Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Wissenschaftsbasierte Stadtentwicklung

< Zurück   INHALT   Weiter >

4.2.10 Stärken und Schwächen hinsichtlich der Konzeption des Gesamtprojektes

Befragt nach Stärken und Schwächen mit Blick auf die Konzeption des Gesamtprojektes werden von den Interviewpartnern zudem Voraussetzungen für ein Gelingen des Wissenschaftsjahres angeführt.

So werden als besondere Stärken mit Blick auf das Gesamtprojekt aus Sicht des Lenkungsausschusses die bereits vor dem Bewerbungsprozess bestehenden Vernetzungen der Wissenschaftseinrichtungen und die funktionierende Zusammenarbeit verschiedener Bereiche benannt (bspw. der JGU mit dem Amt für Öffentlichkeitsarbeit) auf die zurückgegriffen werden konnte und die weiter ausgebaut worden seien. Insbesondere die Wissenschaftsallianz wird als positive Voraussetzung für das Gelingen des Gesamtprojektes hervorgehoben. Akzentuiert wird zudem die Wichtigkeit informeller Kontakte und Kommunikation. Das unkomplizierte Miteinanderumgehen der Akteure der Stadt, „die Meenzer Art“ (LA I), sei für den Gesamtprozess bedeutend gewesen.

Mit Blick auf die Organisationsstruktur habe die prominente Besetzung des Kuratoriums mit Persönlichkeiten, die in die verschiedenen Bereiche der Stadt als Multiplikatoren wirkten, „maßgeblich zum Erfolg beigetragen“ (LA I). Die Mitglieder des Kuratoriums hätten sich persönlich für das Projekt eingesetzt, indem sie die Bewerbung begleitet hätten. Sie hätten mit ihrem Namen und ihrer Einrichtung der Bewerbung in einer entscheidenden Phase Gewicht gegeben. Ein Mitglied des Lenkungsausschusses erklärt:

„Dadurch hat das Projekt in der Stadt einen ganz anderen Stellenwert bekommen […]. Viele Leute haben davor gearbeitet. Aber in dem Moment, in dem diese zehn Leute auf einmal aufgestanden sind und gesagt haben, wir wollen das, wir fahren mit [zum Stifterverband nach Berlin, im Rahmen der Bewerbung][1] – hat es einen enormen Auftrieb bekommen“ (LA I).

Durch Stadt der Wissenschaft komme es zu einer Vernetzung von Schlüsselpersonen, die auch langfristig etwas bewirken könnten, wird von Seiten des Lenkungsausschusses resümiert. Als bedeutend hervorzuheben sei auch die Unterstützung durch die Kommunalund Landespolitik. So wird erklärt:

„Das macht auch den Erfolg aus, dass hier die Hochschulpräsidenten, der Oberbürgermeister, die Minister und Vorstandsvorsitzenden hinter diesem Wettbewerb stehen und diesen auch wollen. Ich denke, das war ein entscheidender Vorteil, weil nur dadurch dem Projekt die nötige Ernsthaftigkeit verliehen und die Arbeitsebene motiviert wird und dann auch die entsprechende Finanzierung funktioniert hat. Insofern sehe ich das optimistisch, dass wir hier in diese Richtung weiter gehen – auch über 2011 hinaus“ (LA I).

Eine stärkere Einbindung des Stadtrats wird im Nachhinein jedoch als relevant erachtet (vgl. Kap. 4.5 und 5.1).

Von Seiten der AK-Leiter werden als Stärken des Gesamtprojektes ebenfalls die Netzwerkbildung betont sowie das ehrenamtliche Engagement vieler Beteiligter, insbesondere wichtiger Persönlichkeiten im Rahmen von Stadt der Wissenschaft.

Auch bei der retrospektiven Bewertung der Konzeption des Gesamtprojektes werden die Einbindung sehr vieler Personen und Institutionen sowie ihr Engagement von Befragten verschiedener Gruppen als besondere Stärken hervorgehoben. Hierdurch sei ein breites Publikum erreicht worden.

„Das Positive ist auch, dass es extrem viele engagierte Menschen in dieser Stadt gibt, die bereit sind, sich über ihr normales Arbeitspensum hinaus einzubringen in die Wissenschaftskommunikation – und mit diesem Engagement kann man viel erreichen. Und ich denke, das haben wir auch“ (SA I).

