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3 Der Duopol aus SPD und CDU

Aber auch die FDP hatte fortan Mühe, sich zu behaupten. Die Festlegung auf einen linksliberalen Kurs, die mit der Wahl von Rötger Groß zum Landesvorsitzenden 1968 endgültig erfolgte, brachte der Partei abermals Verluste an Mandatsträgern und Funktionären ein, die sich hernach der CDU anschlossen.65 Bei den vorgezogenen Landtagswahlen 1970 katapultierte es die FDP (wie auch die NPD) dann zum ersten Mal aus dem Landtag. SPD und CDU legten unterdessen nochmals an Stimmen zu, wobei die SPD erneut knapp vor der Union lag und somit die absolute Mehrheit der Mandate im Niedersächsischen Landtag errang. Wahlforscher nahmen dabei an, dass der Vorsprung der Sozialdemokraten auf die erhöhte Präferenz in der jüngeren Wählerschaft zurückzuführen war. Weil der Gesetzgeber das aktive Wahlalter von 21 auf 18 Jahre abgesenkt hatte, war gerade diese Gruppe massiv angewachsen.66

Zwar neigten etliche derer, die in den 1940er Jahren geboren waren, der SPD zu, doch SPD und CDU waren unverkennbar in Niedersachsen nunmehr gleichstark, hatten sich erheblichen Rückhalt erarbeitet, der deutlich über ihre anfänglichen Kernwählerschaften hinausreichte. Die CDU bemühte sich zugleich um ein modernes Image und ließ sich dabei mit einem gewissen Erfolg wissenschaftlich beraten.67

Tab. 4 Wahlergebnisse SPD, CDU und FDP 1967–1978

Wahl

SPD

CDU

FDP

1967

1.538.776

1.491.092

245.318

1970

1.792.943

1.771.698

169.457

1974

1.852.797

2.098.096

302.165

1978

1.723.638

1.989.326

171.514

Quelle: Eigene Darstellung mit Zahlen vom Bundesund Landeswahlleiter.

Zum ersten Mal bei einer Landtagswahl überflügelte die CDU dadurch 1974 die SPD. Der CDU war es gelungen, nochmals in erheblichem Maße aus dem Reservoir der vorherigen Nichtwähler zu schöpfen.68 Über zwei Millionen Wähler hatten die CDU zuvor noch nicht einmal bei einer Bundestagswahl erreicht. Etwas aus dem Blick gerät, dass auch die Sozialdemokraten gegenüber der Wahl von 1970 absolut an Stimmen hinzugewonnen hatten, allerdings lagen sie fast 400.000 Stimmen unterhalb des herausragenden Ergebnisses von der Bundestagswahl 1972. Dank der FDP, die nach deutlichen Stimmenzuwächsen einstweilen in den Landtag zurückgekehrt war, konnte die SPD jedoch an der Regierung bleiben.

Die Landtagswahl 1974 deutete einige strukturelle Verschiebungen in der Wählerschaft an. So hatte sich die CDU in der Nordhälfte des Landes schon längere Zeit weitgehend konsolidiert und dort ihr Wählerpotenzial bei vorhergehenden Wahlen bereits größtenteils ausgeschöpft. Dort gelangen dafür nunmehr der SPD leichte Zuwächse, ohne aber die Vorrangstellung der CDU ernsthaft zu gefährden. Demgegenüber war es der CDU weitaus stärker gelungen, in den bisherigen Hochburgen der SPD Boden gut zu machen. Vor allem im Süden des Landes legte die CDU in den industrialisierten Wahlkreisen deutlich zu. Die SPD verlor dort zugleich einen Teil des urbanen Bürgertums an die FDP.69

Obwohl die SPD also bei den Wahlen 1974 nochmals an Stimmen zulegte und obwohl sie mit der FDP bis zum Rückzug von Ministerpräsident Kubel 1976 eine Regierungskoalition bildete, deutete sich an, dass die SPD ihre einst hegemoniale Stellung wohl einbüßen würde. Die CDU hatte nicht nur das bürgerliche Spektrum größtenteils hinter sich versammelt, sondern erreichte als Volkspartei auch andere Milieus. Die SPD hatte sich zwar ebenfalls erheblich verbreitert, konnte aber nicht mehr in gleichem Maße neue Wählerschaft zu sich herüberziehen bzw. legte in ihren bisherigen Diasporagebieten nicht in dem Maße zu, wie es der CDU gelang, in zuvor SPD-affinen Regionen stärker zu werden. Die CDU hatte insbesondere Zuspruch bei den modernen Mittelschichten gefunden, also jener Wählergruppe, die 1969 und 1972 auf Bundesebene der sozialliberalen Koalition maßgeblich zum Wahlsieg verholfen hatte.70

Allein die Liberalen, die der SPD zunächst das politische Überleben in der Regierung sicherten, konkurrierten mit der CDU leidlich erfolgreich um die urbanen Mittelschichten. Als die CDU dann bei der Neuwahl des Ministerpräsidenten 1976 im Landtag einen neuen, unverbrauchten und jungen Kandidaten präsentierte, der weniger das Bild des konservativen Scharfmachers bediente, als es der CDU-Landesvorsitzende Wilfried Hasselmann tat, veränderte sich die Lage für die Liberalen. Dem vorherigen EG-Beamten und Wirtschaftsmanager Ernst Albrecht gelang es, in der geheimen Wahl wiederholt eine absolute Mehrheit zu erlangen, wohingegen die von der sozialliberalen Koalition aufgebotenen Kandidaten überraschend scheiterten. Die FDP trat nach einer kurzen Karenzzeit dann im Frühjahr 1977 in das Kabinett Albrecht ein, was sich gleichwohl bei den folgenden Wahlen 1978 für die Liberalen nicht auszahlen sollte. Die FDP verpasste den Wiedereinzug in den Landtag erneut. Die über die Koalitionsfrage innerlich tief zerrissene Partei hatte Schwierigkeiten, ihre potenziellen Wähler zu mobilisieren. Diese übten sich in Stimmenthaltung oder gaben ihre Stimme nunmehr gar der CDU mit ihrem liberalen Aushängeschild Albrecht.71 Der CDU war es zudem gelungen, über den weiterhin als Landesvor- sitzenden amtierenden Hasselmann auch die konservativen Wähler zu halten und überdies Stimmenzuwächse in den bisherigen SPD-Hochburgen Hannover und Südniedersachsen zu erzielen.72

 
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