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Leitfadenorientierte Experteninterviews

In leitfadenorientierten Experteninterviews repräsentiert der Experte als Funktionsträger eine Gruppe, Organisation oder Institution. Als „Teil des Handlungsfeldes […], das den Forschungsgegenstand ausmacht“ (MEUSER und NAGEL 1991: 443) und aufgrund ihrer Zuständigkeiten verfügen Experten über Erfahrungen und Wissen bzw. entscheidende Informationen, die untersuchungsrelevant und daher Gegenstand des Gespräches sind (MAYER 2004: 37; MEUSER und NAGEL 1991: 444).

Nach MEUSER und NAGEL 1991 gilt als Experte:

Ÿ „wer in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Implementierung oder die Kontrolle einer Problemlösung oder

Ÿ wer über einen privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen oder Entscheidungsprozesse verfügt“ (MEUSER und NAGEL 1991: 443).

Experten sind häufig nicht in der obersten, sondern der zweiten bzw. dritten Ebene einer Organisation zu finden, „weil hier in der Regel Entscheidungen vorbereitet und durchgesetzt werden und weil hier das meiste und das detaillierteste Wissen über interne Strukturen und Ereignisse vorhanden ist“ (MEUSER und NAGEL 1991: 443f.).

Die Auswahl der Experten verlangt Wissen über die Organisationsstrukturen und Kompetenzverteilung sowie Entwicklungsprozesse im Handlungsfeld. Im Rahmen der Untersuchung wurden Personen aus unterschiedlichen Gruppen und Hierarchieebenen befragt, um unterschiedliche Standpunkte und Wissensgebiete berücksichtigen zu können (MAYER 2004: 41).

Die Leitfäden wurden vor dem Hintergrund der forschungsleitenden Fragestellungen, konzeptionellen Grundlagen sowie vergleichbarer Untersuchungen[1] entwickelt (vgl. MAYER 2004: 38, 42). Durch die Leitfäden ist es möglich, das Gespräch vorab thematisch zu strukturieren, bzw. den Fokus auf zentrale Themen zu lenken und eine gewisse Orientierung zu gewährleisten (vgl. MAYER 2004: 36, MEUSER und NAGEL 1991: 453). Die Strukturierung des Leitfadens in übergeordnete Themenkomplexe mit Nachfragethemen ermöglicht zudem eine bessere thematische Vergleichbarkeit der Aussagen bei der Auswertung (MAYER 2004: 44; MEUSER und NAGEL 1991: 451). Eine Vergleichbarkeit ist zudem über die Auswahl der Experten gesichert, die unter Berücksichtigung „der Vergleichbarkeit ihrer Positionen“ (MEUSER und NAGEL 1991: 451) sowie der „Verwandtheit ihres Erfahrungswissens“ (ebd.) erfolgt. Die Gesprächspartner verfügen über einen „gemeinsam geteilte[n] institutionell-organisatorische[n] Kontext“ (ebd.: 453). Aufgrund der offenen Fragen (Erzählverfahren) ist eine gewisse Offenheit trotz des Leitfadens gewährleistet (ebd.: 449, MAYER 2004: 36).

Da nicht alle Elemente einer Grundgesamtheit in die Untersuchung einbezogen werden können, wird mit Stichproben gearbeitet. Während im Rahmen der quantitativen Forschung die Stichprobe auf statistische Repräsentativität / Verallgemeinerung abzielt, geht es in der qualitativen Forschung zwar ebenfalls um Verallgemeinerung und exemplarische, generalisierbare Ergebnisse (MAYER 2004: 37), jedoch handelt es sich um eine „inhaltliche Repräsentation“ (ebd. 38). Experteninterviews „sind auf die Generierung bereichsspezifischer und objekttheoretischer Aussagen angelegt“ (MEUSER und NAGEL 1991: 466). Ziel ist es daher, durch einen Vergleich der Gespräche

„das Überindividuell-Gemeinsame herauszuarbeiten, Aussagen über Repräsentatives, über gemeinsam geteilte Wissensbestände, Relevanzstrukturen, Wirklichkeitskonstruktionen, Interpretationen und Deutungsmuster zu treffen“ (MEUSER und NAGEL 1991: 452).