Die Kommunikation habe bislang gut funktioniert, Kommunikationsforen seien entstanden, die für einen regelmäßigen Austausch Sorge trügen, so ein Mitglied des Lenkungsausschusses. Ein besonderer Vorteil liege zudem in der Unterstützung durch die Medienpartner der Stadt. Klare Strukturen, Kompetenzen und Zuständigkeiten sowie Konfliktregelungsmechanismen, die im Vorfeld festgelegt worden seien, hätten für einen reibungslosen Ablauf der Kommunikation gesorgt, so wird auch im Rahmen der zweiten Befragungsrunde resümiert. Hilfreich seien zudem Erfahrungen von Personen gewesen, z.B. aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Stadt.

Hinsichtlich des Gesamtkonzepts hegten die Verantwortlichen nach eigenen Aussagen immer wieder Zweifel. Der Ansatz habe sich jedoch als richtig herausgestellt. Die Projektstruktur wird als „flexibel“ und „tragend“ (LA I) beschrieben.

„Es gab im gesamten Prozess kaum Auseinandersetzungen. Wir haben uns natürlich in der Sache manchmal heftig gestritten, aber es gab keine ernsthaften Auseinandersetzungen, auch nicht, als es in die Umsetzung ging. Oft hat man einen Bruch zwischen Konzeption und Umsetzung. Hier ging es geradezu fließend weiter. Und das ist ein Zeichen, dass die Vernetzungsstruktur trägt. Alle Welt spricht immer von Network. Aber hier hat man wirklich tragfähige und funktionsfähige Netzwerke auch über die Wissenschaftsallianz. Das ist sicherlich ein Vorteil“ (LA I).

Die Komplexität der Stadt in Strukturen zu bringen, wird von mehreren Befragten des Lenkungsausschusses als Schwierigkeit mit Blick auf die Konzeption des Gesamtprojektes angesehen. Hinsichtlich der Größe der Stadt und der Vielzahl an beteiligten Akteuren seien die Koordinatoren an Grenzen gestoßen. Zugleich wird angemerkt, dass noch mehr Akteure aktiviert werden, noch weitere Wissenschaftler sich einbringen und das Projekt bereichern könnten, bspw. aus Bereichen wie der Kunst.

„Schwierig war im Prozess die Komplexität der Stadt und die vielen Akteure. Eine Landeshauptstadt mit 200.000 Einwohnern kommt dann an eine Grenze, innerhalb der man so ein Projekt überhaupt organisieren kann. Ziel ist, die gesamte Stadt einzubinden. Und man sieht auch, dass sich so große Städte wie München oder Berlin an dem Wettbewerb gar nicht beteiligen, weil es ihnen nicht gelingt, diese vielen Eigeninteressen und die Vielzahl der Einrichtungen unter ein solches Ziel zu stellen […]. Insofern bin ich froh, dass uns dies gelungen ist und an Mitarbeit Interesse besteht. Es kommen immer wieder Neue dazu, die Projekte anmelden und Ideen haben, die wir den jeweiligen Kreisen zuordnen können“ (LA I).

Auch mit Blick auf die Vielzahl an Projekten seien die hauptverantwortlichen Organisatoren an eine kritische Grenze gestoßen, berichtet ein Mitglied des Lenkungsausschusses im Rahmen der zweiten Befragung. Durch die stetige Beteiligung weiterer Personen, seien im zweiten Halbjahr noch mehr Projekte und Veranstaltungen angeboten worden, als im ersten. Schwierig sei zudem gewesen, die Kommunikation unter den Netzwerken zu gewährleisten. Dies sei z.B. durch Veranstaltungen versucht worden, zu denen alle Beteiligten eingeladen worden seien. Personalüberschneidungen seien für den Austausch zwischen den AK förderlich gewesen.

In dem Zusammenhang verweist die Projektkoordination darauf, dass aufgrund der großen Gemeinschaft die hinter Stadt der Wissenschaft stehe, sehr viele Absprachen mit verschiedenen Personen getroffen werden müssten, wodurch Abläufe verzögert würden. In dem Ziel, gemeinsam etwas zu realisieren, liege auch aus Sicht anderer Befragter die Herausforderung, da möglichst viele Personen ihre Ideen einbringen und sich wiederfinden sollten. Als Herausforderung wird herausgestellt, einheitlich nach außen aufzutreten, was im Wissenschaftsjahr aber „in großen Teilen gelungen“ (SA I) sei.

