Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Wissenschaftsbasierte Stadtentwicklung

< Zurück   INHALT   Weiter >

2.3.5 Regional bzw. Urban Governance

Vor dem Hintergrund der ausgeführten Konzepte und Modelle ist es notwendig, entsprechende Governance-Konzepte wie Regional oder Urban GovernanceAnsätze zu diskutieren, die das Konzept der wissensbasierten Stadtentwicklung abrunden. Mit Regional oder Urban Governance werden Formen dezentraler Steuerung beschrieben (AHRENS 2004: 53). Kooperationsformen in der Stadtentwicklung werden damit auch auf die Steuerung politischer Prozesse übertragen (FÜRST 2001: 371).

HEINELT bezeichnet den in den letzten Jahren zu beobachtenden Wandel als “shift from government to governance” (HEINELT 2009: 347) und verweist damit auf den Souveränitätsverlust des Staates (ebd.). Während Government das hierarchische Steuerungsverhältnis zwischen Staat und Gesellschaft beschreibt (EINIG et al. 2005: I), bzw. „das institutionalisierte staatliche Steuerungssystem“ (FÜRST 2001: 371), tritt mit Governance die Unterordnung und Steuerung der Gesellschaft durch den Staat zugunsten einer anderen Form der Koordinierung gesellschaftlicher Interaktionen in den Hintergrund (HEINELT 2009: 347f.). Governance verweist auf ein Regulierungssystem für kollektives Handeln (FÜRST 2001: 371), worunter „schwach institutionalisierte[n] Steuerungsformen wie Netzwerke, Runde Tische, Regionalkonferenzen usw.“ (ebd.) zu verstehen sind. Der Staat übernimmt häufig die Rolle des Initiators oder Moderators (ebd.: 377). Das Governance-Konzept als Selbststeuerungssystem weist Parallelen zu gesellschaftlich-wirtschaftlichen Konzepten wie bspw. Zivilgesellschaft und Public-Private-Partnership auf (FREY 2005: 563; vgl. auch JAKUBOWSKI und PAULY 2005: 619 sowie FÜRST 2001: 375). Es handelt sich damit um einen

bottom-up-Ansatz (FREY 2005: 563).

Der Governance-Begriff wird vielfältig angewandt. So kann er verstanden werden als

„Prozesssteuerung für kollektives Handeln […], bei dem Akteure / Organisationen so miteinander verbunden und im Handeln koordiniert werden, dass gemeinsam gehaltene oder gar entwickelte Ziele wirkungsvoll verfolgt werden können“ (FÜRST 2001: 371).

Unter dem Sammelbegriff Regional bzw. Urban Governance, bei dem das

Governance-Konzept auf Fragen der Stadt bzw. Regionalentwicklung bzw.

-politik übertragen wird, können verschiedene Praktiken subsumiert werden (EINIG et al. 2005: I, VIII). Mit dem Ziel einer nachhaltigen Stadtbzw. Regionalentwicklung wird versucht, durch dezentrale Selbststeuerungsformen Entscheidungen bzw. Interessenslagen verschiedener Gruppen aufeinander abzustimmen (FREY 2005: 261). Die nicht hierarchischen, netzwerkartigen Koordinationsmechanismen entstehen neben den klassischen hierarchischen Strukturen bzw. sind in diese integriert (EINIG et al. 2005: II). Es kommt damit zu einer Kombination der Elemente Markt („partnerschaftliche Verhandlungen“ (FREY 2005: 561)), Hierarchie („hoheitliche ordnungspolitische Regelungen“ (ebd.)) sowie Netzwerke („Kooperation“ (ebd.)) als Merkmal von Regional und Urban Governance (ebd.). Die Verknüpfung unterschiedlicher Steuerungslogik durch Netzwerke gilt als notwendig, damit sich Regionen den komplexen Herausforderungen der heutigen Gesellschaft annehmen können (FÜRST 2001: 374). Kennzeichnend für Urban Governance ist damit die Bildung von Multiakteurskonstellationen durch die Vernetzung von Akteuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Die neuen Steuerungsformen sind selten in dauerhaften Organisationen institutionalisiert (EINIG et al. 2005: II). Regional Governance entsteht häufig projektbezogen (FÜRST 2001: 378).

Die Gründe, weshalb Regional bzw. Urban Governance als neue Steuerungssysteme in Erscheinung treten, sind vielfältiger Art, sie werden jedoch vor dem Hintergrund der ausgeführten Konzepte und Modelle nachvollziehbar (vgl. Triple Helix-Modell und Modus 2 der Wissensproduktion), die auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Akteuren verschiedener gesellschaftlicher Subsysteme rekurrieren. Häufig werden als Gründe für das Entstehen neuer Steuerungsformen zudem Steuerungslücken traditioneller Institutionen bei konkreten Problemen genannt, Legitimationsdefizite oder Finanzknappheit (EINIG et al. 2005: VIII). Governance-Formen bieten vor dem Hintergrund sich wandelnder Rahmenbedingungen neue Handlungsfähigkeit und Optionen, Probleme zu lösen.

