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2.3 Sozial Benachteiligte

Insbesondere für Angehörige sozial schwacher Schichten gestaltet es sich enorm schwierig, Zugang zur Sphäre der Zivilgesellschaft zu finden. Arbeitslose, MigrantInnen, sozial schwache EinwohnerInnen von Problemstadtteilen beteiligen sich nur äußerst selten in Initiativen, Vereinen und Organisationen. Dies zeigt sich auch deutlich mit Blick auf die niedersächsischen Daten.

Die Gründe für die weitgehende Exklusion von sozial Benachteiligten liegen einerseits in den (impliziten) Voraussetzungen, die ein bürgerschaftliches Engagement im Regelfall mit sich bringt, andererseits aber auch in der Beteiligungskultur, die viele Initiativen und Gruppen auszeichnet.33

Bestimmte Ressourcen erleichtern ein zivilgesellschaftliches Engagement. Dazu gehören ein breites soziales Netzwerk, ein gewisses Maß an Selbstwirksamkeitserfahrungen, aber auch klassische Ressourcen wie Bildung und Zeit.34 Damit kann eine fehlende Arbeitsstelle gleich in mehrfacher Weise zum Hindernis für die Beteiligung von prekarisierten und marginalisierten Menschen werden: Mit dem Wegfall der Einbindung in die Arbeitswelt schrumpfen oft die sozialen Kontakte auf enge Freunde und Familie zusammen, gleichzeitig steigt der persönliche und auch der öffentliche Druck, sich möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren, was ein zeitaufwändiges Engagement meistens nicht zulässt. Solange Arbeitslosigkeit als individuelles Versagen begriffen wird, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, das nötige Selbstbewusstsein für das aktive Eingreifen in die Bürgergesellschaft aufzubauen.

Aber auch Sprache und Habitus der Zivilgesellschaft können sich zur Hürde einer weiteren Inklusion entwickeln. Beispielsweise sind Begriffe wie „Zivilgesellschaft“ oder „Bürgergesellschaft“ für Menschen mit geringem Bildungsgrad oder Nicht-Muttersprachler schwer zugänglich und können nur selten mit Inhalt gefüllt werden. Auch die Vorstellungen von Staatsbürgerschaft unterscheiden sich diametral: Während aus einer zivilgesellschaftlichen Perspektive die Betonung auf den staatsbürgerlichen Rechten der Individuen liegt, verbinden insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund die (teilweise fehlende deutsche) Staatsbürgerschaft oft mit Pflichten (z.B. Meldeoder Residenzpflicht) oder Erfahrungen des Ausschlusses.35

Viele Bürgerinitiativen haben zusätzlich einen Charakter ausgeprägt, in dem viel Wert auf Effizienz, Effektivität und Expertenwissen gelegt wird, alles Werte, die eng verbunden sind mit einer auf Leistung fixierten Arbeitsgesellschaft.36 Auch aus diesem Grund finden Menschen, die aus eben dieser Arbeitsgesellschaft herausgefallen sind, oft nur schwer Zugang zu der Arbeit von zivilgesellschaftlichen Gruppen.

Zusätzlich erschwert wird die fokussierte Ansprache von Unbeteiligten noch durch die völlig unterschiedlichen, sich teilweise gegenseitig ausschließenden Ansprüche, die verschiedene fernbleibende Gruppen stellen. So wird für die verbesserte Ansprache von jungen Menschen häufig vorgeschlagen, jungen AktivistInnen mehr Mitsprache, mehr Autonomie und mehr Selbstbestimmung im Engagement zu ermöglichen. Insbesondere jüngere Aktive und Frauen bemängeln in Niedersachsen eine unzureichende demokratische Mitbestimmung.37 Untersuchungen über besonders engagierte BewohnerInnen von sozialen Problemvierteln legen dagegen nahe, dass vielen eine feste Struktur, Verbindlichkeit und die Hilfestellung und Anleitung von professionellen SozialarbeiterInnen wichtig ist bzw. erst einen schrittweisen Einstieg in das Engagement ermöglicht hat. Insofern muss auch bei der Förderung von Engagement sehr genau beachtet werden, an wen sich die entsprechenden Angebote richten.38

 
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