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1 Deutsche Partei

Besonders ausgeprägt sichtbar wurde der Konflikt in den Bezirken Stade und Lüneburg, dem Traditionsgebiet der welfischen Bewegung. Diese Bewegung geht zurück auf die Annexion des von den Welfen regierten Königreichs Hannover durch Preußen nach dem Krieg von 1866. Die Anhänger des abgesetzten Königs forderten zunächst, die Selbstständigkeit des Landes Hannover wiederherzustellen, später die Bildung eines eigenständigen Landes Niedersachsen. Ihre politische Vertretung in den Reichstagen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik war die Deutsch-Hannoversche Partei (DHP).4 Deren Anhänger gründeten 1945 in Hannover und Stade die Niedersächsische Landespartei (NLP), erreichten ihre Zulassung durch die britische Besatzungsmacht und kandidierten mit Erfolg bei der Landtagswahl 1947. Zur Vorbereitung einer bundesweiten Tätigkeit diente die im Juni 1947 vollzogene Umbenennung in Deutsche Partei (DP). Die angestrebte Ausdehnung der Partei erfolgte zunächst im norddeutschen Raum, nach Bremen, Hamburg und SchleswigHolstein, später auch in andere Bundesländer. Niedersachsen blieb aber für die bundesweit agierende DP das Stammland. Hier lebte die Masse der Parteimitglieder, hier fand die Partei bei Bundestagswahlen ihre meisten Wähler, hier gewann sie 1949, 1953 und 1957 einige Direktmandate5 und hier war sie bis 1963 regelmäßig im Landtag vertreten.

Für die politische Ausdehnung der DP über Niedersachsen hinaus stand in der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein beträchtliches Potenzial zur Verfügung, die ehemaligen Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und ihrer Nebenorganisationen. Der Versuch, diesen Personenkreis zu gewinnen, wurde auch unternommen, stieß aber auf erhebliche Schwierigkeiten: Zum einen traten rasch andere Parteien (FDP, BHE, SRP und DRP) mit der DP in den Wettbewerb um diese Zielgruppe ein. Zum anderen war die edelmütige Vorstellung der DP-Führung, alle nicht durch persönliche Schuld Belasteten seien als Wähler und Mitglieder willkommen, ehemalige Amtsträger der NS-Herrschaft sollten sich aber bei der Übernahme von Funktionen und Mandaten zurückhalten6, nicht zu realisieren. Schließlich konnte die gewollte Offenheit durch programmatische Unschärfe weder traditionelle noch umworbene Gruppen wirksam einbinden. Die DP blieb im Wesentlichen auf eine annähernd gleichgroße Wähler-schaft beschränkt und musste sich bei manchen Funktionären (vor allem in den neuen Landesverbänden) mit einer ausgeprägten NS-Vergangenheit auseinandersetzen.

Am 21. März 1946 übernahm der spätere Bundesminister (1949–1955) und niedersächsische Ministerpräsident (1955–1959) Heinrich Hellwege vorläufig, am 23. Mai 1946 dauerhaft den Vorsitz der Partei im Lande und 1947 zusätzlich den der Bundespartei.7 Weitere Repräsentanten der DP aus Niedersachsen waren die späteren Bundesminister Hans-Christoph Seebohm und Hans-Joachim von Merkatz8 sowie der spätere Landesminister Richard Langeheine. Versuche der DP, einem Schwund des Wählerpotenzials entgegenzuarbeiten, führten zum Wahlbündnis „Niederdeutsche Union“ (mit der CDU 1951), zu innerparteilichen Flügelkämpfen um „nationale Opposition“ oder „konservative Erneuerung“ (1952)9 und schließlich im April 1961 zu einer Fusion mit dem BHE zur Gesamtdeutschen Partei (GDP), die aber sowohl bei der Bundestagswahl im gleichen Jahr als auch bei der Landtagswahl 1963 von den örtlichen Funktionären der Partei ebenso wenig akzeptiert wurde wie von ihrer regionalen Wählerklientel.10

Im Herbst 1949 beteiligte die DP sich als Koalitionspartner an der ersten Bundesregierung, nachdem Adenauer zehn Forderungen Hellweges akzeptiert hatte.11 Zur Entwicklung des Landes Niedersachsen hat die welfische Bewegung (indirekt also die DP) nur die ursprüngliche Forderung nach dessen Errichtung beigetragen. Die tatsächliche Entscheidung fiel im Zusammenwirken des späteren Ministerpräsidenten, Hinrich Wilhelm Kopf (SPD), mit der britischen Besatzungsmacht. Auch aus der Regierungsperiode einer DP-geführten Landesregierung (in unterschiedlichen Koalitionen 1955–1959) sind besondere landespolitische Schwerpunkte nicht zu berichten. Die Weichen zur Bewältigung der Kriegsfolgen waren durch die Vorgängerregierungen bereits gestellt.

