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Bisherige Evaluation des Wettbewerbs

Um die Erfahrungen des Wettbewerbs zu reflektieren und zu evaluieren, wurden von Seiten des Stifterverbands verschiedene Initiativen ergriffen: ein Forschungsprojekt gemeinsam mit der Fachhochschule Osnabrück über die Effekte der Wettbewerbsteilnahme auf die Städte (HOHN und MEYER 2010), eine Publikation über Strategien von 16 Städten, die sich als Wissenschaftsstädte zu positionieren versuchen (LISOWSKI et al. 2011) sowie der Lübecker Katalog (Stifterverband 2012), in dem die Gewinnerstädte wichtige Handlungsfelder zur nachhaltigen Positionierung als Wissenschaftsstadt beschreiben. Die Ergebnisse dieser Aktivitäten werden im Folgenden dargestellt.

Der Stifterverband und die Fachhochschule Osnabrück führten 2009/2010 ein Forschungsprojekt durch, um zu eruieren, ob sich nachhaltige Effekte bei Kommunen beobachten lassen, die am Wettbewerb Stadt der Wissenschaft (2005–2009) teilgenommen haben, und um welche Effekte es sich handelt. Ferner wurden Kritikpunkte zum Wettbewerb sowie Anregungen für dessen Weiterentwicklung erhoben (vgl. HOHN und MEYER 2010).

Es zeigt sich, dass Städte bereits durch die Beteiligung am Wettbewerb auf vielfältige Weise profitieren können. Insgesamt konnte festgestellt werden, dass der Wettbewerb für einen Großteil der Städte erfolgreich verlief: 85 % der befragten Städte [1] verzeichneten positive Effekte, die sich insbesondere in den Bereichen Netzwerkbildung, Strategieentwicklung und Wissenschaftskommunikation nachweisen ließen. Die Netzwerkbildung ist hauptsächlich auf die Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen zurückzuführen. Durch die Teilnahme am Wettbewerb hat Wissenschaft im Rahmen der Strategieentwicklung vieler Städte an Gewicht gewonnen. Die langfristigen Effekte des Wettbewerbs auf die Stadtentwicklung sind in hohem Maße von Entscheidungen der Kommunalpolitik abhängig (HOHN und MEYER 2010: 4).

Mit Blick auf das Ausmaß an zu beobachtenden Effekten wurden die Städte anhand der Ergebnisse (Clusteranalyse) drei Gruppen zugeordnet (HOHN und MEYER 2010: 4) (vgl. Abb. 4).

Abbildung 4: Gruppierung der beteiligten Städte

(Eigene Darstellung nach: HOHN und MEYER 2010: 4)

Vorreiter weisen mit Blick auf eine wissensbasierte Stadtentwicklung deutliche

„Entwicklungsvorsprünge“ (HOHN und MEYER 2010: 17) gegenüber den anderen Gruppen auf. Durch entsprechende Maßnahmen haben Vorreiter bereits Jahre vor der Wettbewerbsteilnahme mit der Standortprofilierung durch Wissenschaft begonnen. Das Vorhandensein entsprechender strategischer Entwicklungspläne, Netzwerkstrukturen und Ansprechpartner für wissenschaftliche Angelegenheiten (Wissenschaftsmarketing, Netzwerkbeziehungen, wissenschaftliche Veranstaltungen) charakterisiert diese Gruppe. Die wissensbasierte Standortstrategie wird auch durch Stadtratsbeschlüsse gestützt. Die Beteiligung am Wettbewerb hat laut Ergebnis des Forschungsprojektes wenig verstärkende Wirkung auf deren Weiterentwicklung (ebd.). In dieser Gruppe lassen sich insbesondere Städte mit einer Einwohnerzahl zwischen 100.000 und 200.000 finden (ebd.: 20). Als Beispielstädte sind Dortmund und Aachen genannt (ebd.: 17).

Die Gruppe der Profiteure zeichnet sich durch Städte aus, die gerade damit beginnen, sich als Wissensstadt zu positionieren (HOHN und MEYER 2010: 4). Durch die Teilnahme am Wettbewerb haben sie wichtige Impulse für ihre Profilierung über Wissenschaft erhalten. Als Folge der Wettbewerbsteilnahme wird Wissenschaft als wichtiger Standortfaktor wahrgenommen und entsprechende Strategien werden entwickelt (ebd.: 18). Unter den Profiteuren sind v.a. Städte mit 200.000 bis 500.000 Einwohnern (ebd.: 20). Münster, Rostock und Konstanz werden als Beispiele angeführt (ebd.: 18).

Nachzügler beginnen gerade erst mit der Standortprofilierung über den Faktor Wissenschaft. Zu diesem Zeitpunkt können Impulse zur strategischen Einbindung von Wissenschaft in die Stadtentwicklung durch die Wettbewerbsteilnahme lediglich in Maßen genutzt werden (HOHN und MEYER 2010: 4; 19). Nachzügler sind insbesondere Städte mit bis zu 200.000 Einwohnern (ebd.: 20).

