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4 Die Grünen kommen

Als Albrecht so 1978 das erste Mal die absolute Mandatsmehrheit im Landtag gewann, schickte sich zugleich ein neuer Akteur an, die politische Bühne im Land zu betreten. Auf kommunaler Ebene hatten 1977 in Hildesheim und Hameln bereits zwei ökologisch ausgerichtete Wählergemeinschaften Mandate in den Kreistagen gewonnen. Aus diesen Wählerlisten erwuchs die Grüne Liste Umweltschutz (GLU), die 1978 dann zur Landtagswahl antreten und 1980 in die Bundespartei Die Grünen aufgehen sollte.73 Drei Entwicklungen beförderten das Wachstum der Grünen in Niedersachsen besonders.

Zunächst einmal bildeten die Grünen einen Konflikt ab, den die etablierten Parteien bis dahin nicht als solchen wahrgenommen hatten, schon gar nicht in Niedersachsen. Der Ausbau der ökonomischen Infrastruktur galt als indisponibles Erfordernis zur Modernisierung des Landes. Doch seit dem Beginn der 1970er Jahre waren die Folgen eines unbeschränkten Wachstums in ökologischer Hinsicht zu erkennen, und zwar auch außerhalb der vorherigen industriellen Zentren.74

Eingewoben in diesen ökologischen Konflikt, jedoch mit spezifischer niedersächsischer Ausprägung, war zum zweiten die Auseinandersetzung über die künftige Energiepolitik. Seit 1968 wurden in Niedersachsen Atomkraftwerke betrieben. Zudem entschied die Regierung Albrecht 1977, im wendländischen Gorleben das zentrale Entsorgungsund Wiederaufbereitungszentrum für nukleare Brennstoffe zu errichten.75 Die Auseinandersetzungen um Gorleben und das im Bau befindliche Atomkraftwerk Grohnde wurden zu den beiden wichtigen Kristallisationspunkten der niedersächsischen Anti-Atombewegung.

Als dritter Faktor kam hinzu, dass in den studentisch geprägten Quartieren der Großstädte ein alternatives Milieu aufblühte. Vor allem in Göttingen sowie mit Abstrichen in Hannover erfuhr die neue Partei darüber immensen Zuspruch, wohingegen sie in den übrigen Städten ohne starke organisatorische Verankerung agierte oder – wie in Oldenburg – zunächst in Konkurrenz zu einer regional starken DKP stand.76

Bereits 1978 gelang es der GLU, knapp vier Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl zu erzielen, wobei sich fortan vor allem die urbanen Universitätsstandorte sowie das Wendland als Hochburgen erwiesen.77 Bei der Landtagswahl 1978 hatten die Grünen insbesondere bei den unter 25-jährigen Wählern weit überdurchschnittlich Stimmen gewonnen und in dieser Altersgruppe ihren Erfolg zulasten der SPD erzielt.78

Tab. 5 Wahlergebnisse der Grünen 1978–1990

Wahl

Stimmenzahl

Stimmenanteil

Landtagswahl 1978

157.733

3,9 %

Bundestagswahl 1980

101.049

2,1 %

Landtagswahl 1982

273.338

6,5 %

Bundestagswahl 1983

278.597

5,7 %

Landtagswahl 1986

303.308

7,1 %

Bundestagswahl 1987

353.721

7,4 %

Landtagswahl 1990

229.846

5,5 %

Bundestagswahl 1990

205.449

4,5 %

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen vom Bundesund Landeswahlleiter.

Schon 1981 bei den Kommunalwahlen erzielten Grüne Listen erstmals flächendeckend Mandate, abermals gingen ihre Gewinne mit Verlusten der SPD einher. Selbiges wiederholte sich ein Jahr später, als der Einzug in den Landtag gelang. Die dabei erreichten rund 275.000 Stimmen bildeten in gewisser Weise einen Sockel für die 1980er Jahre. Bei den folgenden Wahlen wurde dieser knapp und bei der Bundestagswahl 1987 deutlich überboten. Danach ging die Zustimmung zu den Grünen im Land parallel zum Bundestrend etwas zurück, allerdings blieben die Grünen in ihren Hochburgen recht stabil.