Herausgestellte Gemeinsamkeiten und Unterschiede sind durch „typische Äußerungen“ (MEUSER und NAGEL 1991: 452) zu dokumentieren. In der vorliegenden Arbeit wird hierzu die zusammenfassende Auswertung der Expertenaussagen durch beispielhaft angeführte Zitate ergänzt.[2] Um die Zitate der Befragtengruppe zuordnen zu können, ohne namentliche Nennungen vorzunehmen, wurden sie mit entsprechenden Abkürzungen versehen (vgl. Tab. 10):

Tabelle 10: Abkürzungen zur Anonymisierung der Zitate

Befragtengruppen

Abkürzungen

Vorsitzende des Kuratoriums

K I und K II

Mitglieder des Lenkungsausschusses

LA I bis LA V

AK-Leiter

AK I bis AK VI

Sonstige Akteure

SA I und SA II

Experten der Transferstelle Bildung

TSB I bis TSB III

Vertreter der am Transfercafé beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen

TC I bis TC V

Direktoren von Mainzer Museen

MD I bis MD III

AK-Mitglieder

AKM

Zu Beginn der Gespräche wurden der Hintergrund sowie die Ziele der Befragung dargelegt (MAYER 2004: 46). 22 von 23 Gesprächspartnern gaben ihr Einverständnis, das Gespräch aufzeichnen zu lassen. Anschließend wurden die Interviews transkribiert.[3] Nach MEUSER und NAGEL 1991 erfolgt der Auswertungsprozess der Experteninterviews ebenfalls, indem zunächst die Tonbandaufnahmen transkribiert werden (Transkription) (MEUSER und NAGEL 1991: 455). Das Gesagte wird anschließend in eigenen Worten wiedergegeben (Paraphrase) (ebd.: 456). Eine weitere Verdichtung des Materials erfolgt, indem zunächst innerhalb der einzelnen Interviews die paraphrasierten Passagen mit gleichen oder ähnlichen Inhalten unter Überschriften subsumiert werden (Überschriften) (ebd.: 457). Im nächsten Schritt werden thematisch vergleichbare Textpassagen verschiedener Interviews zusammengestellt und Überschriften vereinheitlicht. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden herausgestellt (Thematischer Vergleich) (ebd.: 459ff.). MEUSER und NAGEL schlagen als nächsten Schritt eine „empirische Generalisierung“ (ebd.: 462) vor, die darauf abzielt, Verallgemeinerungen und Deutungsmuster durch die Bildung von Kategorien herauszuarbeiten, indem „Teile unter einen allgemeine Geltung beanspruchenden Begriff“ (ebd.) subsumiert werden. Hierdurch ist eine Anbindung an theoretische Diskurse möglich (Soziologische Konzeptualisierung). Bei der abschließenden Theoretischen Generalisierung wird „eine Interpretation der empirisch generalisierten ‚Tatbestände'“ (ebd.: 463f.) formuliert.

„Bei diesem rekonstruktiven Vorgehen werden Sinnzusammenhänge zu Typologien und zu Theorien verknüpft, und zwar dort, wo bisher Addition und pragmatisches Nebeneinander geherrscht haben“ (MEUSER und NAGEL 1991: 464).

Empirie und Theorie werden bei diesem Schritt miteinander verknüpft (MEUSER und NAGEL 1991: 465).

Die Auswertung erfolgt immer mit Blick auf den vorherigen Schritt, um die

„Angemessenheit einer Verallgemeinerung“ (MEUSER und NAGEL 1991: 465) zu überprüfen. Durch das sogenannte „cross checking“ (ebd.: 467) lassen sich die Aussagen der Befragten auf „innere Stimmigkeit“ (ebd.) überprüfen und geben damit Aufschluss über den Wahrheitsgehalt (ebd.) der Angaben, die größtenteils subjektive Einschätzungen der Befragten widerspiegeln.

Nachdem die konzeptionelle und methodische Vorgehensweise vorgestellt wurden, erfolgt die Darstellung der Untersuchungsergebnisse in fünf Unterkapiteln:

In Unterkapitel 4.2 werden die Ergebnisse der ersten Gesamtbefragung (in der Vorbereitungsphase bzw. zu Beginn des Wissenschaftsjahres) und der zweiten Gesamtbefragung (nach Abschluss des Wissenschaftsjahres) unter thematischen Gesichtspunkten gemeinsam betrachtet. Die Unterkapitel 4.3, 4.4 und 4.5 widmen sich jeweils der Evaluation eines zentralen Projektes bzw. zentraler Aktivitäten einer der drei im Antrag der Stadt Mainz angeführten Säulen. In Unterkapitel 4.6 erfolgt eine Zusammenfassung aller Untersuchungsergebnisse.

  • [1] Vgl. BLUME und FROMM 2000a: 129ff. und BLUME und FROMM 2000b: 109ff.
  • [2] Die Zitate wurden vor dem Hintergrund einer besseren Lesbarkeit z.T. leicht angepasst. So wurden bspw. die Reihenfolge einzelner Wörter mit Blick auf einen korrekten Satz verändert, zur Vervollständigung von Sätzen Wörter ergänzt sowie Füllwörter oder Dopplungen gelöscht
  • [3] Die Transkriptionen (inkl. der drei schriftlich beantworteten Leitfäden) liegen in einem 660 Seiten umfassenden Dokument vor. Um die Anonymität der Gesprächspartner zu wahren, finden sich die Transkriptionen nicht im Anhang. Bei Bedarf können sie jedoch, nach Autorisierung durch die Gesprächspartner, eingesehen werden
 
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