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5 Deutsche Zentrums-Partei

Seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts hatte die Zentrumspartei einen weiteren traditionellen Konflikt in der deutschen Gesellschaft, den Gegensatz zwischen protestantischer Mehrheit und katholischer Minderheit, politisch repräsentiert. Entstanden war die Partei aus der Konfrontation mit dem preußischen Staat und der Politik Bismarcks, dessen „Kulturkampf“ die Tätigkeit der katholischen Kirche staatlicher Kontrolle unterwerfen wollte.60

Nach 1945 schien der konfessionelle Gegensatz durch Gründung der CDU parteipolitisch überwunden. Nur in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gab es noch nennenswerte Kräfte, die ungeachtet der kirchlichen Empfehlung eine eigenständige katholische Position aufrechtzuerhalten suchten. Die Neugründung einer Deutschen Zentrums-Partei (DZP) erfolgte deshalb im Oktober 1945 zunächst in Westfalen und im Rheinland. Erst Ende Dezember 1946 bildete sich deren Landesverband Niedersachsen. „Eine einheitliche Bundesorganisation kam [..] ebenso wenig zustande wie eine einheitliche Programmatik aller Gliederungen […].“61

Generell verstand sich die DZP als „Partei der schöpferischen Mitte und des sozialen Ausgleichs“.62 Programmatisch orientierte sich die DZP an den Grundsätzen der katholi-schen Soziallehre, also eines in kleinere Einheiten gegliederten gesellschaftlichen Lebens. Die spezifische Mischung von kulturpolitisch konservativen Vorstellungen (Bekenntnisschule, Elternrecht, Schutz von Ehe und Familie) und sozialpolitisch progressiven Ansätzen (u.a. Vergesellschaftung von einzelnen Wirtschaftszweigen) entsprach den ambivalenten Positionen einzelner Führungskräfte, aber auch der notwendigen Abgrenzung zur CDU.63 In der Tagespolitik vertrat die DZP vor allem die kulturund kommunalpolitischen Interessen eines „noch immer relativ geschlossenen sozialen Milieu[s]“64 im westlichen Niedersachsen, das von einer Durchmischung der Bevölkerung, wie sie aus Folgen des Krieges (insbesondere der Zerstörung großer Städte und dem Zustrom von Flüchtlingen) resultierte, wenig betroffen war.

Bei der Landtagswahl 1947 errang die DZP in Niedersachsen 4,1 Prozent der gültigen Stimmen und sechs Mandate. Die Schwerpunkte der Wählerschaft im Lande lagen in den Traditionsgebieten (Emsland, Süd-Oldenburg und Eichsfeld). In der Landtagswahl 1951 gewann die DZP noch 3,3 Prozent der Stimmen. Hochburgen waren die Kreise Lingen, Cloppenburg und Vechta (mit jeweils etwa dreißig Prozent DZP-Wählern). Eine kleinteilige Analyse der Wählerschaft in diesen Jahren weist die niedersächsische DZP als eine Partei des ländlichen Raumes, überwiegend sogar der kleinen Gemeinden mit mittelständischer Sozialstruktur in ihren Traditionsgebieten aus. Dort gewann sie im Durchschnitt mehr als zwanzig Prozent der örtlichen Wähler. 1955 gelang es der Partei letztmalig, einen Sitz im Landtag zu erringen (mit 1,1 Prozent der Stimmen). 1968 bestanden in Niedersachsen noch neun Kreisverbände der DZP, die Partei hatte aber bereits 1959 ihre politische Bedeutung verloren.65

Die als Honoratiorenpartei anzusehende DZP soll während der späten vierziger Jahre etwa 50.000 Mitglieder gehabt haben. Am Ende der 1950er waren es dann noch maximal

4.000. Die Erwartung, diese Personen könnten die Parteiarbeit finanziert haben, ist völlig unrealistisch. Weder war das Beitragsinkasso der Kreisverbände effizient, noch konnten sich Bundesund Landesvorstände auf die Zahlung der festgelegten Kreisumlagen verlassen. Stabilisiert wurden die Finanzen der Partei durch Abgaben der Bundesund Landtagsabgeordneten. Das Ausscheiden der DZP-Vertreter aus den Landtagen in NordrheinWestfalen (1958) und Niedersachsen (1959) ließen auch diese Quelle versiegen.66

Die niedersächsische DZP stellte mit Georg Kassenbrock (aus Osnabrück) von 1947 bis 1950 einen Minister für Sonderaufgaben, von 1950 bis 1953 mit Otto Krapp (aus Vechta) den Justizminister in den Kabinetten Kopf (SPD). Grund für das Ausscheiden aus der Regierung waren Gegensätze in der Beratung über das Schulgesetz.67 Vertreter der DZP in den Kreistagen und Gemeinderäten der katholischen Traditionsgebiete waren ganz überwiegend Selbstständige, meist Landwirte, seltener Gewerbetreibende aus Handwerk und Handel. Die DZP-Politiker der kommunalen Ebene spiegelten also durchaus die Sozialstruktur der örtlichen Gesellschaft. Im Zeitablauf ist bei Gemeinderatsmitgliedern, nicht aber bei den Vertretern in den Kreistagen (mit sinkender Gesamtzahl) sogar ein steigender Anteil der Landwirtschaft festzustellen.68

 
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