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4.4.4 Kooperationsneigung, -gründe und -hemmnisse

Um die Ursachen für den mangelnden Technologieund Wissenstransfer zu eruieren, wurde u.a. nach Kooperationsneigung, -gründen und -hemmnissen gefragt sowie nach Problemen bei und Nachteilen von Kooperationen.

Die Kooperationsneigung von Akteuren aus Wissenschaft und Wirtschaft (sowohl bei etablierten Unternehmern als auch bei Personen, die ein Unternehmen gründen möchten) schätzen die meisten Interviewpartner als relativ hoch ein. Kooperationen führten zu einer Win-Win-Situation; für beide Seiten bedeute eine Zusammenarbeit zudem ein gutes Marketing. Kooperationsprozesse müssten daher unterstützt und begleitet werden.

In der Wirtschaft bestehe durch kürzer werdende Produktionszyklen und den hohen Innovationsdruck verstärktes Interesse an einer Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen. Unternehmen könnten Forschungsergebnisse wissenschaftlicher Einrichtungen nutzen. Sie erlangten durch Kooperationen Zugang zu modernen Technologien und lernten den wissenschaftlichen Nachwuchs kennen. Im Rahmen von Kooperationen könnten Ideen, die in Unternehmen entstehen, häufig kostengünstig verfolgt bzw. getestet werden. Es wird erklärt:

„Viele Unternehmen können sich keine Forschungsabteilung leisten. Aber Produktlebenszyklen bspw. werden immer kürzer, es gibt im Bau immer neue Auflagen. Nun ist es ganz wichtig, dass Unternehmen hier die Möglichkeit haben zu sagen, ich kann mein Anliegen an Experten vorbringen und wir können gemeinsam versuchen, eine Lösung zu finden. Und unterm Strich ist das für Unternehmen auch viel billiger. Zudem werden die Nachwuchskräfte immer rarer und dadurch haben Unter-nehmen die Möglichkeit, praktisch ihren wissenschaftlichen Nachwuchs kennenzulernen. Das ist auch ausgesprochen wichtig“ (TC I).

„Unternehmen wird praktisch eine gewisse Forschung finanziert und […] sie sparen Geld. Sie brauchen dafür keine Mitarbeiter einzustellen, sie brauchen gewisse Geräte nicht zu kaufen. Sie haben Zugang zu entsprechendem Know-how, was an den Hochschulen existiert. Und für die Hochschulen ist es ganz wichtig, dass sie anwendungsorientiert ausbilden“ (TC I).

Der Bedarf an wissenschaftlichen Begleitungen von Entwicklungen und Projekten nehme darüber hinaus zu. Gerade wenn es um die Verwendung öffentlicher Gelder gehe, werde immer häufiger ein wissenschaftlicher Nachweis über Wirkungen verlangt.

Die Wissenschaft habe Interesse daran, ihre Forschung in Produkte fließen zu lassen. Sie profitiere in Form von finanziellen Mitteln und Know-how, welches in die Forschung zurückgespiegelt werde. Die Einwerbung von Drittmitteln nehme, insbesondere bei großen Hochschulen, einen wichtigen Stellenwert ein. Hochschulen gelinge durch Kooperationen mit Unternehmen eine berufsorientierte Ausbildung. Im Rahmen von Semesterprojekten profitierten Studierende davon, arbeitsfeldoder arbeitsplatzbezogen zu arbeiten, was ihnen größere Chancen biete, in den Arbeitsmarkt einzumünden. Hochschulen könnten Unternehmen in die Planung von Studiengängen einbeziehen und auf diese Weise Marktinteressen eruieren. Als Kooperationsgrund wird zudem die zunehmende Notwendigkeit hervorgehoben, die Finanzierung öffentlich geförderter Wissenschaftseinrichtungen durch wirtschaftliche Effekte rechtfertigen zu müssen. Kennzeichnend hierfür ist folgende Aussage:

„Ich finde das absolut sinnvoll, dass ein Austausch zwischen solchen Subsystemen in der Gesellschaft stattfindet […]. Wenn an der Universität geforscht wird und keine Anwendung daraus erfolgt, dann ist das auch eine Verschwendung von Geldern, insbesondere von Steuergeldern. Von daher, volkswirtschaftlich gesehen, ist es auf jeden Fall wichtig“ (TC II).

In der Wissenschaft variiere die Kooperationsneigung aufgrund des unterschiedlichen Transferpotenzials der Fächer bzw. der behandelten Themen. Zudem sei die Kooperationsneigung stark vom persönlichen Engagement einzelner Wissenschaftler abhängig.

Von den befragten Unternehmen geben 61 % an, dass Wissensund Technologietransfer für ihr Unternehmen (am Unternehmensstandort Mainz) ein hoher Stellenwert zukomme (sehr wichtiger bis wichtiger).[1] Dies korreliert mit der generellen Bereitschaft der Befragten, mit wissenschaftlichen Einrichtungen zu kooperieren (im Sinne einer Zusammenarbeit zur besseren Erreichung gemeinsamer Ziele), die bei über 71 % sehr hoch bzw. hoch sei.[2] Ein Zusammenhang ist zudem zwischen Kooperationsbereitschaft und dem Vorhandensein einer betriebsinternen FuE-Abteilung am Standort Mainz festzustellen: Von den 22%[3] der Unternehmen, die eine betriebsinterne FuE-Abteilung am Standort Mainz haben, geben wiederum 88 % an, eine sehr hohe Kooperationsbereitschaft zu besitzen. Von den Unternehmen, die über keine betriebsinterne FuEAbteilung am Standort Mainz verfügen (78 % aller Befragten), ist die Kooperationsbereitschaft nur bei 26 % sehr hoch. Unternehmensgröße und -umsatz haben nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen keine Auswirkungen auf die Kooperationsneigung der Unternehmen.

