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5 Ein Fazit in drei Schritten

5.1 Land und Regionen heute

Nahezu sieben Jahrzehnte nach der Landesgründung zeigt sich im Hinblick auf das Verhältnis von Land und Regionen ein durchaus differenziertes Bild:

Zum einen hat sich das Land ohne Zweifel als eigenständige politische Ebene stabilisiert. Die Landesinstitutionen sind anerkannt und vertraut, Hannover ist als politisches Zentrum akzeptiert, politische Organisationen und Interessenverbände richten sich auf die Beeinflussung der Landespolitik aus. Eine aktive Einschränkung regionaler Selbstständigkeit hat das Land nicht mehr nötig – die Umorganisation des Archivwesens 2005, bei der die einzelnen, auf die „alten“ Regionen bezogenen Staatsarchive von selbstständigen Behörden zu Standorten des Niedersächsischen Landesarchivs wurden, scheint zwar auf den ersten Blick auf eine Schwächung der Regionen zugunsten der Zentrale hinzudeuten, hatte aber wohl eher organisatorische Gründe und führte auch zu keinen Protesten in den Regionen; das wäre wohl fünfzig Jahre zuvor anders gewesen. Die Abschaffung von anerkannten Landeseinrichtungen wie der Landeszentrale für politische Bildung Ende 2004 ist zwar sehr bedauerlich, schwächt aber die Landesebene nicht.

Die „alten“ Regionen, ganz gleich, ob sie früher politische Ansprüche formulierten (wie Oldenburg) oder nicht (wie etwa Ostfriesland), haben sich als kulturelle, z.T. historisch fundierte Räume formiert. Die nahezu überall vorhandenen regionalen Landschaften bzw. Landschaftsverbände dienen als kulturelle (nicht politische) Repräsentanten ihrer Regionen; seit der Abschaffung der Mittelinstanzen durch die CDU-FDP-Landesregierung 2005 haben sie sogar in ihrer Bedeutung zugenommen, da sie für die regionale Kulturförderung zuständig sind und über die Verteilung entsprechender Landesmittel entscheiden. Neben ihnen sind es auch landesgeschichtliche Vereine, Zeitschriften, Museen und Heimatbünde, die die Erinnerung an die alten Territorien wachhalten – mit allerdings eher sinkender Tendenz, was Mitgliedschaft und Außenwirkung angeht. Teilweise sind aber die kleinräumigen Identitäten oberhalb der lokalen Ebene keineswegs mit den 1946 in Niedersachsen aufgegangenen politischen Einheiten identisch; Oldenburg etwa war und ist, was ja auch schon das Ergebnis des Volksbegehrens von 1956 zeigte, höchst differenziert: Die Zustimmungsrate schwankte nämlich zwischen 0,3 Prozent in Wilhelmshaven und 35 bis über vierzig Prozent im Oldenburger Münsterland.44 Die Erinnerung an frühere territoriale Selbstständigkeit wird, z.T. etwas mühsam, über Symbolgestalten aufrechtgehalten, wie etwa durch „Fräulein Maria“ in Jever oder Graf Anton Günther in Oldenburg, wobei diese z.T. nur noch touristisch genutzte Relikte darstellen und mit alltäglichem historischen Bewusstsein wenig zu tun haben.45 Etwas zugespitzt: Die Akteure produzieren dadurch überhaupt erst eine im Alltag kaum noch erfahrene und erfahrbare „historische Region“.

Und schließlich haben sich neue Regionen gebildet, die historische Entwicklungen der Räume im Nordwesten souverän ignorieren: Die „Metropolregionen“ – in Niedersachsen „Bremen/Oldenburg“ und „Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg“ – sind ausschließlich an Gegenwart und Zukunft orientiert und setzen auf die Förderung und Entwicklung von (Wirtschafts-)Räumen in einer zunehmend europäisierten und globalisierten Welt.

Diese verschiedenen Ebenen koexistieren heute weitgehend konfliktfrei, weil sie separate Interessen bedienen und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Das Land ist die Ebene politischer Willensbildungsprozesse und Entscheidungen und wird dabei nicht durch die beiden anderen Ebenen infrage gestellt, und bei einzelnen Themen (bei der Kultur bzw. Wirtschaft, Infrastruktur und Wissenschaft) gibt es Kooperationen. Die „alten“ Regionen beschränken sich auf Kulturentwicklung und -förderung sowie historische Forschung und Präsentation (die es aber auch auf Landesebene gibt) und sind höchstens finanziell von der Finanzierung des Landes abhängig. Die Metropolregionen schließlich agieren als moderne Interessenvertreter ihrer „neuen“ Regionen mit europäischer Perspektive.

 
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