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3 Proteste und Zivilgesellschaft in Niedersachsen seit 1946

Neben den zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie Vereinen und Initiativen, sind auch Protest und Protestbewegungen zentraler Bestandteil des politischen zivilgesellschaftlichen Engagements, vor allem indem sie immer auch eine wichtige Handlungsoption sowie Organisationsund Ausdrucksform für Akteure der Zivilgesellschaft darstellen – zu denken sei hier etwa an Bürgerinitiativen. Protestbewegungen formulieren Interessen, schaf-fen es – so sie wirkmächtig sind –, ihre Themen und Konflikte auf die politische Agenda zu setzen und ihre Interessen in den politischen Aushandlungsprozess einzuspeisen. Auch Niedersachsen ist und war in der Vergangenheit Ort des Protests. Die thematische Spanne reicht von Protesten im Bildungsbereich über solche gegen Infrastrukturprojekte, wie Autobahnen, bis hin zu umweltpolitischen Themen, wie bspw. die aktuellen Proteste gegen Fracking zeigen.

Grundsätzlich gilt jedoch, dass Protestbewegungen selten unter regionalen Gesichtspunkten diskutiert werden, obwohl gerade diese Formen sozialen Handelns oftmals einen engen Bezug zu ihrer lokalen Umgebung aufweisen, da es doch häufig darum geht, den Nahbereich zu gestalten, Veränderungen zu initiieren oder auch selbige zu verhindern. Zu denken ist etwa an die Proteste gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“, die in ganz überwiegendem Maße von Stuttgarter BürgerInnen getragen wurden. Der regionale Bezug dieser viel beachteten Protestbewegung wurde jedoch zumeist nur am Rande thematisiert, etwa im Hinblick auf spezifische kulturelle Faktoren.39

Sollen also im Folgenden Protestbewegungen in Niedersachsen betrachtet werden, wird es weniger um die spezifischen Prägungen dieser Bewegungen durch das Land gehen als etwa um ihre Verankerung in bestimmten sozialen Milieus. Beachtlich ist dennoch, dass zwei Protestbewegungen in niedersächsischen Regionen ihren Ausgangspunkt fanden, in denen sich wichtige Umbrüche der deutschen Gesellschaft nach 1945 ausdrückten, die sogar prägender Teil dieser Transformationen waren. Der sog. Schulstreit in den 1950er Jahren wurde überwiegend vom katholisch-klerikalen Milieu getragen, was im eher protestantisch geprägten Norden recht ungewöhnlich ist, gleichzeitig steht er aber für den gesamtgesellschaftlichen Prozess der Säkularisierung. Auch dass gerade das ländliche und periphere Wendland zu einem wichtigen Zentrum der deutschen Anti-Atombewegung geworden ist, mag zunächst überraschen. Der nachhaltige Erfolg dieser Bewegung, der gleichzeitig auch als typisch für den Aufstieg der „Neuen Sozialen Bewegungen“ bzw. des alternativen Milieus in Deutschland betrachtet werden kann, hängt aber gerade entscheidend von seiner ruralen Basis in der niedersächsischen Peripherie ab. Somit sind beide Protestbewegungen typischer Ausdruck von gesellschaftlichen und kulturellen Transformationen ihrer Zeit, die auch den ländlichen Charakter Niedersachsens ebenso stark geprägt haben, wie sie ihrerseits von ihm beeinflusst wurden.

 
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