Im Rahmen der Evaluation des Stifterverbandes und der Fachhochschule Osnabrück wurden auch Kritikpunkte und Anregungen formuliert, und zwar:

Ÿ eine „stärkere europäische bzw. internationale Ausrichtung“ (HOHN und MEYER 2010: 4),

Ÿ die „Organisation eines Netzwerkes von Wissenschaftsstädten“ (ebd.),

Ÿ der „Aufbau einer Plattform zum Austausch von europäischen BestPractice-Projekten“ (ebd.),

Ÿ die „stärkere regionale Ausrichtung des Wettbewerbs“ (ebd.: 27), in dem Sinne, dass sich bspw. Metropolregionen gemeinsam bewerben können (ebd.).

In einer Schlussbetrachtung wird der Wettbewerb als Chance bezeichnet, wissenschaftliche Potenziale zu erkennen und „optimal für die strategische Standortpo-sitionierung einzusetzen“ (HOHN und MEYER 2010: 24). Positive Erträge sind, wie erwähnt, insbesondere in den Bereichen Netzwerkbildung, Strategieentwicklung und Wissenschaftskommunikation zu verzeichnen. Wissenschaft und Forschung sind als zentrale Standortfaktoren ins kollektive Bewusstsein gerückt, entsprechende Standortkonzepte wurden entwickelt. Hervorgehoben wird, dass eine wissensbasierte Profilierungsstrategie nur dann erfolgreich sein kann, wenn Rückhalt durch die Politik gegeben ist (ebd.).

Neben der Gruppierung der am Wettbewerb beteiligten Städte in Vorreiter, Profiteure und Nachzügler wurde im Rahmen einer Publikation des Stifterverbands eine Differenzierung nach Strategien von 16 Städten vorgenommen, die sich als Wissenschaftsstädte zu positionieren versuchen (LISOWSKI et al. 2011). Als Grundlage dienten Selbstbeschreibungen, aus denen folgende vier profilprägende Strategiemuster hervorgehen:

1. Event-Ansatz (Fokus auf Veranstaltung von Wissenschaftsevents, Bsp.: Kiel)

2. Cluster-Ansatz (Konzentration auf Kernthemen/-branchen hinsichtlich des Hochschulund Standortprofils, Bsp.: München und Münster)

3. Image-Ansatz (Ausrichtung von Stadtmarketing-Kampagnen und Corporate Design auf die Wissenschaftsstadt, Bsp.: Oldenburg)

4. Baulicher Ansatz (Wissenschaftsorte werden für Bürger und den Wissenschaftstourismus geschaffen, aber auch in Form urbaner Quartiere für die Kreative Klasse, Bsp.: Bremen/ Bremerhaven) (Lisowski et al. 2011: 28f.).

Die Strategien beruhen alle auf Netzwerken und treten meist in Mischformen auf. Sie lassen sich wiederum differenzieren nach:

1. Anzahl der Netzwerkpartner (hohe Anzahl: z.B. Event-Ansatz, geringe Anzahl: z.B. baulicher Ansatz) sowie

2. Dauer/Nachhaltigkeit (kurzfristig: Event-Ansatz, langfristig: ClusterAnsatz) (LISOWSKI et al. 2011: 27f.).

2012 trafen sich Vertreter der Gewinnerstädte, um der Frage nachzugehen, wie die Städte sich nach dem Jahr als Stadt der Wissenschaft als Wissenschaftsstädte etablieren können. Die Ergebnisse wurden in einem Papier, dem Lübecker Katalog, festgehalten (Stifterverband 2012: 1).

Als Herausforderungen, mit denen sich Wissenschaftsstädte konfrontiert sehen, wurden zunächst folgende herausgestellt:

„Rekrutierung von Talenten, Umgang mit dem Fachkräftemangel, Bewältigung des demografischen Wandels, Gewinnung von Ressourcen, Ansiedlungen, Schaffung überregionaler Aufmerksamkeit, Akzeptanz für Forschungsfragen, Bildungsund Verwirklichungschancen und die Schaffung von Strukturen zur wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Stadt“ (Stifterverband 2012: 2).

Wenngleich individuelle Lösungen für Städte gefunden werden müssen, wurden auf Grundlage der Erfahrungen der Gewinnerstädte drei Themenfelder als besonders relevant zur Entwicklung als Wissenschaftsstadt herausgestellt, die im Folgenden erläutert werden (Stifterverband 2012: 2f.).

1. „Wissenschaft als Wertschöpfungstreiber und Transformator einer nachhaltigen Entwicklung von Stadt und Gesellschaft“ (Stifterverband 2012: 4f.)

Ÿ Wissenschaft wird als wichtiger „Werttreiber“ (ebd.: 4) herausgestellt. Netzwerke zwischen Kommunalverwaltungen, Wirtschaft und Wissenschaft zeugen von einem Bewusstsein für diese positiven Effekte, insbesondere von Hochschulen auf die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung und auf die Innovationsfähigkeit.

