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3.3 Erhebungsmethode: Experteninterview nach Meuser/Nagel

Methodologische Verortung in der empirischen Sozialforschung

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht die Rekonstruktion komplexer Wissensbestände im Sinne von Erfahrungsregeln von Expertinnen und Experten aus ausgewählten Segmenten des Erziehungsund Bildungssystems sowie aus der Bildungspolitik. Um einen Zugang zu diesem Erfahrungswissen zu erlangen, fiel die Wahl der Erhebungsmethode auf die von Meuser und Nagel (vgl. Meuser & Nagel 1991; 1994; 2010) vertretene, im qualitativen bzw. interpretativen Paradigma verortete Form des Experteninterviews. Meuser und Nagel charakterisieren das Experteninterview als eine offene, leitfadengestützte Form der qualitativen Interviews, in dessen Zentrum das Expertenwissen steht und das als Instrument der Theoriebildung eingesetzt wird (vgl. Meuser & Nagel 1994: 181). [1] Als häufige Einsatzfelder des Experteninterviews können die industriesoziologische Forschung, die soziologische Verwendungsforschung, die Organisationsforschung, die Bildungsforschung sowie die Evaluationsforschung genannt werden (vgl. Meuser & Nagel 2010: 457).

Meuser und Nagel konstatieren, dass es sich beim Experteninterview methodologisch betrachtet eher um ein „randständiges Verfahren“ (Meuser & Nagel 2010: 457) handelt, obgleich seine Verwendung in der Forschungspraxis weit verbreitet ist. Während in den 1990er Jahren nur wenig Methodenliteratur zum Experteninterview existiert, ist in den 2000er Jahren eine Zunahme der methodischen Reflexion zu verzeichnen (vgl. Meuser & Nagel 2010: 485). Ein möglicher Grund für die geringe Beachtung in entsprechenden methodologischen Lehrbzw. Handbüchern wird darin gesehen, dass dem Experteninterview im Rahmen von Forschungsvorhaben häufig eine explorative Funktion zugeschrieben wird. Der Einsatz erfolgt im Rahmen von Methodenkombinationen sowohl in quantitativ als auch in qualitativ ausgerichteten Forschungsvorhaben, um zusätzliche Informationen zum Forschungsthema zu gewinnen. Entsprechend des jeweiligen Forschungsinteresses wird hierbei eine unterschiedlich stark ausgeprägte Vorstrukturierung, eine unterschiedlich stark bzw. schwach ausgeprägte Offenheit bei der Handhabung des Leitfadens sowie der Einsatz unterschiedlicher Auswertungsverfahren vorgenommen (vgl. Bogner & Menz 2002: 34). Nach Bogner und Menz ist die Ursache für die kontroverse Diskussion um eine Methodologie des Experteninterviews weniger in einem methodologischen Grundsatzstreit, als vielmehr in einer mangelnden „Systematisierung der unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und Forschungsdesigns“ (Bogner & Menz 2002: 35) und damit verbunden in der Existenz unterschiedlicher Formen des Experteninterviews in der Forschungspraxis zu suchen. Sie differenzieren, in Abhängigkeit der jeweils erkenntnisleitenden Funktion, drei Formen: das explorative, das systematisierende und das theoriegenerierende Experteninterview (a.a.O.: 37-39).

Das explorative Experteninterview wird sowohl in quantitativ als auch in qualitativ ausgerichteten Forschungsdesigns angewendet. Es kann „zur Herstellung einer ersten Orientierung in einem thematisch neuen oder unübersichtlichen Feld dienen, (…) oder auch als Vorlauf zur Erstellung eines abschließenden Leitfadens. Explorative Interviews helfen in diesem Sinne das Untersuchungsgebiet thematisch zu strukturieren und Hypothesen zu generieren“ (Bogner & Menz 2002: 37). Es wird häufig eingesetzt, um zusätzliche Informationen in Form von Kontextwissen zu erheben.