Hinsichtlich der Kommunikationswirkung in die Bevölkerung hinein werde der Versuch unternommen, das Thema Wissenschaft stärker in der Bevölkerung zu verankern, gerade auch bei bildungsfernen Bevölkerungsgruppen. Dieser Aspekt der Chancengleichheit war auch bei der Entscheidung des Stifterverbands für die Stadt Mainz mit entscheidend. Die Realisierung wird jedoch als kritisch und schwierig beurteilt. Insgesamt bestehe eine Schwierigkeit von Stadt der Wissenschaft darin, einerseits wirkungsvolle Aktionen durchzuführen, mit denen Medienpräsenz erreicht werden könne, andererseits nachhaltige Projekte und Strukturen zu schaffen.

Da sich die Akteure neben ihrer beruflichen Tätigkeit im Rahmen von Stadt der Wissenschaft engagierten, bestehe einerseits der Wunsch nach einer besseren Personalausstattung für die Koordination und Steuerung der AK, dies würde andererseits ggf. der Netzwerkbildung schaden, so die Befürchtung. Auch in der zweiten Befragungsrunde wird angeführt, dass die personelle Besetzung hätte besser sein können, dies sei aber hinsichtlich der Haushaltslage der Stadt nicht zu realisieren gewesen. Das Wissenschaftsjahr sei daher für die beteiligten Einrichtungen mit enormen Anstrengungen verbunden gewesen. Der Zeitraum zwischen Titelgewinn und Projektrealisierung sei zudem viel zu kurz gewesen, so ein AKLeiter. Schwächen resultierten aus der Kürze der Zeit:

„Es ist eigentlich nicht möglich, in diesem kurzen Zeitraum richtige Ausstellungsprojekte oder noch Größeres zu stemmen. D.h., das ist mit seriöser Planung nicht möglich. Um Inhalte für große Projekte zu machen, müssen Sie ja Personal finden, Personal dafür einschulen, Konzepte entwickeln, Netzwerke bilden – was natürlich an allen Ecken und Enden zu Improvisation geführt hat. Es ging – aber es war Stress sondergleichen“ (AK III).

Kritisiert wird – ebenfalls in beiden Befragungsrunden – die z.T. mangelnde Kontinuität innerhalb der Projektstruktur durch den Wechsel einiger AK-Leiter. Auch die Bildung von Unter-AK wird seitens eines Interviewpartners als unübersichtlich beanstandet:

„In den AK könnte es manchmal etwas besser strukturiert werden. Es gibt Arbeitskreise, die haben Unter-AK gebildet. Das sind unübersichtliche Konstrukte. Da weiß nachher keiner mehr über den anderen Bescheid“ (LA III).

Von Seiten der AK-Mitglieder wird Kritik an den AK-Treffen geäußert, wobei hinzuzufügen ist, dass 51 % der befragten AK-Mitglieder keine Verbesserungen der AK-Treffen für notwendig halten.[2] In den AK seien einige Personen vertreten, die bereits in feste Projekte bzw. Projektgruppen involviert seien und eher in Untergruppen arbeiteten, andere kämen neu hinzu und wollten sich verstärkt informieren und austauschen. Dieser Umstand führe dazu, dass im Rahmen der Treffen keine gemeinsame Arbeitsebene gefunden worden sei und die AKTreffen bereits zu einem frühen Zeitpunkt den Charakter einer Informationsveranstaltung erlangt hätten. Auch die z.T. hohe Teilnehmerzahl habe sich als unge- eignet erwiesen, um im Rahmen der Treffen aktiv zu arbeiten. Ein AK-Mitglied merkt an:

„Die Veranstaltung vermittelte in erster Linie den Eindruck einer Info-Veranstaltung der Stadt gegenüber den Projektbeteiligten“ (AKM).

