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1.2 Genese von Verbänden

Die Mehrheit der freiwilligen Organisationen in den Bereichen Arbeit, Freizeit, Politik und Sozialwesen ist sukzessive seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden.8 Insbesondere hat sich erst seit dieser Zeit die organisationsprägende Rechtsform des Vereins herausgebildet, die auch die übergroße Mehrheit der niedersächsischen Interessenorganisationen gewählt hat. Die Interessengruppen-Population eines Bundeslandes wird darüber hinaus geprägt durch Einflussgrößen wie Fläche, Einwohnerzahl, Zahl der Städte und Gemeinden, Verteilung der Gemeindegrößen, durch soziale und ökonomische Strukturmerkmale sowie durch den Verwaltungsaufbau des Landes. Hinzu kommt der Einfluss der vorherrschenden Formen politischer Problembearbeitung in einzelnen Politikfeldern. Die Interessengruppen-Population eines Bundeslandes ist schließlich auch das Produkt von Themenkonjunkturen und Problemlagen sowie vor allem von historisch gewachsenen und verformten Konfliktlagen im Lande. Niedersachsens Verbändelandschaft wurde u.a. geprägt durch die Wanderungsund Integrationsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie durch den Protest der „Göttinger Achtzehn“ (Atomwissenschaftler) gegen die Atombewaffnung 19579, aus der die erste Anti-Atombewegung entstand („Kampf dem Atomtod“). Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang auch die in den 1970er Jahren beginnenden Anti-Atomproteste in der Gemeinde Brokdorf im Wendland (Landkreis Lüchow-Dannenberg), die einen der wichtigsten Anstöße für die Entstehung der grünen Partei und der Alternativ-, Ökologieund Anti-AKW-Bewegung gaben.10

1.3 Territoriale Strukturen und Mehrebenen-Organisationen

Der Großteil der niedersächsischen Interessengruppen, die im Landesmaßstab tätig sind, hat in der Landeshauptstadt Hannover seinen Sitz. In vielen Fällen ist auch eine organisatorische Verbindung zum Bundesland Bremen erkennbar.11 Die Organisation eines Landesverbandes über mehrere Bundesländer hinweg kann bei unterschiedlicher Zusammensetzung der Landesregierungen zu der Notwendigkeit führen, Variationen in der politischen Lobbystrategie zu entwickeln, die nicht immer leicht zu managen sind.12 Die starke regionale Verschiedenheit des Landes schlägt sich darin nieder, dass die Organisationsebenen unterhalb der Landesebene über eine relativ große Selbstständigkeit verfügen. Zudem haben verschiedene Gebietsund Funktionalreformen (zuletzt die Auflösung der Bezirksregierungen und die Bildung der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg) dazu geführt, dass Verbände häufiger vor der Entscheidung standen, ob sie ihre Organisationsstrukturen der neuen Verwaltungsgliederung anpassten.

Unterhalb der Landesebene gibt es weitere Organisationsstufen von Interessengruppen. Verbände mit einstufiger Untergliederung kennen zumeist eine regionale Ebene (Bezirke). Bei Verbänden mit zweistufigen Untergliederungen finden wir neben der Regionalebene noch eine weitere Hierarchiestufe auf lokaler Ebene (Stadt oder Kreis). So bilden Kreisverbände und Ortsvereine die Basis des niedersächsischen Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Eine enge Orientierung an den politisch-administrativen Grenzen des Bundeslandes kennt die territoriale Gliederung des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV). § 5 der Satzung des Landessportbundes Niedersachsen (LSB) legt fest: „Die Sportbünde orientieren sich an den politischen Grenzen und denen ähnlicher Verwaltungsgliederungen.“13

1.4 Typologie

Die überwiegende Mehrzahl der niedersächsischen Verbände ist als Fachverband einzustufen. Als überfachliche und Einzelorganisationen überspannende „Organisationskuppeln“ können auf Arbeitnehmerseite die Gewerkschaftsdachverbände (DGB, DBB Beamtenbund und Tarifunion und CGB) und im Bereich der Wirtschaft die Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. (UVN), die Dachorganisationen des Handwerks und der Landwirtschaft sowie der Dachverband der Verbände der Selbstständigen genannt werden. Umfassende „Organisationskuppeln“ gibt es u.a. in den Bereichen Frauen, Jugend, Sport, Musik und Wohlfahrtspflege (Landesfrauenrat, Landesjugendring, Landessportbund, Landesmusikrat sowie Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege). Komplex ist auch die Struktur der Dachorganisation für Migrantenorganisationen: Die Arbeitsgemeinschaft von Migrantinnen, Migranten und Flüchtlingen in Niedersachsen (AMFN e.V.) besteht aus verschiedenen Vereinen und Einzelpersonen aus ganz Niedersachsen.14 Daneben existieren als sog. Kuppelorganisationen bzw. Einrichtungen der Politikberatung und Interessenvermittlung der Flüchtlingsrat Niedersachsen, der Niedersächsische Integrationsrat (NIR) und die Integrationskommission des Niedersächsischen Landtages.

 
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