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3 Niedersachsen im Spiegel der Wissenschaft: Forschungsperspektiven

Der vorliegende Band hat das Ziel, dem Land Niedersachsen mit einer politikwissenschaftlichen Perspektive „näher zu kommen“, wie es in der Einleitung heißt. Viele Themen wurden eingehend behandelt, andere konnten aus Platzgründen nur angerissen werden. Bei der Beschäftigung mit ihren Themen stießen die Autoren auch immer wieder auf Forschungslücken, wie etwa Dietmar von Reeken in Bezug auf das Landesbewusstsein in Niedersachsen ab den späten 1960er bzw. den frühen 1970er Jahren. Ob und, wenn ja, wie sich das Land unter Gerhard Schröder um die Etablierung und Stärkung eines solchen Landesbewusstseins bemüht hat, ist bspw. eine offene Frage.

Darüber hinaus ist zu konstatieren, dass die Struktur der Verbändelandschaft in Niedersachsen und die Rolle von Verbänden in der Landespolitik von der politikwissenschaftlichen Forschung bis heute wenig beachtet worden sind. Relativ gut erforscht – zumindest für bestimmte Zeiträume und Aspekte der niedersächsischen Geschichte – ist lediglich das Verhältnis von Staat und Kirche.51 Zu anderen Interessengruppen, u.a. zur niedersächsischen Gewerkschaftsbewegung und den Industrieund Handelskammern, liegen hingegen nur für die ersten Nachkriegsjahre bzw. -jahrzehnte historisch-politikwissenschaftliche Arbeiten vor.52 Als wegweisend kann jedoch die Untersuchung „Landesver- bände im föderalen Staat – Eine empirische Studie der Kommunikation niedersächsischer Landesverbände“53 von Stefan Brieske aus dem Jahr 2005 bezeichnet werden. Ihr Schwerpunkt liegt zwar weniger auf der Darstellung des Wechselspiels zwischen staatlichen Akteuren auf der einen und Interessengruppen auf der anderen Seite als vielmehr auf der Analyse der Kommunikationsund Einflusskanäle diverser niedersächsischer Landesverbände (insgesamt wurden über fünfhundert Pressemitteilungen ausgewertet). Doch da Brieske die Verbändelandschaft in Niedersachsen zugleich systematisch beschreibt (u.a. hinsichtlich des Wirkungsgebietes, der Binnenorganisation und der Handlungsfelder der Interessenorganisationen)54 und im Anhang eine Übersicht der 522 ermittelten niedersächsischen Landesverbände zur Verfügung stellt, kann seine Studie die Basis für weitergehende Untersuchungen bilden. So ist z.B. gerade angesichts der regionalen Vielfalt Niedersachsens zu fragen, welche konkreten politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Faktoren sich wie auf die regionale Verbandsstruktur und -arbeit auswirken, welche Rolle der jeweilige Landesverband bzw. die Dachorganisation dabei spielen und wie die Interessenaushandlung zwischen den Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Verbänden im Einzelnen verläuft.

Weitgehend unerforscht sind bislang auch das Ausmaß der personellen Durchdringung der niedersächsischen Ministerien und anderer Landesbehörden mit nationalsozialistisch belasteten Mitarbeitern und die Frage, inwieweit ideologisches Gedankengut aus der NSZeit in die niedersächsische bzw. bundesdeutsche Gesetzgebung und Rechtsprechung Eingang fand.55 Wie diese Kontinuitäten aussehen können, hat der Vorsitzende der SPD-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag, Ralf Stegner, anschaulich für sein Bundesland beschrieben: „Vor Kurzem [sic!] war jemand bei mir, der über die Entschädigungspraxis in den Ländern promoviert. Er hat herausgefunden, dass die Struktur in Schleswig-Holstein, dass Nazis wieder in Ämter gekommen sind und etwas zu sagen hatten, dazu geführt hat, dass die Entschädigung von Naziopfern in Schleswig-Holstein sehr viel restriktiver ausgefallen ist als in allen anderen Ländern, bspw. im benachbarten Hamburg, und dass Menschen damit nicht nur in der Nazizeit verfolgt worden sind, sondern ihnen auch nachher als Opfer Hilfe versagt geblieben ist, weil solche Strukturen erhalten geblieben sind.“56 Inwieweit die Verwaltungspraxis in der Frühphase des Landes Niedersachsen von den nationalsozialistischen Vergangenheiten seiner Akteure geprägt war, ist bislang noch weitgehend eine offene Frage. Vorreiter ist in dieser Hinsicht das Land Baden-Württemberg, denn eines der Ziele der groß angelegten „Pionierstudie“57 „Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“58 besteht darin, Kontinuitäten und Diskontinuitäten bei den verwaltungskulturellen Praktiken wie auch bei den Karriereverläufen von Angehörigen des öffentlichen Dienstes herauszuarbeiten.59 Schließlich: Einer genauen wissenschaftlichen Untersuchung harrt bis heute die Geschichte der niedersächsischen SPD. Zwar liegen zahlreiche (populärwissenschaftliche und wissenschaftliche) Monografien wie auch Aufsätze zu einzelnen Phasen und/oder Persönlichkeiten der Partei vor.60 Doch eine dichte, quellenbasierte Gesamtdarstellung der niedersächsischen SPD fehlt bis heute, ist aber wegen ihrer langjährigen Vormachtstellung und ihres sehr großen Einflusses auf die Bundes-SPD61 mehr denn je vonnöten.62

 
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