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1 Einleitung

Wir leben im Zeitalter der Netzwerke – von den sozialen Netzwerken des Internets über die technischen Netzwerke moderner Infrastrukturen für Energieund Datenübertragung bis hin zu den Netzwerken in Wirtschaft und Wissenschaft. Der Netzwerktheoretiker Manuel Castells geht sogar so weit, Netzwerke als „neue soziale Morphologie unserer Gesellschaft“ zu beschreiben (Castells 2001, S. 527). Nach Castells werden sich im 21. Jahrhunderts alle relevanten Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft um die Organisationsform Netzwerk gruppieren.

Innerhalb von Unternehmen weichen starre Hierarchien zunehmend dezentralisierten Strukturen mit Netzwerkcharakter, die eine größere Flexibilität und schnellere Reaktion auf Wandel in der Unternehmensumwelt versprechen (Malone 2004). Auch für die Bildung von Netzwerken zwischen Organisationen gibt es starke Anreize: so können etwa Ressourcen über ein Netzwerk verteilt werden und bei Bedarf abgerufen werden, was den beteiligten Unternehmen ebenso ein flexibleres und schnelleres Handeln in einer dynamischen Umwelt ermöglicht (Sydow 2010). In besonderem Maße gilt dies auch für heutige Innovationsprozesse, die ein enges Zusammenspiel von verschiedenen Unternehmen – auch Wettbewerbern – und Forschungseinrichtungen erfordern (Sternberg 1999; Chesbrough 2003). Aus diesem Grund ist auch die Steuerung von Netzwerkorganisationen zunehmend ein wichtiges Thema der betriebswirtschaftlichen Literatur geworden (Sydow/Windeler 1997; Beck 1998; Windeler 2001; Sydow 2010).

Auch aus Perspektive der Organisationskommunikation lohnt sich die Auseinandersetzung mit Netzwerkorganisationen, da sie „eigenständige Strukturen und keine Spielart bekannter Organisationsformen sind“ (Zerfaß 2004: 409) und sich somit völlig neue Fragestellungen und Herausforderungen ergeben. Nicht alle Organisationen setzen ihre Kommunikation auf dieselbe Weise um. Dies gilt bereits für Unternehmen innerhalb einer Branche oder von derselben Größe. Noch viel mehr aber gilt dies für Organisationen verschiedenen Typs. Der jährlich durchgeführte European Communication Management Monitor (Zerfass et al. 2007ff.) macht die Unterschiede transparent, die in der Kommunikation zwischen Aktiengesellschaften, kleineren Unternehmen, Regierungsorganisationen, Non-ProfitOrganisationen und PR-Agenturen bestehen. Diese Unterschiede sind nicht weiter verwunderlich, denn Kommunikationsmanagement „ist stets Auftragskommunikation, die ihre Sinnstiftung aus der Organisation ableitet, in der sie verankert ist“ (Zerfaß 2007: 22).

Diese Arbeit widmet sich in Theorie und Empirie der Kommunikation einer besonderen Ausprägung von Netzwerkorganisationen, die in den 1990er und 2000er Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, aber noch nicht hinreichend aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive untersucht wurde: der Clusterorganisation. Clusterorganisationen sind auf die Förderung der Entstehung und Weiterentwicklung regionaler Wirtschaftscluster – oder einfach Cluster [1] – bezogen.

In den 1990er Jahren konnte noch der Eindruck entstehen, dass durch die Prozesse der Globalisierung und die umfassende Verfügbarkeit von Informationsund Kommunikationstechnologien und des Internets die Bedeutung des konkreten Ortes, von dem aus ein Unternehmen wirtschaftend tätig ist, an Gewicht verlieren würde. Dieses Szenario hat sich in dieser Form nicht bewahrheitet: Trotz Globalisierung der Wirtschaft hat die Bedeutung lokaler Wirtschaftsräume eher zugenommen (vgl. Asheim/Gertler 2003; Amin/Thrift 1994). Es existieren auch weiter deutlich wahrnehmbare regionale wirtschaftliche Stärken und Konzentrationen von Unternehmen einer Branche in bestimmten Städten und Regionen, die sich im globalen Wettbewerb behaupten und zu Knotenpunkten in den globalen Informations-, Investitionsund Produktionsflüssen werden (vgl. Amin/Thrift 1992; Heidenreich 1997). Die Diskussion um diese Ballungen und ihre Gründe und Effekte wird seit Beginn der 1990er Jahre unter dem Begriff regionaler Cluster geführt, der von dem HarvardÖkonomen Michael Porter in seinem Werk „The Competitive Advantage of Nations“ vorgestellt wurde (Porter 1990). Das Clusterkonzept hat seitdem deutliche Spuren in Wissenschaft und Praxis hinterlassen. In der Wissenschaft fachte das Konzept eine umfangreiche Diskussion über die Möglichkeiten an, Wettbewerbsund Innovationsfähigkeit in einer zunehmend globalisierten Welt zu erhalten (vgl. z.B. Baptista 1998; Porter 1998; Enright 2003; Ketels 2006). In der Praxis der Wirtschaftsförderung und Wirtschaftspolitik wurde das Konzept schnell als handlungssteuernde Maxime aufgegriffen und in Förderprogramme übersetzt (vgl. OECD 2000; Europäische Kommission 2003a, 2008; Floeting 2008).

