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8 Fazit

Interessengruppen in Niedersachsen finden sich in allen landespolitisch einschlägigen politischen Handlungsfeldern. Auf Landesebene dominieren meist größere Organisationen, die sich häufig zu einer Dachoder Kuppelorganisation zusammengeschlossen haben, um so die Chancen der Interessenvertretung und der Handlungsfähigkeit in Bündnissen und Aktionen zu gewährleisten und möglichst mit einer Stimme zu sprechen. Vorportale existieren z.B. in den Bereichen Jugend, Frauen und Senioren (auch um die jeweilige Vielzahl kleinerer und regionaler Organisationen zu bündeln). Andere Organisationen (Verbände, Kirchen) bündeln ihre politischen Funktionen in Kontaktund Lobbybüros, um einen möglichst privilegierten Zugang zu politischen Entscheidungsträgern auf Landesebene zu fördern. Dies ist die eine Seite der empirisch beobachtbaren Formen der Kooperation zwischen Staat, Politik und Interessengruppen in Niedersachsen.

Auf der anderen Seite beobachten wir eine ausgesprochen dichte Landschaft von spezialisierten Fachverbänden, Regionalund Kreisverbänden und vielen örtlich tätigen Vereinen und Projekten, die die „Tiefendimension“ der niedersächsischen Zivilgesellschaft verkörpern. Diese Seite des Bürgerengagements ist inzwischen in Form der Landesauswertung der bisherigen Freiwilligensurveys erstmals wissenschaftlich erschlossen worden.100 Eine solche Kartierung und Expertise für den Bereich der Interessengruppen als Organisationen und ihrer meist policy-bezogenen formalen und informellen Kooperationen mit Institutionen des politischen Systems im Bundesland Niedersachsen steht leider noch aus. Die hier aufgezeigten Beispiele zeigen für einige ausgewählte Handlungsbereiche, welch dichtes und variables Netz der Interaktion und Kommunikation bereits existiert.

Aus politikwissenschaftlicher Perspektive bleiben drei Fragestellungen auf der Agenda: Inwieweit prägt die föderalstaatliche Kompetenzstruktur die Intensität der Tätigkeit von Interessengruppen in einem Bundesland? Inwieweit prägt die wechselnde parteipolitische Zusammensetzung von Landesregierungen in Niedersachsen die Strategien von Interessengruppen? Inwieweit wirken Professionalisierungsund Europäisierungsprozesse auf die landestypischen Besonderheiten der Organisation und Strategie von Interessengruppen ein? Trotz solcher offener Fragen scheint die Schlussfolgerung nicht zu gewagt, dass die Gestaltung und Entwicklung der Landespolitik in Niedersachsen ohne die Mitwirkung und ohne den Einfluss von Interessengruppen nicht vorstellbar erscheint. Zugleich haben sich die zivilgesellschaftlichen Organisationen und das darin erkennbare Engagement der Bürgerinnen und Bürger zu einem Strukturmerkmal der Demokratie in diesem Bundesland entwickelt, auch wenn dazu im politischen Alltag Konfliktlinien und Machtgefälle zwischen Gruppen und Handlungsfeldern gehören und gerade Interessengruppen in neuen Handlungsfeldern meist erst um ihre Einbindung in die etablierten Strukturen der Interessenvermittlung kämpfen müssen.

 
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