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Ausgangslage zur wissenschaftsbasierten Stadtentwicklung in Mainz

Mit etwa 200.000 Einwohnern und rund 20.000 Beschäftigten in Wissenschaftseinrichtungen und forschenden Unternehmen stellt Wissenschaft einen wichtigen Wirtschaftsfaktor der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt dar. Nicht nur die Bediensteten der Wissenschaftseinrichtungen, auch ca. 41.000 Studierende sorgen für ein hohes Steueraufkommen und bergen eine hohe Kaufkraft, die der Stadt und der Region zugutekommt[1]. Die Studierenden bilden zudem einen Arbeitskräftepool und damit einen wichtigen Standortfaktor für die Ansiedlung von (wissensbasierten) Unternehmen (Wissenschaftsallianz o.J.a). Durch ihren hohen Anteil an Studierenden profitiert die Stadt von weiteren positiven Effekten, wie dem Einfluss auf die demographische Entwicklung und auf die Gestaltung des Lebensumfelds.

Die Stadt Mainz hat ihre Entwicklungschancen mit Blick auf den Faktor Wissenschaft erkannt und strebt im Sinne einer wissenschaftsbasierten Stadtentwicklung die strategische Ausrichtung auf Wissensträger und – gemäß den neueren regionalökonomischen Ansätzen – die Etablierung von Netzwerken zwischen regionalen Akteuren an. Neben Imageträgern wie Gutenberg/ Medienstadt, Fastnacht, FSV Mainz05 und Landeshauptstadt soll Wissenschaft als fester Bestandteil der Stadt überregional sichtbarer werden. Mainz konnte bereits vor dem Titelgewinn als Wissenschaftsstadt auf sich aufmerksam machen. So belegt die Stadt bspw. 2009 im Capital-Städteranking Wissen ist Wirtschaftsmacht Platz 12 (Thomas Daily 2009: 29):

„Der augenfälligste Trend: Eine Reihe mittelgroßer Hochschulstädte schiebt sich nach vorn und bricht in die Reihe der traditionell besonders wirtschaftsstarken Metropolen ein. […] Wiesbaden, Heidelberg, Karlsruhe und Mainz sind exzellent platziert“ (Thomas Daily 2009: 27).

Institutionelle Landschaft / wissenschaftliche Einrichtungen

Mainz weist eine hohe Dichte und Bandbreite wissenschaftlicher Einrichtungen auf, die die Grundlage einer Wissenschaftsstadt bilden (s. Kap. 2.3.4). Zu nennen ist zunächst die traditionsreiche und international anerkannte Johannes Gutenberg-Universität (JGU), die mit rund 35.000 Studierenden (Sommersemester 2014) zu den zehn größten Universitäten Deutschlands zählt (Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2014a) und das Wissenschaftszentrum des Landes Rheinland-Pfalz darstellt. Sie nimmt bei der Entwicklung der Stadt als Wissenschaftsstadt eine herausragende Funktion ein, sowohl hinsichtlich der Generierung von Wissen als auch der Ausbildung von Humankapital. Von ihr geht ein Wissensspillover auf die regionale Wirtschaft aus, z.B. in Form von Spin-offs (s.o.). Durch die über 500-jährige Universitätsgeschichte (Gründung 1477 bis 1796, Wiedergründung 1946) besteht ein starkes Traditionsbewusstsein. Als einzige Volluniversität des Bundeslandes und eine der wenigen deutschlandweit, deckt die JGU mit ihren zehn Fachbereichen sowie zwei künstlerischen Hochschulen – der Hochschule für Musik und der Kunsthochschule Mainz – inklusive der Universitätsmedizin ein breites Spektrum an Fächern ab (Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2014a). Fast alle Fachbereiche sind auf dem innenstadtnahen Campus angesiedelt. Schwerpunkte bilden die Naturwissenschaften, die in internationalen Forschungsrankings Spitzenpositionen belegen (vgl. Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2013b) sowie – analog zu den Branchenschwerpunkten – die Bereiche Medizin und Medien, aber auch Geistesund Sozialwissenschaften sowie Kulturwissenschaften. Die JGU ist (Universitätsmedizin eingeschlossen) nicht nur der größte Arbeitgeber der Stadt, sondern mit Abstand die größte Wissenschaftseinrichtung in der Region. Neben der Universität sind noch drei weitere Hochschulen in Mainz angesiedelt, die Fachhochschule Mainz (FH Mainz)[2] mit den drei Fachbereichen Technik, Gestaltung und Wirtschaft und die Katholische Hochschule (KH), die mit ihren Fachbereichen Soziale Arbeit, Prak- tische Theologie sowie Gesundheit und Pflege einen Schwerpunkt im Bereich Soziales aufweist. Seit 2007 existiert zudem eine Wirtschaftshochschule (European Management School Mainz).