„[A]uf der lokalen und regionalen Ebene [verschieben sich] die faktischen Legitimationsstrukturen, d.h. Strukturen, die von der Bevölkerung als ausreichend für die Kontrolle politischer Entscheidungen angesehen werden: Medien-Diskurse, Bürgerinitiativen u.a. sind heute wichtige Kontrollstrukturen geworden, die einerseits die notwendige Transparenz von Entscheidungsprozessen herstellen, andererseits aber auch über Konflikte, aufgedeckte Skandale usw. auf nicht geklärte Entscheidungsbedarfe hinweisen“ (FÜRST 2001: 377).

Neben vielen Vorteilen, die neue Governance-Formen bieten, sind jedoch etliche Fragen offen, wie z.B. die nach dem Verhältnis von Mehraufwand und erzieltem Ertrag (vgl. JAKUBOWSKI und PAULY 2005: 622). Obgleich mit dem Governance-Begriff der Gedanke einer „unmittelbare[n] Teilhabe der Betroffenen an politischen Entscheidungen“ (EINIG et al. 2005: VII) sowie Aspekte wie politische Partizipation und bürgerschaftliches Engagement verbunden sind (ebd.), besteht die Gefahr der Ausgrenzung von Gruppen. Governance-Formen sind zudem als weiche Steuerungsformen anzusehen, die eine geringe Konfliktregelungskapazität besitzen, wodurch konflikthaltige Themen ggf. nicht behandelt werden. Da es sich bei Regional Governance nicht um eine legitimierte Steuerungsform handelt, können Konflikte mit den legitimierten Steuerungsstrukturen auftreten (FÜRST 2001: 376f.).

Regional Governance konstituiert sich über kommunikative, kognitive Prozesse. Gemeinsame Auffassungen der Akteure über Handlungsbedarf und mögliche Handlungswege sind grundlegend, wobei nicht in allen Regionen diese gemeinsamen Vorstellungen vorzufinden sind (FÜRST 2001: 374). Regional Governance ist von den regionalen Gegebenheiten bzw. Rahmenbedingungen abhängig bzw. Pfadabhängig[1] (ebd.: 375f.). So wird Regional Governance zudem beeinflusst

Ÿ vom bestehenden Institutionenrahmen,

Ÿ von regionalen soziokulturellen Determinanten (z.B. Vorhandensein einer Kooperationstradition),

Ÿ Akteurskonstellationen und

Ÿ situativen Einflüssen (z.B. Kooperationsanreizen) (FÜRST 2001: 376). Zudem unterliegen auch Governance-Strukturen einem Lebenszyklus:

„[Sie] können zunächst durch Netzwerke formiert werden, die sich dann über konkrete Projekte in Partnerschaften und sogar fest institutionalisierte Zusammenarbeiten weiterentwickeln können, die aber auch – nach Abschluss des Projektes – wieder auf die Stufe locker gekoppelter Netzwerke zurückfallen können“ (FÜRST 2001: 374).

Innerhalb von Deutschland haben sich die Rahmenbedingungen für Regional Governance aufgrund entsprechender Förderprogramme auf Länder-, Bundes-, und EU-Ebene verbessert (FÜRST 2001: 375).

Insgesamt besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich neuer Governance-Formen. Es wird kritisiert, dass die Diskussion bislang durch eine hohe Unschärfe geprägt ist und wenig konkrete Ansätze für eine Umsetzung liefert (s. FÜRST 2001: 376).

Mit Regional Governance werden jedoch wichtige Elemente einer Knowledge City-Strategie angesprochen. Denn eine zentrale Herausforderung bei der Umsetzung einer Knowledge City-Strategie liegt darin,

„die politischen Ziele und Maßnahmen auf mehreren Politikebenen aufeinander abzustimmen (Mehrebenenpolitik) und bestimmte Akteure auf unterschiedlichen Ebenen zur Kooperation anzuhalten (Netzwerkpolitik)“ (FRANZ 2009: 101).

Neue Governance-Formen sind daher im Rahmen einer Knowledge City- Strategie bzw. bei der Entwicklung von Wissensstädten zu berücksichtigen.

  • [1] „Pfadabhängigkeit bezeichnet einen vergangenheitsdeterminierten Prozess relativ kontinuierlicher bzw. inkrementeller Entwicklungen. Die jeweils erreichten Zustände können kollektiv ineffizient oder suboptimal sein, ohne dass der Prozess deshalb notwendigerweise zum Erliegen kommt oder radikal geändert wird“ (WERLE 2007: 119)
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics