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Gewinnung und Unterstützung von qualifiziertem Nachwuchs, Existenzgründungen und Technologietransfer

Die Gewinnung und Unterstützung qualifizierten Nachwuchses, Existenzgründungen und Technologietransfer wurden trotz Maßnahmen wie dem Transfercafé und dem Gründungsbüro, die in diese Richtung zielen, von den Befragten nicht als Bereiche angeführt, in denen sich Effekte durch das Wissenschaftsjahr beobachten lassen. In diesen Themenfeldern besteht jedoch erheblicher Handlungsbedarf, wie die zahlreichen angeführten Handlungsempfehlungen von Akteuren zeigen.

Analog zu den konzeptionellen Ansätzen (vgl. Kap. 2.3.3) wird von Seiten der AK-Mitglieder als wichtig erachtet, Studierende stärker an den Standort zu binden. Die hohen Mietpreise in Mainz werden dafür verantwortlich gemacht, dass viele Studierende pendelten und nach ihrer Ausbildung „der Region den Rücken kehren“ würden. Es müsse eine „Stärkung der Start-Up-Initiativen“ erfolgen. In dem Zusammenhang wird eine „Entbürokratisierung“ und „Mut zum Risiko“ verlangt (AKM). Dieser Punkt wird von vielen Befragten geteilt. Um Existenzgründungen und damit die Bildung von Zukunftsarbeitsplätzen aus der Wissenschaft heraus im agrarisch geprägten Bundesland stärker zu unterstützen, könne die Wirtschaftsförderung wesentlich mehr Strukturen schaffen, so ein Mitglied des Lenkungsausschusses.

„Das [Vernetzung der Hochschule mit kleinen und mittelständischen Unternehmen] kann sowohl in Richtung Jobs gehen, als auch umgekehrt in Nutzung der Infrastruktur – dass kleine Unternehmen hier eine Infrastruktur vorfinden und nutzen. Da besteht erhebliches Potenzial. Das ist noch nahezu strukturfreier Raum“ (LA I).

Die Stadt könne erheblich von Existenzgründungen profitieren. Zwar werde am Standort Mainz sehr viel Grundlagenforschung betrieben, es gebe wenige anwendungsorientierte Bereiche; in der Medizin (Immunologie) oder in den Mate-

rialwissenschaften sei jedoch z.B. großes Potenzial vorhanden. Auch Geisteswissenschaften gingen z.T. in die Praxis, wenngleich in anderer Form.

„Es sind Wissenschaftler nach Rheinhessen gegangen, weil sie hier in der Stadt nicht genügend Unterstützung haben. Und dann ist es natürlich auch schwierig für die Universität, wenn die Hilfestellung und die Partnerschaft fehlen“ (LA I).

„Wir haben allein […] mit den Drittmitteln, die die Uni eingeworben hat, 1.300 Stellen geschaffen. Das kann hier eine Jobmaschine sein. Und das sind HightechArbeitsplätze, die auch Bestand haben und die Stadt als Standort entsprechend profilieren können. Mit solchen Arbeitsplätzen hält man auch junge und intelligente Leute vor Ort“ (LA I).

Um Studierende nach Ausbildungsabschluss an den Standort zu binden, müssten kleinere mittelständische Unternehmen – die vielen Studierenden nicht bekannt und somit auch als potentielle Arbeitgeber nicht im Fokus seien – sichtbar werden. Erste Schritte würden durch eine stärkere Teilnahme kleiner und mittlerer Unternehmen bei der Jobmesse an der Universität gemacht.

Neben Maßnahmen, um Studierende an den Standort zu binden, spielen Maßnahmen zum Anwerben von Wissensträgern wie Wissenschaftlern oder auch Unternehmen eine zentrale Rolle. Hierfür sei das städtische Umfeld sehr wichtig, dies sei auch auf der Zukunftskonferenz thematisiert worden (s.o.). Um für Wissensträger attraktiv zu sein, treffe die Stadt Mainz bereits strategisch Maßnahmen, wie die Einrichtung einer Investorenleitstelle im Wirtschaftsdezernat oder die Förderung der Clusterbildung in der Kreativund Medienbranche. Ausgewiesene Gewerbegebiete seien Ausgründungen aus den Hochschulen vorbehalten, so der Kuratoriumsvorsitzende.