Mit Stimmenanteilen von fast 18 Prozent (1947) und über zwölf Prozent (1955 und 1959) war die NLP/DP bei Landtagswahlen jeweils die drittstärkste Partei in Niedersachsen, anfangs nur mit geringem Abstand hinter der CDU. Das Wahlbündnis „Niederdeutsche Union“ (NU, 1951) war jedoch für beide Parteien ein Debakel.12 Als Repräsentantin des welfischen Milieus hatte die DP ihre Hochburgen in den agrarisch-handwerklichen Regionen des nordöstlichen Niedersachsen (Bezirke Stade und Lüneburg). Ihre Diasporagebiete lagen entsprechend in den westlichen Landesteilen (Bezirke Ostfriesland, Oldenburg, Osnabrück). Obwohl die DP ihre Wähler vor allem als „Heimatpartei“13 der welfischen Traditionsgebiete mobilisieren konnte, verhielten sich ihre führenden Repräsentanten im Landtag und im Bundestag keineswegs regionalbezogen14, sondern vertraten überwiegend eine bürgerlich-konservative Orientierung, ohne die spezifischen Merkmale ihrer Herkunft herauszustellen.

Das ist insofern auch wenig überraschend, als unter den bekanntesten Parteiführern der „Chefideologe“ von Merkatz eher eine preußische als eine welfische Prägung aufwies und der Spitzenpolitiker mit besonders hoher Öffentlichkeitswirkung, Bundesminister Seebohm, wahlweise als Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, als Präsident der IHK Braunschweig oder als Fachminister für Verkehr (und damit jeweils außerhalb der welfischen Bewegung) hervortrat. Der Landesund Bundesvorsitzende der Partei, Heinrich Hellwege, pflegte von seinem Bonner Ministerium (faktisch einer Parteizentrale der DP15) oder von seinem stattlichen Anwesen im Alten Land aus vor allem den Umgang mit den tragenden Funktionären seiner Honoratiorenpartei, den örtlichen Aktivisten der agrarisch-handwerklichen Parteibasis.

Ausreichende Mittel für die politische Tätigkeit der DP konnten (oder wollten) die Mitglieder allein nicht aufbringen. Selbst Kreisverbände in den Kerngebieten erzielten mehr Einnahmen aus Spenden als aus Mitgliedsbeiträgen. Für Wahlkämpfe in Land und Bund wurden regelmäßig Spenden aus der Industrie eingeworben. Dabei waren die entsprechenden Kontakte des Schatzmeisters Seebohm unverzichtbar, gemeinsames Agieren mit der CDU durchaus üblich.16 Auch die parlamentarisch-politische und programmatische Abgrenzung zur CDU erwies sich auf Dauer als schwierig. Gemeinsame Regierungstätigkeit in Bund (1949–1961) und Land (1955–1959), regelmäßige Wahlabsprachen in Bundestagswahlkreisen und eine gemeinsame Landtagsfraktion (1951–1959) leisteten zur Präsentation eigenen Profils sicherlich keinen Beitrag.17

Die Gleichgültigkeit vieler Parteiführer gegenüber den tragenden Pfeilern der Wählerresonanz in einem personalintegrierten Milieu, hochfliegende Pläne für eine zunächst flächendeckende, dann bundesweite Ausbreitung der Partei, für eine wahlweise „konservative“ oder „nationale“ Sammlung sowie Fusionsprojekte mit anderen bürgerlichen Parteien (Freie Volkspartei [FVP], GDP) beschleunigten die Entfremdung zwischen treuen „Welfen“ (vor Ort, unter den Wählern) und nach Sicherung ihrer politischen Bedeutung strebenden Führungskräften. Schließlich hatte die Volkspartei CDU für die Sammlung von Wählern unterschiedlicher Herkunftsmilieus das erfolgreichere Konzept18 (bürgerlicher „Kanzlerwahlverein“ mit christlichen, konservativen und liberalen Wurzeln). Als die aus der Not der Fünfprozentklausel geborene Fusion der DP mit dem BHE zur GDP anstand, zogen zahlreiche Parteiführer, Minister und Abgeordnete ganz persönlich den Eintritt in die CDU vor. Viele Stammwähler folgten ihnen 1961 bzw. 1963.

Innerhalb der Gesamtpartei DP hatte der Landesverband Niedersachsen immer eine besonders starke Stellung durch deutlich hervortretende Wähler-, Mitglieder-, Aktivistenund Abgeordnetenzahlen. Den 35.000 DP-Mitgliedern in Niedersachsen standen nur etwa 10.000 in den anderen Landesverbänden gegenüber.19 Dieses Gewicht fand seinen Niederschlag lange Zeit in einem mäßigenden Einfluss – gegen die Niedersachsen („sturmfest und erdverwachsen“) war keine Parteipolitik zu profilieren. Als sich dies änderte, war das Schicksal der DP besiegelt.20

 
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