Ÿ Bevor der Versuch unternommen wird, eine Wissenschaftsstadt überregional bekannt zu machen, bedarf es vor dem Hintergrund einer Profilbildung einer internen Auseinandersetzung zentraler Akteure mit Wissenschaftsthemen der Stadt sowie Fragen der Finanzierung. Auf dieser Grundlage erfolgt der Aufbau von Organisationsstrukturen, bei denen Strukturen, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres entstanden sind, einen Ausgangspunkt darstellen können. Standortentwicklung und -marketing sind entsprechend abzustimmen (ebd.: 4f.).

Ÿ Ziel sollte es sein, über die Grenzen der Wissenschaftsstadt hinaus zu denken und die Entwicklung einer Wissenschaftsregion anzustreben.

Ÿ Um die Beteiligung der Wirtschaft zu sichern, sind wirtschaftsrelevante Themen zu berücksichtigen, z.B. die Frage wie qualifizierte Arbeitskräfte gewonnen und in der Stadt gehalten werden können.

Ÿ Nach einer „Initialphase (Bewerbung um den Titel; Wissenschaftsjahr)“ (ebd.: 5), ist der Übergang zur „Verstetigungsphase“ (ebd.) entscheidend, in der es gilt, gemeinsam Ziele zu definieren, die langfristig verfolgt werden.

Ÿ Für alle zentralen Akteure ist der gemeinsame Nutzen von Wissenschaft herauszustellen (ebd.).

Ÿ Um wirtschaftliche Effekte aus der Wissenschaft heraus erzielen zu können, ist eine kritische Masse wissenschaftlicher Einrichtungen eine notwendige Voraussetzung. Den Ansprüchen der hochqualifizierten Arbeitnehmer an ihr Lebensumfeld ist Rechnung zu tragen (ebd.: 6).

2. „Wissenschaft als Zukunftsmotor für eine neue Urbanität“ (Stifterverband 2012: 6)

Ÿ Die Berücksichtigung von Wissenschaft als einem Imagefaktor dient der Problemlösung in Städten der Wissenschaftsgesellschaft „(Fachkräftegewinnung, Ansiedlung dynamischer, wissensbasierter Unternehmen etc.)“ (ebd.). Ziel ist es zudem, urbaner zu werden, denn hochqualifizierte Arbeitskräfte zieht es in städtische Lebensräume, an die sie hohe Anforderungen stellen.

Ÿ Bei der stärkeren Berücksichtigung von Wissenschaft als Standortfaktor ist eine „Bestandsaufnahme und Strukturanalyse“ (ebd.: 7) nötig.

Ÿ Die Schaffung geeigneter Orte, wie Häuser der Wissenschaft, bewirkt Sichtbarkeit und Identifikation der Stadtgesellschaft mit Wissenschaft.

Ÿ Der zielorientierte Austausch zwischen gesellschaftlichen Subsystemen (Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft),

z.B. in Form von Foren oder Kompetenznetzwerken, ist zu sichern, um die unterschiedliche Handlungslogik der Bereiche zusammenzuführen (ebd.: 8).

3. „Die Bedeutung von Bürgerbeteiligung für Wissenschaftsstädte“ (Stifterverband 2012: 3)

Ÿ Durch Bürgerbeteiligung erfolgen wichtige Impulse zur Gestaltung der Stadt sowie eine stärkere Identifikation mit der eigenen Stadt, weshalb sie im Gesamtkonzept von Wissenschaftsstädten zu berücksichtigen ist (ebd.: 9).

Ÿ „Bürgerbeteiligung muss systematisch, verbindlich, wertschätzend und nachhaltig koordiniert werden“ (ebd.: 10) und sollte für die Bürger wahrnehmbare Wirkungen nach sich ziehen.

Ÿ Um Wissenschaft stärker in die Gesellschaft zu tragen, sind Gruppen und ihre Multiplikatoren zu identifizieren sowie Themen, die aus Sicht der Bürger in diesem Zusammenhang von Relevanz sind. Neue Formen der Vermittlung von Wissenschaft sind zudem zu entwickeln (ebd.: 9f.).

Die im Lübecker Katalog zusammengetragenen Ergebnisse zeigen erneut die Komplexität einer Wissenschaftsstadt auf. Entsprechend den unterschiedlichen Faktoren ist die gesamte Stadtentwicklung auf die Etablierung einer Wissenschaftsstadt auszurichten (Stifterverband 2012: 7).

Die Forschungsergebnisse der Fachhochschule Osnabrück, die Publikation des Stifterverbands sowie der Lübecker Katalog liefern mit Blick auf zu beobachtende Effekte der Bewerbung bzw. des Titelgewinns wichtige Impulse für die eigenen Untersuchungen und zeigen bereits Handlungserfordernisse und Strategieansätze zur langfristigen Etablierung einer Wissenschaftsstadt auf, die eine hohe Übereinstimmung mit den in Kapitel 2.3.4 genannten Merkmalen und Handlungsfeldern einer Wissensstadt aufweisen. Bevor die eigenen Untersuchungsergebnisse dargestellt werden, erfolgt eine Übersicht über das Untersuchungsgebiet, die Ausgangslage der Stadt Mainz im Bereich der wissenschaftsbasierten Stadtentwicklung sowie über den Antrag, den die Stadt Mainz im Rahmen der Ausschreibung eingereicht hat.

  • [1] Fallzahl (n) = 46
 
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