Für die Entwicklung und Förderung von Clustern haben sich seit Beginn der 1990er Jahre Clusterorganisationen als neuer Organisationstyp entwickelt. Als Clusterorganisation werden in einer ersten Annäherung regional eingegrenzte branchenbezogene Netzwerke verstanden, die typischerweise Mitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik umfassen und eine koordinierende Instanz besitzen (z.B. in Form eines Vereins oder einer verantwortlichen Agentur). Sie können auf verschiedenste Weisen organisiert sein, gemeinsam ist ihnen jedoch das Ziel, regionale Cluster aufzubauen und zu erhalten (vgl. OECD 2001: 131; Sölvell et al. 2003: 31).

Als Plattform für den Dialog zwischen diesen verschiedenen Akteuren können sie dabei helfen, Probleme frühzeitig zu identifizieren und gemeinsam zu lösen. Die politischen Rahmenbedingungen in der Region können als Ergebnis effizienter abgestimmt oder auch neu akzentuiert werden. Gleichzeitig bietet sich in Clusterorganisationen eine Plattform dar, die den beteiligten Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen Engagement für und Identifizierung mit der Region ermöglicht (vgl. Kaminski 2009). Eine besonders wichtige Funktion von Clusterorganisationen kann aber auch darin bestehen, Innovationsprozesse zu befördern und zu beschleunigen (vgl. Enright 2003; Europäische Kommission 2012).

Es fließen weltweit erhebliche Investitionssummen in Clusterprogramme und Clusterorganisationen, häufig aus Steuergeldern finanziert. Als ein Beispiel sei der SpitzenclusterWettbewerb der deutschen Bundesregierung genannt, mit dem zwischen 2007 und 2017 insgesamt 600 Millionen Euro öffentlicher Förderung in 15 deutsche Cluster fließen (Philipsenburg 2008).

Angesichts der nach wie vor steigenden Bedeutung des Clusterkonzepts in der Wirtschaftspolitik bleiben Clusterorganisationen auch eine zukünftig relevante Organisationsform. Entsprechend sind Clusterorganisationen auch zunehmend mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Prozesse zu professionalisieren, denn „Clustermanagement muss heute gleichermaßen strategisch und operativ exzellent sein, um den künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein“ (Terstriep 2008: 68).

Clusterorganisationen sind bedingt durch ihre Verortung zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik „Zwitter“, die ganz unterschiedlichen Interessen gerecht werden, aber gleichzeitig die Position des „Dazwischen“ wahren müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Besonders bedeutsam wird dabei die Spannung zwischen öffentlichem Auftrag und privatwirtschaftlichem Interesse (vgl. Beer/Terstriep 2010). Clusterorganisationen müssen einerseits Leistungen vollbringen, die der Region als Ganzes von Nutzen sind, und andererseits die konkreten Nutzenerwartungen der Industriepartner erfüllen, die letztlich zu einem größeren Erfolg der einzelnen Unternehmens führen sollen.

Clusterorganisationen stehen entsprechend vor der permanenten Herausforderung, ihre Mitglieder einzubinden und zu koordinieren und weiter offen für neue Mitglieder zu sein. Nur wenn die Mitgliedschaft fortlaufend einen Mehrwert bietet und dieser auch wahrgenommen wird, bleiben existierende Mitglieder engagiert und lassen sich neue gewinnen. Insbesondere die Bereitschaft, die Organisation durch Beiträge zu finanzieren, hängt maßgeblich vom wahrgenommenen Nutzen ab (vgl. Beer/Terstriep 2010). Je mehr Mitglieder eine Clusterorganisation hat, desto komplexer wird auch deren Koordination, denn die Anzahl der Beziehungen untereinander steigt mit jedem neuen Mitglied exponentiell an (vgl. Provan/Kenis 2007). Gleichzeitig muss sich die Clusterorganisation um gute Beziehungen zu öffentlichen Fördermittelgebern und den Medien und eine international wahrnehmbare Marke bemühen. Dazu ist ein professionelles Kommunikationsmanagement vonnöten.

  • [1] In anderen wissenschaftlichen Kontexten hat der Begriff Cluster eine zum Teil stark abweichende Bedeutung – etwa in der Informatik (vgl. Bauke/Mertens 2006), der Physik (vgl. Reinhard/Suraud 2008) oder der Statistik (vgl. Bacher et al. 2010)
 
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