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7 Fazit: Land der verspäteten Modernisierung

In Niedersachsen war das bürgerliche Lager tiefgreifender und regional differenzierter zerklüftet als im Rest der Republik. Konfessionelle, landsmannschaftliche und berufliche Differenzen sowie ein erkennbarer Stadt-Land-Gegensatz standen einer Einigung unter dem Dach der CDU lange Zeit stärker entgegen als in anderen Bundesländern. Demgegenüber konnte sich die SPD auf eine verlässliche Wählerschaft stützen, bot mit Ministerpräsident Kopf eine wichtige Integrationsfigur auf, hatte frühzeitig Zugänge zu neuen Wählerschaften erschlossen und nutzte zugleich die Differenzen im bürgerlichen Lager aus. Auf dieser Basis konnte die SPD der CDU auch dann noch Paroli bieten, als diese das Wählerpotenzial von DP und Zentrum vollständig aufsog und schließlich auch im Lager der Nichtwähler stark schöpfte.

Ab Mitte der 1970er Jahre veränderte sich dann das Wahlverhalten der Niedersachsen. Für rund eine Dekade verfügte die CDU über die verlässlichere und strukturell stärkere Wählerschaft, die zudem auch jene Schichten erreichte, die zuvor eher der SPD gewogen waren. Zugleich erlitt die SPD Verluste bei den jungen und urbanen Wählerschaften, die sich um das Jahr 1980 herum für die Grünen entschieden. Diesen Verlust konnte die SPD jedoch in den 1980er Jahren wieder wettmachen, indem sie die modernen Mittelschichten zunehmend für sich erschloss und hernach auch der CDU einen Teil ihrer Stammwählerschaft abspenstig machte. Die CDU fiel unterdessen auf einen niedrigeren Sockel zurück, der sich allerdings als recht beständig herausstellte und genügte, um die nach 1998 arg geschrumpfte SPD-Wählerschaft auf Distanz zu halten.

Trotzdem gibt es gewisse Konstanten, die trotz der Auflockerung der Milieus und trotz einer wachsenden Volatilität der niedersächsischen Wählerschaft fortbestehen. Die SPD rekrutiert ihre Wählerschaft vorwiegend in den Großstädten, im Süden und im Südosten des Landes sowie im äußersten Nordwesten. Demgegenüber besitzt die SPD größere Akzeptanzprobleme in den Gebieten mit hohem Katholikenanteil und im ländlichen Raum Nordniedersachsens. Allerdings fallen die Stimmergebnisse beileibe nicht mehr so gravierend auseinander wie in den 1950er Jahren. Die SPD hat erkennbar an volksparteilichem Charakter gewonnen, den sie auch im Niedergang ihres Stimmergebnisses bewahrt hat.

Auch die CDU bewahrte einen Teil von Kontinuität, erweiterte sich aber zur Volkspartei. Sie war von Anfang an in den Gebieten mit katholischer Bevölkerung die tonangebende Partei und kann sich bis heute dort ihrer besten Stimmergebnisse gewiss sein. Nach dem Niedergang der DP sicherte sie sich zudem deren Wählerschaft nahezu vollständig. Als Sammlungsbewegung wirkte die CDU zudem mit der Zeit auch ausstrahlungsfähig auf jene Wähler, die sich zuvor der Stimme enthalten hatten. Zwei Mal gelang der CDU von diesem Sockel ausgehend ein massiver Einbruch in die Wählerschaften der SPD. Ab Mitte der 1970er Jahre erreichte sie für rund 15 Jahre eine moderne Mittelschicht und erlangte zudem beträchtliche Zustimmung bei einem Teil der Arbeiterschaft. In der Ära Schröder verlor sie diese Wählerschaft nach und nach wieder an die SPD, aber auch die Grünen konnten dort überdurchschnittlich gut abschneiden. 2003 gelang der CDU zwar eine Rückkehr zu alter Stärke in ihren teilweise erodierten Hochburgen und überdies sogar ein flächendeckender Erfolg in den zuvor weitgehend uneinnehmbaren südund südostniedersächsischen Hochburgen der SPD sowie in den Großstädten. Dieses konnte sie 2008 jedoch nur bedingt verstetigen, als sie auf ihr altes Niveau zurückfiel.

Am stärksten hat sich die Wählerschaft der FDP verändert. In ihren Hochburgen im Nordwesten verlor sie ihre starke Stellung an die CDU, in ihrer einstigen Hochburg Göttingen dominieren heute SPD und Grüne das politische Geschehen. Nachdem die FDP zunächst das Erbe des anfangs sehr erfolgreichen Rechtsradikalismus im Land anzutreten versucht hatte und dieser Versuch fehlgeschlagen war, schwenkte die FDP sodann auf eine sozialliberale Orientierung ein und wurde in den 1970er Jahren so zur Partei des urbanen Bürgertums, bis ihr die Grünen die Stellung als Großstadtpartei streitig machten. In den 1980er Jahren war die FDP dann eine Partei der Beamten und prägte danach mehr und mehr das Profil einer Klientelpartei für den selbstständigen Mittelstand aus, womit sie flächendeckend gewisse Erfolge erzielte, trotzdem immer wieder davon bedroht war, den Sprung in den Landtag zu verpassen.

SPD, CDU und Grüne verfügen demgegenüber über recht verlässliche Wählerschaften. Allerdings ist das Sockelpotenzial der beiden Volksparteien so weit erodiert, dass weder SPD noch CDU sich allzu gewiss sein können, die Wahlen im Land zu gewinnen; absolute Mehrheiten sind für beide absehbar unerreichbar, sodass in Niedersachsen die Bildung von Koalitionen auch künftig prägend sein dürfte. Zudem hat es zuletzt alle zehn bis 15 Jahre Regierungswechsel gegeben. Es spricht viel dafür, dass die Wähler im Land mal der einen und mal der anderen Seite zuneigen werden und somit alternierende Regierungswechsel wohl stilprägend für das Regierungssystem sein könnten.

 
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