, die Gesundheitswirtschaft begründbar abzugrenzen und zu definieren. Als Ergebnis steht ein Stufenmodell, das die Gesundheitswirtschaft eingebettet in die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung darstellt, aber auch klare Grenzen zieht. Die Gesundheitswirtschaft besteht demnach aus drei Stufen:

„Gesundheitsspezifische Vorleistungen, die in der Wertschöpfung der Gesundheitswirtschaft berücksichtigt werden, bilden Stufe I. Stufe II umfasst den Kernbereich der Gesundheitswirtschaft,

d.h. jene Güter, die in einem solidarisch finanzierten Gesundheitswesen von den Krankenversicherern erstattet werden. Die Erweiterte Gesundheitswirtschaft bildet Stufe III und beinhaltet Güter mit Gesundheitsbezug, die aufgrund einer subjektiven Kaufentscheidung erworben werden. Hierzu zählen z.B. Gesundheitsreisen, Bio-Lebensmittel sowie Kleidung und Kosmetik mit Gesundheitsbezug“ (Paquet 2010: 46).

Die Gesundheitswirtschaft ist ein kapitalintensiver Branchenkomplex, der sehr stark von Innovationen und neuesten Forschungsergebnissen getrieben wird (vgl. im Folgenden Paquet 2010). Damit ist die Gesundheitswirtschaft auch riskant für Marktteilnehmer, da bei den zum Teil erheblichen Investitionen in Forschung und Entwicklung die Gefahr besteht, dass sich diese nicht rentieren. Auch die Regulierung spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg in der Gesundheitswirtschaft, etwa im Hinblick auf den Patentschutz von Pharmaprodukten aber auch auf Forschungsförderung. Ebenso hat aber die Ordnung des gesetzlichen Gesundheitswesens Einfluss darauf, welches Marktpotential besteht. Vom Geschäftsmodell her existiert in den staatlich finanzierten Bereichen der Gesundheitswirtschaft zudem die Sondersituation, dass der End-Konsument (d.h. der Patient) im Normalfall nicht über den Kauf von Produkten entscheidet – die Produktentscheidung trifft vielmehr der Arzt. Die Kosten schließlich werden von einer dritten Instanz getragen, den Versicherern.

Durch Clusterbildung in der Gesundheitswirtschaft sehen verschiedene Autoren das Potenzial für mehr Innovationsfähigkeit und Wachstum im Sektor (vgl. u.a. Fretschner et al. 2003; Ebel 2009). Gesundheitsbezogene Produkte und Dienstleistungen würden danach in Zukunft eine steigende Nachfrage erfahren. In der clusterorientierten Sichtweise der Gesundheitswirtschaft ist die ambulante und stationäre Versorgung von Patienten nur eine Stufe in einer Wertschöpfungskette, zu der auch technologieund kapitalintensive Zulieferindustrien gehören (vgl. Fretschner et al. 2003). Biotechnologie, Medizinund Gerontotechnik oder die pharmazeutische Industrie sind eng mit dem Gesundheitssystem vernetzt und wechselseitig voneinander abhängig; gleichzeitig sind dies hochinnovative und forschungsintensive Industrien, die von einer verstärkten Vernetzung profitieren.

 
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