Auch renommierte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen haben einen Standort in Mainz und sind z.T. auf dem Campus angesiedelt, wodurch eine Zusammenarbeit mit der JGU gefördert wird, wie bspw. die beiden Max-PlanckInstitute. Das Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPI-P) gehört zu den international führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Polymerwissenschaft. Ausdruck einer durch die räumliche Nähe begünstigten Zusam- menarbeit mit der JGU ist die International Max Planck Research School for Polymer Materials Science (IMPRS-PMS), ein Austauschund Ausbildungsprogramm zwischen dem MPI-P und dem Fach Chemie. Im Rahmen der bundesdeutschen Exzellenzinitiative[3] konnte sich auf dem Gebiet der Materialforschung die Graduiertenschule MAINZ – MAterials science IN mainZ, ein Gemeinschaftsprojekt des MPI-P, der JGU und der TU Kaiserslautern, sowohl 2007 als auch 2012 erfolgreich durchsetzen (Max-Planck-Institut für Polymerforschung 2013; Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2013a). Das ebenfalls in Mainz angesiedelte Max-Planck-Institut für Chemie (MPI-C) beschäftigt sich mit Grundlagenforschung auf den Gebieten Chemie der Atmosphäre, Biochemie und Partikelchemie. Paul Crutzen erhielt als Leiter der Abteilung Chemie der Atmosphäre 1995 einen Nobelpreis für seine Forschungen über das Ozonloch (Max-Planck-Institut für Chemie 2012; Landeshauptstadt Mainz 2012a: 4).

Am ebenfalls auf dem Campus befindlichen Helmholtz-Institut Mainz (HIM) wird in Kooperation mit dem Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GSI in Darmstadt sowie dem Institut für Kernchemie, Kernphysik und Physik der JGU u.a. die Struktur, Symmetrie und Stabilität von Materie und Antimaterie erforscht (Helmholtz-Institut Mainz o.J.).

Mit dem Institut für Molekulare Biologie fördert die Boehringer Ingelheim Stiftung seit 2011 eine Forschungseinrichtung auf dem Campus, die in den Schwerpunktbereichen Entwicklungsbiologie, Epigenetik und DNA-Reparatur forscht (Institut für Molekulare Biologie o.J.).

Zu weiteren Forschungseinrichtungen am Standort Mainz zählen die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, das Institut für Europäische Geschichte Mainz, das Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V., die IMM GmbH, die TRON gGmbH (KRAUSCH 2011: 101) sowie eine Reihe weiterer öffentlich und privat geförderter Forschungseinrichtungen und forschender Unternehmen.

Eine wichtige Rolle nehmen im Rahmen der Etablierung der Stadt Mainz als Wissenschaftsstadt auch Museen mit z.T. internationalem Renommee ein, wie bspw. das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz (RGZM), ein Insti-tut der Leibniz-Gemeinschaft und weltweit tätiges Forschungsinstitut für Archäologie, das sich in die drei wissenschaftlichen Abteilungen Vorgeschichte, Römerzeit und Frühes Mittelalter gliedert, denen jeweils ein organisatorisch eigenständiger Forschungsbereich[4] zugeordnet ist. Internationale Aufmerksamkeit erhielt das RGZM durch die Restaurierung und wissenschaftliche Auswertung der Kleidung und Ausrüstung des Ötzi (Römisch-Germanisches Zentralmuseum o.J.a, o.J.b). Weitere forschende Museen von überregionaler Bedeutung sind das Naturhistorische Museum Mainz (NHM), das größte Naturkundemuseum in Rheinland-Pfalz und Zentrum für ökologische Bildung (Naturhistorisches Museum Mainz 2010a, b), das Gutenberg-Museum, ein weltweit bekanntes Druckmu- seum oder das Landesmuseum Mainz, eines der ältesten Museen Deutschlands mit einer bedeutenden kunstund kulturgeschichtlichen Sammlung (Landesmuseum Mainz o.J.). Die Forschungseinrichtungen der Stadt Mainz weisen auf die Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Naturwissenschaften (Physik, Chemie), Medizin und Kulturwissenschaften hin. Die wissenschaftlich tätigen Einrichtungen bündeln Wissen und Kompetenzen. Auch Einrichtungen wie die Mainzer Bibliotheken stellen eine Grundlage einer Wissenschaftsstadt dar.

Mainz verfügt neben den Hochschulen über eine breit gefächerte Bildungsinfrastruktur mit zahlreichen Schulen, davon zwölf Gymnasien, worunter sich seit dem Schuljahr 2004/2005 eine Hochbegabtenschule befindet. Zudem bestehen vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten an Akademien und Instituten (Landeshauptstadt Mainz 2014g).

  • [1] „Entscheidende wirtschaftliche Impulse geben die wissenschaftlichen Einrichtungen auch als Auftraggeber durch ihre Sachausgaben und ihr Investitionsvolumen. Zum Beispiel die Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Fast 40 Prozent ihrer Gesamtzahlungen – also ca. 29 Millionen Euro – fließen in die Stadt Mainz und ihr Umfeld“ (Wissenschaftsallianz o.J.a)
  • [2] Seit September 2014: Hochschule Mainz
  • [3] „Mit der Exzellenzinitiative fördern Politik und Wissenschaft herausragende Forschungsprojekte und -einrichtungen an den deutschen Hochschulen. Auf diese Weise soll die Spitzenforschung gestärkt und der Wissenschaftsstandort Deutschland international sichtbar gemacht werden. Dazu wurden in einem Wettbewerb insgesamt 85 Exzellenzeinrichtungen in drei Bereichen ausgewählt: * 39 Graduiertenschulen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses * 37 Exzellenzcluster zur Förderung der Spitzenforschung * 9 Zukunftskonzepte zum projektbezogenen Ausbau der universitären Spitzenforschung. Der Wettbewerb wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Wissenschaftsrat durchgeführt. Für die Förderung der ausgewählten Projekte und Einrichtungen stellen der Bund und die Länder bis Ende 2012 insgesamt 1,9 Milliarden Euro bereit“ (Deutschen Forschungsgemeinschaft o.J.)
  • [4] Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution; Forschungsbereich Antike Schifffahrt; Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte (Römisch-Germanisches Zentralmuseum o.J.a, o.J.b)
 
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