Nachdem 1978 und 1982 die Zuwächse der Grünen noch zulasten der SPD gegangen waren, weitete die SPD zur Landtagswahl 1986 ihre Wählerschaft wieder aus, ohne zugleich die Konsolidierung der Grünen zu gefährden. Die SPD holte von den Grünen somit kaum Wähler zurück, erschloss sich aber andernorts neue Wähler. Zum einen gaben die Jungund Erstwähler der SPD wieder verstärkt ihre Stimme. Zum anderen verloren CDU und FDP deutlich an die vom Bundestagsabgeordneten Gerhard Schröder in den Wahlkampf geführte SPD. Durch diese Wählerwanderung von saldiert 150.000 Stimmen schloss die SPD wieder zur CDU auf. Dabei legte die SPD vor allem in den Großund Mittelstädten deutlich zu.79 Zugleich waren signifikante SPD-Zuwächse in den Hochburgen der CDU zu vermelden.80 Spiegelbildlich dazu waren dann die Verluste der CDU, die in der Endabrechnung allerdings noch knapp vor der SPD lag und mit der seit 1982 wieder im Landtag vertretenen FDP eine knappe Ein-Stimmen-Mehrheit besaß.

Tab. 6 Wahlergebnisse SPD und CDU bei Bundesund Landtagswahlen 1976–1990

Wahl

SPD

absolut

SPD Stimmenanteil

CDU

absolut

CDU Stimmenanteil

Bundestagswahl 1976

2.129.502

45,7 %

2.129.143

45,7 %

Landtagswahl 1978

1.723.638

42,2 %

1.989.326

48,7 %

Bundestagswahl 1980

2.232.531

46,9 %

1.891.813

39,8 %

Landtagswahl 1982

1.526.346

36,5 %

2.118.137

50,7 %

Bundestagswahl 1983

2.015.731

41,3 %

2.223.988

45,6 %

Landtagswahl 1986

1.807.157

42,1 %

1.903.559

44,3 %

Bundestagswahl 1987

1.967.443

41,4 %

1.969.967

41,5 %

Landtagswahl 1990

1.865.267

44,2 %

1.771.974

42,0 %

Bundestagswahl 1990

1.765.928

38,4 %

2.039.668

44,3 %

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen vom Bundesund Landeswahlleiter.

Nachdem in den 1950er Jahren die SPD-Wählerschaft diszipliniert am Wahltag ihr Kreuz bei der SPD gemacht hatte und die Union hatte zittern müssen, ob die eigene Klientel überhaupt zur Wahl gehen würde, kehrten sich die Verhältnisse in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre um. Nunmehr hatte die SPD ein Mobilisierungsproblem, das vor allem bei den Landtagswahlen sichtbar war. Gerade die Facharbeiter und ungelernten Arbeiter präferierten zwar bei den Bundestagswahlen die SPD, übten sich aber bei den Landtagswahlen verstärkt in Stimmenthaltung.81 Demgegenüber besaß die CDU eine höchst verlässliche Wählerschaft. Knapp zwei Millionen Niedersachsen gaben fortwährend bei Bundestagsund Landtagswahlen zwischen 1978 und 1987 ihre Stimme der CDU. Bei den Wahlen 1982/83, als sich die Agonie über die sozialliberale Koalition im Bund gelegt hatte und als der Bonner Machtwechsel nachträglich durch die Wähler legitimiert werden sollte, war sogar ein noch besseres Stimmergebnis drin, bei welchem die CDU neben Zuwächsen in der Heideregion abermals zulasten der SPD erhebliche Stimmgewinne in den Großstädten und bei den Arbeitern und Angestellten verbuchte.82 Die CDU besaß aber nur kurzzeitig gegenüber der SPD einen strukturellen Vorteil in Niedersachsen. Schon in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stabilisierte sich die Wählerschaft der SPD wieder. Mit der Landtagswahl 1986 setzte für die SPD im Land ein günstiger Wählertrend ein. Bei der Kommunalwahl im Herbst desselben Jahres steigerte die SPD ihren Stimmenanteil um rund vier Prozentpunkte, was die CDU in gleicher Größenordnung verlor. Die SPD erreichte recht beständig einen Sockel von rund 1,8 Millionen Wählern, wohingegen die Zahl der CDU-Stimmen wieder stärker von der Wahlbeteiligung abhing. Bei der Bundestagswahl 1987 lag die SPD dadurch wieder gleichauf mit der CDU. Bei der Europawahl 1989 distanzierte die niedersächsische SPD ihre christdemokratischen Konkurrenten schließlich um sechs Prozentpunkte.83

 
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