Von mehreren Seiten wird eine bessere Organisation der Treffen durch eine konkretere Zieldefinition, eine klarere Aufgabenverteilung sowie zügigere Entscheidungen erwartet. Insgesamt haben sich viele AK-Mitglieder eine bessere Vernetzung erhofft. Dieser Aspekt wird von Seiten der AK-Mitglieder damit wesentlich kritischer gesehen, als von den befragten Mitgliedern des Lenkungsausschusses und AK-Leitern:

„Bislang geht es wohl v.a. um die Öffentlichkeitsarbeit der Stadt und der beteiligten Organisationen. Gezielte Netzwerkbildung ist, wenn überhaupt, Zufallsprodukt“ (AKM).

Ein Problem des AK Gesellschaft habe in der gleichzeitigen Bearbeitung zweier großer Themen – Bildung und Gesundheit – bestanden. Die Kopplung der Sitzungen sei schwierig gewesen. Die beiden Teile des AK hätten unterschiedliche Herangehensweisen gehabt, wenngleich thematische Rückkopplungen möglich seien, bspw. mit Blick auf die Transferstelle Bildung oder auf gesundheitliche Prävention.

Als Schwäche der Konzeption des Gesamtprojektes wird seitens der AK die fehlende Institutionalisierung der Netzwerkstrukturen angeführt. Die AK seien zwar ein Versuch der Institutionalisierung, unklar sei jedoch, in welcher Form die Netzwerkstrukturen langfristig aufrechterhalten werden könnten, um weiterzuarbeiten und neue Projekte durchzuführen. Das Ziel, im Rahmen von Stadt der Wissenschaft ein Programm aufzustellen, müsse in neue, gemeinsam definierte, übergeordnete Ziele münden, um die Vision einer nachhaltigen wissensbasierten Stadtentwicklung realisieren zu können. Der Antrieb, den der Preis verleihe, die Aura des Gewinners sowie das Preisgeld als Anschub fehlten künftig, so eine AK-Leitung. Das Problem einer Fortführung sei auch bei anderen Städten gegeben, die den Titel getragen haben. Projektstrukturen würden danach eher wieder abgebaut, so eine Aussage (vgl. Kap. 4.2.11 und 5.1).

Ein Gesprächspartner berichtet von Aussagen von Studierenden, nach denen

Stadt der Wissenschaft auf dem Campus nicht sichtbar gewesen sei. Dies ent -spreche jedoch nicht den sonstigen Rückmeldungen der Bürger.[3] Zumindest in der Innenstadt sei das Projekt für die breite Bevölkerung immer erkennbar gewesen, berichten mehrere Befragte. Die vielen Veranstaltungen und Vorträge seien z.T. sehr gut besucht gewesen, haben eine große Resonanz erfahren. Das Programm sei in seiner Ausrichtung allerdings eher auf Kinder und Jugendliche fokussiert. Studierende der FH Mainz seien zudem stärker in Projekte involviert gewesen als Studierende der JGU, berichtet eine AK-Leitung.

Die Abschlussveranstaltung des Wissenschaftsjahres sei schlecht besucht gewesen. Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass die Veranstaltung nicht von Anfang an eingeplant gewesen sei, erklärt ein Mitglied des Lenkungsausschusses. Ort und Zeit (am letzten Adventssamstag 2011) seien zudem ungeeignet gewesen.

Insgesamt zeigen sich die Befragten rückblickend zufrieden mit der Konzeption des Gesamtprojektes. Die Organisation des Wissenschaftsjahres wird von vielen Befragten positiv hervorgehoben, insbesondere die Unterstützungsleistung durch das Projektbüro. Die Stadt habe sich sehr gut eingebracht. Die Gewinnung der vielen Sponsoren wird gelobt.

„Richtig schlecht gelaufen ist nichts muss ich sagen, nein. […] Wir würden es unter den Voraussetzungen, die wir haben, wieder so machen“ (AK II).

„Insgesamt gesehen, sehe ich das auch heute noch richtig positiv“ (AK V).

  • [1] Berlin-Delegation der Landeshauptstadt Mainz siehe Anhang Nr. 16
  • [2] n = 47
  • [3] Vgl. hierzu auch die Ergebnisse der durch die Institute Publizistik und Politikwissenschaft der JGU durchgeführten Befragung von Mainzer Bürgern zu Stadt der Wissenschaft (vgl. Landeshauptstadt Mainz 2011d)
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics