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2 Niedersachsen – Vorgeschichte und Landesgründung

Die Vorgeschichte der Landesgründung Niedersachsens setzte im 19. Jahrhundert ein, als der Name „Niedersachsen“ in Anknüpfung an eine spätmittelalterliche Verwendung des Namens und die Reichskreiseinteilung des 16. Jahrhunderts verwendet wurde, um einen historisch, „stammlich“ und kulturell einheitlichen Raum im Nordwesten zu propagieren, womit die Protagonisten, vor allem einige Bildungsbürger in den welfischen Staaten Hannover und Braunschweig, die dynastisch legitimierten Territorialzusammenhänge infrage stellten.9 Einen Schub erhielt der Niedersachsengedanke durch die zwangsweise Integration Hannovers in den preußischen Staat nach der militärischen Niederlage 1866 sowie durch die am Ende des 19. Jahrhunderts entstehende und sich verbreitende Heimatbewegung. Die erste bedeutende Zeitschrift der Bewegung, die 1895 gegründet wurde, trug den programmatischen Titel „Niedersachsen“, 1901 gründete sich der „Heimatbund Niedersachsen“, der seit 1902 regelmäßige „Niedersachsentage“ veranstaltete, 1904 der „Verein für Niedersächsisches Volkstum“ in Bremen, 1906/08 schließlich der „Niedersächsische Ausschuß für Heimatschutz“ als Dachorganisation aller mittlerweile entstandenen und noch entstehenden lokalen Heimatvereine in Nordwestdeutschland.

In den Reichsreformdiskussionen der 1920er Jahre zeichnete sich allerdings deutlich ab, dass der Niedersachsengedanke unter den Bewohnern und Organisationen des projektierten Raumes keineswegs nur Befürworter fand. Im Gegenteil: Bereits vor 1914 waren die Träger der Niedersachsenbewegung im Wesentlichen aus Hannover gekommen. Und selbst dies war keineswegs homogen gewesen; insbesondere in den erst Anfang des 19. Jahrhunderts zu Hannover gekommenen Gebieten westlich der Weser gab es starke Widerstände. Dies galt für Ostfriesland, das fast vollständig die neugegründeten niedersächsischen Heimatorganisationen boykottierte10, aber auch für Teile Osnabrücks und des Emslandes, wo man sich eher zum katholischen Süden, also nach Westfalen hin orientierte. Und auch in Oldenburg kämpfte man nach 1918 vehement für die Beibehaltung der staatlichen Selbstständigkeit, betonte die handelspolitischen Verflechtungen der oldenburgischen Landwirtschaft mit dem Ruhrgebiet – und nicht mit Hannover – und dachte als regionalistische Alternative zu „Niedersachsen“ über ein Groß-Oldenburg unter Einbeziehung der westlich der Weser liegenden preußischen Gebiete nach.11

Dies waren die Ausgangspositionen, die die Diskussionen der folgenden 25 Jahre bestimmen sollten, die hier nicht detailliert nachgezeichnet werden können. Im Wesentlichen gab es drei Kontrahenten: Die Niedersachsenbefürworter fanden sich in der (vor allem hannoverschen) Heimatbewegung, der Leitung der Provinz Hannover und der regionalen Wissenschaft, insbesondere der Landesgeschichte, der Geografie und Volkskunde, die die Argumente lieferten, die aus ihrer Sicht für eine Zusammenfassung des Raumes zu einer politischen Einheit sprachen.12 Auf der anderen Seite standen die von der projektierten Neugliederung betroffenen Regionen, allen voran Westfalen und Oldenburg, die mit Denkschriften reagierten, in denen die niedersächsischen Ansprüche zurückgewiesen und eigene Vorstellungen propagiert wurden, wobei die Argumentationen jeweils ganz ähnlich waren.13 Regionalistische Ansprüche standen sich am Ende der Weimarer Republik in Nordwestdeutschland so weitgehend unversöhnlich gegenüber, und die Konflikte schwelten auch nach 1933 weiter, ohne dass sich an der tatsächlichen politischen Situation zunächst etwas änderte. Der Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft und das Ende des Krieges änderten die Situation in der Region völlig. Die Befürworter eines Landes Niedersachsen erhielten gewaltigen Auftrieb und konnten sich als Opfer nationalsozialistischer Zentralisierungsbemühungen darstellen. Vorangetrieben wurden die Bestrebungen wiederum vor allem von Seiten Hannovers, wo sie in dem Sozialdemokraten Hinrich Wilhelm Kopf einen welfischer Umtriebe eher unverdächtigen, außerordentlich rührigen und durchsetzungskräftigen Vertreter fanden, der die Unterstützung der Heimatbewegung und der neu gegründeten

„Niedersächsischen Landespartei“ besaß.14 Während Schaumburg-Lippe zu klein war, um sich in die Diskussionen um Niedersachsen einzuschalten, erwuchs Kopf in Braunschweig und Oldenburg, die ihre Selbstständigkeit erhalten wollten, zunächst erheblicher Widerstand. Das erste Jahr nach Kriegsende war daher auf der einen Seite von einer Zusammenarbeit der politischen Kräfte in der ganzen Region gekennzeichnet, die auch von der Militärregierung erwartet wurde. Auf der anderen Seite bemühten sich insbesondere die Niedersachsenbefürworter und die Oldenburger darum, ihre jeweilige Position zu konsolidieren, Argumente für die bevorstehende politische Neugliederung zu sammeln und Verbündete zu suchen. Am erfolgreichsten war dabei schließlich Kopf, der sich 1946 im Zonenbeirat mit seinem Plan zur Bildung eines Landes Niedersachsen gegen die Pläne aus Oldenburg und Braunschweig durchsetzen konnte – durch Verordnung Nr. 55 der Militärregierung wurde das Land Niedersachsen zum 1. November 1946 gebildet. Es bestand aus dem bereits im Mai 1946 als Landkreis in Hannover eingegliederten Schaumburg-Lippe, Oldenburg, Braunschweig und Hannover. Um zu starke Widerstände in den betroffenen Ländern, insbesondere in Oldenburg, zu vermeiden, forderten die Briten, im neuen Land müsste die „Eigenart“ der integrierten Länder „erhalten bleiben“.15 Wenige Wochen nach der Landesgründung erließen sie daher eine weitere Verordnung zur Rechtsund Vermögensnachfolge der ehemaligen Länder, die der niedersächsischen Gesetzgebung aufgab, sie solle „die Belange der früheren Länder auf dem Gebiet der Überlieferung, Kultur, Architektur und Geschichte gebührend berücksichtigen und [...] im Einklang mit diesen Belangen für die Sicherstellung des gesamten Vermögens der einzelnen Länder Vorsorge treffen“.16 Sinngemäß wurde diese Forderung dann auch in die 1951 beschlossene Vorläufige Niedersächsische Verfassung als später so genannte „Traditionsklauseln“ aufgenommen.17 Hinzu kam, dass das Recht der ehemaligen Länder in diesen Gebieten zunächst weiter galt und nur mit einer verfassungsändernden Mehrheit im Landtag geändert werden konnte. Und schließlich nahm auch die Verwaltungsgliederung des neuen Landes auf die bisherigen Länder Rücksicht – Braunschweig und Oldenburg bildeten eigene „Verwaltungsbezirke“, während die Mittelinstanzen ansonsten „Regierungsbezirke“ hießen; ohne Zweifel eine symbolische Anerkennung, die auch mit erweiterten Befugnissen der Verwaltungsbezirke verbunden war.

 
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