Auf der Zukunftskonferenz wurde festgehalten, dass die Stadt auf die Wahl des Arbeitsplatzes von sogenannten klugen Köpfen[1] Einfluss nehmen könne, durch die Gestaltung des Wirtschaftsund Hochschulumfeldes sowie durch ihre Selbstdarstellung. Hinsichtlich des Wirtschaftsumfelds wird wie in den Interviews als notwendig erachtet, kleine und mittelständische Unternehmen – insbesondere die Hidden Champions[2] – als Arbeitgeber bekannter zu machen. Ausgründungen seien zu fördern, Karrierepfade in verbundene Unternehmen und Institute zu ermöglichen, z.B. in der Wissenschaftsallianz. Das Hochschulumfeld könne, wie schon in der Befragung erwähnt, durch professionelle Jobmessen dazu beitragen, die Zielgruppe an die Stadt zu binden. Mit Blick auf die Selbstdarstellung der Stadt seien die Größe der Universität sowie die Internationalität der Institute und ansässigen Unternehmen stärker zu kommunizieren. Die Homepage der Stadt könne hinsichtlich der potenziellen Arbeitgeber als Visitenkarte dienen. Insgesamt müsse die Stadt herausstellen, warum es sich lohne, in Mainz zu leben. Einen praktischen Wert für die Lebensumstände könnten Stadtbotschafter / Stadtscouts für verschiedene Zielgruppen (ausländische Wissenschaftler, Jung-Akademiker, Unternehmensgründer) haben, die als Ansprechpartner fungierten und neben Informationen und praktischer Hilfe Neubürger in Netzwerke und Plattformen einführen sollten. Dem komplexen und hohen Anspruchsprofil der Zielgruppe kluge Köpfe, das je nach Alter bzw. Lebensphase variiere, müsse entsprochen werden und eine entsprechende Infrastruktur (Kindergartenplätze, Ganztagsschulen, flexible Betreuung, Sportangebote etc.), kostengünstige Räume (z.B. Bonifazius-Türme) sowie günstigere Wohnbedingungen zur Verfügung gestellt werden. Zielgruppenspezifische Netzwerke seien weiter auszubauen, damit die Zielgruppe Anschluss in der neuen Stadt finden könne (OLDENBURG 2012: 20f.).

Um kluge Köpfe anzuwerben wurde auf der Zukunftskonferenz zudem der Aufbau eines Dual-Career-Netzwerks diskutiert. Unternehmen, die Dienstleistungen im beruflichen Bereich, aber auch zur Lebensplanung bereitstellten, seien als Arbeitgeber attraktiv. Größere Unternehmen sollten eine eigene Anlaufstelle schaffen, die die Dienstleistungen koordiniert. Kleinere Organisationseinheiten könnten gemeinsam eine solche Servicestelle betreiben. Organisatorisch sei die Bündelung von Netzwerken sinnvoll. Die verschiedenen Servicestellen sollten auf eine gemeinsame Datenbank zugreifen können, die in verschiedene relevante Themenfelder gegliedert werden könne (z.B. Jobvermittlung für den Partner, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Wohnungssuche, Migrationshilfe / Verwaltung, Weiterbildung, Freizeit, Sprache / Kultur / Religion) (OLDENBURG 2012: 21ff.).

Eine stärkere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft, insbesondere kleiner mittelständischer Unternehmen, wird von einem Mitglied des Lenkungsausschusses als wesentlich im Hinblick auf den Fachkräftemangel hervorgehoben, der durch den demographischen Wandel spätestens ab 2017 branchenübergreifend zum Thema werde. Das Transfercafé habe in diesem Bereich bislang wenig Wirkung gezeigt.

Mit Blick auf den Bereich Technologietransfer sei auf der Zukunftskonferenz von der Wirtschaft eine bessere Kommunikation bestehender Informationsmöglichkeiten über Technologietransferangebote gefordert worden sowie eine zielgerichtetere Kommunikation, denn Angebote des Technologietransfers seien sehr breit angelegt, die Nachfrage jedoch thematisch stark begrenzt. Der Ansatz eines Technologiecampus sei stärker zu verfolgen. Durch die Schaffung räumlicher Nähe zwischen Forschungseinrichtungen und forschenden Unter-nehmen lassen sich Kommunikation und Kooperation verbessern sowie Synergien schaffen. Auch eine dauerhafte Etablierung von Technologiescouts, die Unternehmensbesuche durchführen und im persönlichen Gespräch den Kooperationsbedarf eruieren, wird als sinnvolle Maßnahme erachtet, ebenso die Einrichtung eines AK mit zentralen Akteuren, der sich mit Fragen der Konzeption und Finanzierung von Technologietransfer beschäftigen soll (OLDENBURG 2012: 13).

  • [1] Kluge Köpfe wurden im Rahmen der Zukunftskonferenz u.a. als innovativ, intelligent, kreativ, weitblickend, zukunftsorientiert definiert (vgl. OLDENBURG 2012: 20)
  • [2] Relativ unbekannte kleine und mittlere Unternehmen, die jedoch Marktführer sind (vgl. Stadt Mainz 2009)
 
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