Einen zentralen Vorteil einer Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen sehen alle befragten Unternehmensvertreter darin, vom Know-how des Kooperationspartners zu profitieren (100 %). Die Nutzung gemeinsamer technischer Infrastruktur stellt für 36 % der Unternehmen den Mehrwert einer Kooperation dar.[4] Als sonstige Vorteile werden in einer offenen Frage „fundierte Recherchen, Forschungen etc. zu spezifischen Themen“ genannt sowie die „gemeinsame Entwicklung von Know-how und größere Zielgruppenansprache“.

Hemmnisse bei Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft lägen aus Sicht mehrerer Interviewpartner im Zeitund Kostenfaktor, da für den Aufbau und die Pflege von guten Kooperationen personelle und finanzielle Ressourcen notwendig seien. Wissenschaftler der Hochschulen seien neben ihrer Forschung in den Lehrbetrieb eingebunden, die der Universitätsmedizin zudem in den Klinikbetrieb. Die Professoren der Fachhochschulen hätten ein hohes Lehrdeputat. Auf Unternehmensseite koste insbesondere die Betreuung von Studierenden Zeit. Semesterprojekte bedürften einer sehr guten Betreuung sowohl von der Professorenschaft als auch von den Unternehmen. Je nach Kooperationsform und Projekt fielen unterschiedliche Kosten an. Ziele der Kooperation müssten immer wieder neu überprüft werden. Kooperationshemmnisse lägen auch darin, dass Hochschulen nicht in Konflikt mit der freien Wirtschaft geraten möchten und ihren Absolventen (bspw. in Bereichen wie Gestaltung, Innenarchitektur oder Architektur) Auftraggeber nicht streitig machen wollten. Z.T. seien auch personelle sowie technische Kapazitäten der Wissenschaftseinrichtungen begrenzt. So berichtet ein Interviewpartner:

„Manchmal sind auch die Werkstätten [der Fachhochschule] dafür nicht entsprechend ausgestattet, die müssten größer sein, um den Semesterbetrieb hier zu schultern und dann nebenher noch weiter zu produzieren“ (TC I).

Zudem könne es zu Unzufriedenheit führen, wenn die Unternehmen bestimmte Ergebnisse erwarten, die die Hochschulen nicht leisten können. Probleme könnten sich ergeben, wenn im Vorhinein keine klaren Kooperationsverträge geschlossen würden, in denen bspw. geregelt ist, wie mit Patenten umgegangen wird. So sei die Weiterverwertung nicht automatisch Inhalt eines Projekts. In diesem Bereich ist nach Meinung einer Befragten Aufklärungsarbeit erforderlich. Einen weiteren hemmenden Faktor könne bereits die Kontaktaufnahme darstellen, einerseits wenn keine Ansprechpartner bekannt seien, andererseits wenn ein gegenseitiges Unverständnis und Vorurteile herrschten und der Versuch einer Kontaktaufnahme daher erst gar nicht unternommen werde.

Die Verpflichtung zur EU-Trennungsrechnung[5] wird als weiterer Nachteil für Kooperationen angesprochen, der aktuell breit diskutiert werde. Es bestehe die Gefahr, dass die lokale Wirtschaft durch Wettbewerbsverzerrung geschädigt werde. Ein Gesprächspartner berichtet, die Trennungsrechnung stelle eine große Schwierigkeit bei Transferprojekten dar, insbesondere für kleinere Unternehmen, und äußert die Befürchtung, dass die Transferbewegung dadurch rückläufig sein könnte. Kleine Unternehmen könnten sich die Leistungen der Hochschulen u.U. nicht mehr leisten. Für Hochschulen bedeutet die Verpflichtung einen hohen verwaltungstechnischen Aufwand.

Die Unkenntnis der Forschungsschwerpunkte (59 %) sowie der Zeitaufwand (56 %) sind für über die Hälfte der befragten Unternehmen ein Hemmnis mit Blick auf Kooperationen von Wirtschaft und Wissenschaft. Häufig ist keine Kontaktperson persönlich bekannt (47 %). Auch der eigene Personalaufwand stellt für über ein Drittel der Befragten ein Hemmnis dar (38 %). Der Kostenaufwand wird von den abgefragten Items noch von einem Viertel der Befragten als Hemmnis angegeben (24 %).[6]Befragt nach sonstigen Hemmnissen wird in einer offenen Frage auf geringes gegenseitiges Interesse verwiesen sowie auf die „Praxisferne der Wissenschaft“ bzw. den primären Anwendungsbezug der Unternehmen. Ein Befragter merkt an, dass die Transferangebote der Professoren unbekannt seien. Diese von den Unternehmen angegebenen Kooperationshemmnisse decken sich weitgehend mit den von den Interviewpartnern aus der Wissenschaft geäußerten.

  • [1] n = 38. 1 und 2 auf einer 7er Skala von 1 = sehr wichtig bis 7 = unwichtig
  • [2] n = 38
  • [3] n = 37
  • [4] n = 31
  • [5] Forschungseinrichtungen müssen ihre Leistungen zu Marktpreisen anbieten, um eine Wettbewerbsverzerrung zu vermeiden
  • [6] n = 34
 
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