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Die politischen Parteien

Die SPD in Niedersachsen

Rote Bastion auf tönernen Füßen

Matthias Micus

„Die SPD“, so beschreibt die Historikerin Helga Grebing die unmittelbare Nachkriegszeit in Niedersachsen, „trat 1945/46 in doppelter Gestalt auf die politische Bühne.“1 Sie meint damit, dass sie damals sowohl wiederals auch neugegründet wurde. Einerseits hatten in Niedersachsen – ebenso wie bundesweit in den vormaligen Parteihochburgen – vielfach Sozialdemokraten auch in den Jahren von Verbot und Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime die alten Kontakte gepflegt, die bestehenden Verbindungen aufrechterhalten und sich – in vermeintlich unpolitischem Rahmen – weiter getroffen. Daran knüpften sie, nach dem Weltkrieg und dem Untergang des Hitler-Faschismus, an und reorganisierten sich auf diese Weise.

Andererseits wurde die Sozialdemokratie an etlichen Orten 1945 und in den Folgejahren neugegründet, wurden Ortsverbände in Landesteilen ins Leben gerufen, die zuvor weiße Flecken auf der sozialdemokratischen Organisationskarte gewesen waren. Eine wichtige Rolle spielten hier die Flüchtlinge, im Nachkriegs-Niedersachsen ohnehin eine wichtige Bevölkerungsgruppe. Allein schon zahlenmäßig, umfassten sie doch bis zu einem Drittel der Gesamtbevölkerung. Nur in Schleswig-Holstein war dieser Anteil noch höher, in absoluten Zahlen aber Niedersachsen das Hauptzielgebiet der Wanderungsströme aus dem Osten.

Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass auch die prägende Figur der westdeutschen Nachkriegs-SPD, ihr erster Parteiund Fraktionsvorsitzender, Kurt Schuma-cher, bis 1949 von Hannover aus operierte. Denn ein Vertriebener war auch er, wenn auch nicht aus den preußischen Provinzen. Seit 1920 war Schumachers Lebensund Arbeitsmittelpunkt die Stadt Stuttgart im Volksstaat Württemberg gewesen. 1943 wies ihm die Gestapo nach einem beinahe zehnjährigen Martyrium in nationalsozialistischen Lagern Hannover als Aufenthaltsort zu. Die Nationalsozialisten wollten ganz sichergehen, dass er politisch nicht mehr gegen sie aktiv werden würde, in Stuttgart hätte er an sein altes Beziehungsnetzwerk anknüpfen können, in der Leinestadt dagegen kannte ihn niemand.

Durch den Zufall dieser Zuweisung wurde Hannover in den ersten Nachkriegsjahren bis 1949 zum Zentrum der westdeutschen Sozialdemokratie. Hier hatte das „Büro Dr. Schumacher“ seinen Sitz, die Keimzelle der gesamten Partei, von hier aus knüpfte Schumacher Verbindungen zu anderen Sozialdemokraten in der britischen, amerikanischen und französischen Zone. In Hannover – genauer in Wennigsen – setzte er auf einer „Reichs-Konferenz“ seinen Führungsanspruch gegen Otto Grotewohl und den Berliner Zentralausschuss durch, in Hannover auch wurde er am 9. Mai 1946 beim ersten Bundesparteitag der SPD nach dem Krieg zum Bundesvorsitzenden gewählt.2

In diesen ersten Nachkriegsjahren war die niedersächsische Hauptstadt – und nicht oder noch nicht Dortmund – folglich so etwas wie die Herzkammer der Sozialdemokratie. Und das, obwohl Niedersachsen mit Blick auf wichtige Kenndaten der Sozialstruktur, kultureller Traditionen und politischer Mentalitäten dies kaum vermuten ließ. So wurde den Menschen im Niedersächsischen etwa spätestens seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert neben einer gewissen kühlen Reserviertheit ein Hang zu Zähigkeit und soldatischer Tüchtigkeit nachgesagt, vor allem aber galt als charakteristisch ihre besonders ausgeprägte Treue zum Überlieferten, mithin ihr Konservatismus.3

Dieser spezifische niedersächsische „Stammescharakter“ bildete einen fruchtbaren Boden für einen hartnäckigen Rechtsradikalismus: Ende der 1920er und Anfang 1930er Jahre zeigten sich die niedersächsischen Territorien insofern nicht zufällig als anfällig für den Nationalsozialismus. Die Stimmen für die NSDAP lagen seinerzeit in der Provinz Hannover über dem Reichsdurchschnitt, in manchen Bezirken wie Osnabrück und Hildesheim deutlich. Im Land Braunschweig gelangte die Hitlerbewegung bereits 1930 an die Regierung, hier wurde Hitler 1932 Regierungsrat und dadurch deutscher Staatsbürger. Und in Oldenburg errang die NSDAP schon 1932, ein Jahr vor der Machtergreifung im Reich, die absolute Mehrheit.4

Und der Rechtsdrall niedersächsischen Wahlverhaltens hielt sich auch über den Zusammenbruch des Nationalsozialismus hinaus, 1945 war diesbezüglich keine „Stunde Null“. Die rechtsradikalen Parteien DRP und SRP erzielten in den frühen 1950er Jahren in Niedersachsen spektakuläre Wahlerfolge, Versatzstücke nationalsozialistischen Denkens hielten sich insbesondere unter den mittelbäuerlichen ländlichen Eliten zäh, in diesem – so schien es damals, bis in die siebziger Jahre hinein – „Stammland des deutschen Nachkriegsrechtsradikalismus“.5

Kurzum: Eine selbstverständliche Regierungsbeteiligung, ja die fast durchgängige Regierungsführung von Sozialdemokraten, wie sie zwischen 1947 und 1976 gegeben war, konnte vor diesem Hintergrund keineswegs erwartet werden. Und ganz so links, wie es die Kabinettslisten suggerieren mögen, waren die Verhältnisse in Niedersachsen denn auch damals schon nicht. So blieb etwa die SPD von 1947 bis 1970 zwar bei allen Landtagswahlen die stärkste Kraft, doch bestand mit Ausnahme der ersten Wahl 1947 stets eine Mehrheit rechts von der SPD.6

 
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