Im Fokus des systematisierenden Experteninterviews, das oft im Rahmen von Forschungsvorhaben mit Methodenkombinationen angewendet wird, steht

„das aus der Praxis gewonnene, reflexiv verfügbare und spontan kommunizierbare Handlungsund Erfahrungswissen. Diese Form des Experteninterviews zielt auf systematische und lückenlose Informationsgewinnung“ (a.a.O.: 37). Aufgrund dessen erfolgt die Durchführung mittels eines ausdifferenzierten Leitfadens, wodurch eine thematische Vergleichbarkeit der erhobenen Daten bewirkt werden soll (vgl. a.a.O.: 38). [2]

Das theoriegenerierende Experteninterview umfasst „jene Form des Experteninterviews, wie sie methodisch-methodologisch von Meuser und Nagel begründet und entwickelt worden ist“ (a.a.O.: 38). Es dient nicht wie das explorative Experteninterview zur Vorbereitung des eigentlichen Forschungsprozesses oder wie das systematisierende Experteninterview der Informationsgewinnung, sondern

„zielt im Wesentlichen auf die kommunikative Erschließung und analytische Rekonstruktion der ,subjektiven Dimension' des Expertenwissens. [3] Subjektive Handlungsorientierungen und implizite Entscheidungsmaximen der Experten aus einem fachlichen Funktionsbereich bezeichnen hier den Ausgangspunkt der Theoriebildung. Ausgehend von der Vergleichbarkeit der Expertenäußerungen, die methodisch im Leitfaden und empirisch durch die gemeinsame organisatorisch-institutionelle Anbindung des Experten gesichert ist, wird eine theoretisch gehaltvolle Konzeptualisierung von (impliziten) Wissensbeständen, Weltbildern und Routinen angestrebt,

welche die Experten in ihrer Tätigkeit entwickeln und die konstitutiv sind für das Funktionieren von sozialen Systemen.“ (a.a.O.: 38)

Diese Form des Experteninterviews strebt eine Theoriebildung an, wie sie bei der von Glaser und Strauss entwickelten Grounded Theory vertreten wird (vgl. Kapitel 3.2). [4]

  • [1] Meuser und Nagel unterscheiden zwischen einer „zentralen und einer Randstellung“ (Meuser & Nagel 1991: 445) von Experteninterviews. Experteninterviews mit einer Randstellung haben nach Aussage der Autoren einen explorativ-erschließenden Charakter. Sie dienen der Gewinnung zusätzlicher Informationen (vgl. a.a.O.: 445). Bei Experteninterviews, die eine zentrale Stellung im Forschungsprozess einnehmen, steht das jeweils spezifische Expertenwissen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Meuser und Nagel beziehen ihre Ausführungen auf diese zuletzt angeführte Form der Experteninterviews
  • [2] Bogner und Menz (2002) vermuten, „dass die forschungspraktische Dominanz dieser Form einer reinen Wissensabfrage zu jenem eingeschränkten Verständnis des Expertengesprächs beigetragen hat, das dazu verleitet, den systematisierenden Typ als pars pro toto anzusehen. Womöglich ist es also paradoxerweise gerade auf die Popularität des systematisierenden Experteninterviews zurückzuführen, dass empirische Praxis und methodische Reflexion im Fall des Experteninterviews so wenig miteinander verbunden sind“ (a.a.O.: 38).
  • [3] Bogner und Menz (2002) sprechen hierbei auch von subjektivem Deutungswissen (Bogner & Menz 2002: 43).
  • [4] Bogner und Menz (2002) weisen darauf hin, dass der Fokus des theoriegenerierenden Experteninterviews auf der Erhebung von Deutungswissen liegt, „also jenen subjektiven Relevanzen, Regeln, Sichtweisen und Interpretationen des Experten, die das Bild vom Expertenwissen als eines heterogenen Konglomerats nahe legen (…) Das Expertenwissen als Deutungswissen wird erst vermittels der Datenerhebung und der Auswertungsprinzipien als solches ,hergestellt', es existiert nicht als eine interpretationsunabhängige Entität. In diesem Sinne ist das Expertenwissen immer eine Abstraktionsund Systematisierungsleistung des Forschers, eine ,analytische Konstruktion'“ (a.a.O.: 43-44).
 
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