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6 Deutsche Reichspartei

Am rechten Rand des Parteiensystems agierte in den fünfziger Jahren die Deutsche Reichspartei (DRP), deren Führer die Zusammenfassung deutschnationaler und nationalsozialistischer Bestrebungen zustande bringen wollten, um als Vertreter einer breit angelegten rechtsextremen Sammelpartei in die Parlamente von Bund und Land einzuziehen. Folgerichtig schwankte ihre Aktivität zwischen kooperativer Annäherung an konkurrierende Parteien (insbesondere DP, FDP und BHE) und autonomen Sammlungsversuchen. Aus kleineren Rechtsparteien hervorgegangen, geriet die im Januar 1950 gegründete, organisatorisch äußerst schwache DRP rasch in den Schatten der wirkungsvoller agierenden SRP. Nach deren Verbot übernahm die bundesweit relativ bedeutungslose DRP, deren Schwerpunkt in Niedersachsen lag, aber z.T. die Rolle eines Auffangbeckens für deren Wähler und wurde zur vorherrschenden Partei im rechtsextremen Lager.69 Ihre Vertretung im Niedersächsischen Landtag konnte die DRP von drei auf sechs Sitze verdoppeln; ihr Stimmenanteil stieg von 2,2 Prozent (1951) auf 3,8 Prozent (1955). Seit 1959 scheiterte sie auch bei Landtagswahlen, wie in den Bundestagswahlen 1953 bis 1961, an der Fünfprozentklausel.70

Der strategische Anspruch, zur Sammelpartei der nationalen Rechten in Westdeutschland zu werden, führte zu einer programmatischen Offenheit. Die Partei blieb auf der Suche nach einer gleichermaßen zeitgemäßen wie aussichtsreichen Nische für rechtsextreme Politik. Die Aktivitäten der DRP waren weder konzeptionell geprägt noch ideologisch fundiert: „Die Sehnsucht nach der rechten Einheitspartei überwog den Drang zur Überzeugungstreue.“71 Nicht weniger als acht verschiedene Programme in 15 Jahren spiegeln die Optionen einer grundsätzlichen Ausrichtung. Eine gewisse Konstante der politischen Orientierung bot die doppelte Gegnerschaft zum Kommunismus und zur Bundesrepublik, vor allem aber der absolute Vorrang der nationalen Frage, der Wiederherstellung des Deutschen Reiches. Dieses Reich sollte zunächst durch bewaffnete Neutralität zwischen Ost und West, später analog zu de Gaulles Vorstellung vom „Europa der Vaterländer“ als dritte Kraft in der Weltpolitik auftreten. In der Innenpolitik war die DRP am besitzenden Mittelstand orientiert, beklagte aber auch (mit wahltaktischer Zielrichtung) die soziale Not benachteiligter Randgruppen.72 Volksgemeinschaftliche und autoritär-konservative Züge zielten ebenfalls auf frühere SRP-Wähler.

Mit einer gewissen Sicherheit lässt sich sagen, dass in anderthalb Jahrzehnten etwa

20.000 Personen ihren Beitritt zur DRP erklärt haben. Genaue Mitgliederzahlen liegen aber nicht vor. Angesichts der beträchtlichen Fluktuation nicht nur der führenden Funktionäre, sondern auch der Mitglieder dürfte die durchschnittliche Mitgliederzahl bundesweit nicht wesentlich über 4.000 gelegen haben. Ungefähr die Hälfte davon stammte aus Niedersachsen. Über die Finanzen der Partei sind die verfügbaren Informationen ähnlich lückenhaft. Im Jahre 1963, immerhin einem Jahr mit Landtagswahlen in ihrem Kernland, soll die DRP über insgesamt 130.000 DM verfügt haben, davon etwa dreißig Prozent aus Mitgliedsbeiträgen und fast vierzig Prozent aus Spenden. Als große Spender wurden Fördergesellschaften der niedersächsischen Wirtschaft, das niedersächsische Landvolk sowie (nicht genauer bezeichnete) Repräsentanten einzelner Unternehmen erwähnt.73

Innerhalb des häufig wechselnden Führungspersonals spielte nur Adolf von Thadden74 eine dauerhafte Rolle, allerdings in unterschiedlichen Funktionen: MdB 1949 bis 1953, MdL in Niedersachsen 1955 bis 1959 und Bundesvorsitzender 1961 bis 1965. In den Jahren 1957/58 gehörte er auch zu den DRP-Hospitanten in der gemeinsamen Landtagsfraktion von BHE und FDP, deren Versuch, eine „Dritte Kraft“ zwischen CDU und SPD zu begründen, die Entlassung der BHEund FDP-Minister aus der von Hellwege (DP) geführten Landesregierung auslöste. Als größten Erfolg der jahrelangen Sammlungsbestrebungen konnte von Thadden die Gründung der NPD verzeichnen, bei der er sich (zunächst) aber mit der nachgeordneten Rolle als stellvertretender Vorsitzender begnügte.

 
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