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2.3.4 Wissensstädte – Merkmale, Konzepte und Handlungsfelder

Als Zukunftsstrategie verfolgen viele Städte das Ziel, sich zu einer Wissensstadt, einer Knowledge-Based City (z.T. auch als Knowledge City bezeichnet) zu etablieren. Die Auswirkungen einer entsprechenden Knowledge City-Strategie (s.u.) gehen über die ökonomische Dimension (u.a. Attraktivitätsgewinn als Unternehmensstandort) hinaus und betreffen bspw. die Demographie (Zuzug von Einwohnern und Verjüngung der Bürgerschaft), sind stadtplanerisch (Gestaltung der Stadt durch Investitionen in Hochschulbauten) und sozio-kulturell (ggf. Herausbildung eines Kreativen Milieus) von Bedeutung (FRANZ 2008: 7).

In den USA ist der Ansatz der Knowledge-Based Cities sehr populär (TATA 2004: 29f.).[1] Auch in Deutschland ist eine Zunahme an wissensbasierten Entwicklungskonzepten zu beobachten (bspw. Berlin, Erlangen, Frankfurt / Oder und Jena; vgl. MATTHIESEN und MAHNKE 2009). Ausdruck dessen sind auch Wettbewerbe, wie der um den Titel Stadt der Wissenschaft (vgl. Kap. 3.1). Was aber heißt es, Wissensstadt zu sein bzw. welche Maßnahmen können Städte ergreifen, um Wissensstadt zu werden?

Da Wissenschaftseinrichtungen eine zentrale Position bei der Produktion von Wissen und Ausbildung von Humankapital einnehmen, kommt ihnen besondere Aufmerksamkeit zu (FRANZ 2007: 155). KUNZMANN benennt daher Hochschulen, öffentlich-private Forschungseinrichtungen sowie private FuE-Zentren der Wirtschaft und zivilen Gesellschaft als „die drei Säulen der europäischen Wissensstadt“ (KUNZMANN 2004: 29; vgl. Abb. 2), die häufig enge Verflechtungen aufweisen.

Abbildung 2: Drei Säulen der Wissensstadt

(Eigene Darstellung nach KUNZMANN 2004: 29)

KUNZMANNS drei Säulen der Wissensstadt verdeutlichen, dass eine gewisse Anzahl und Bandbreite an Wissenschaftseinrichtungen die zentralen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Wissensstadt bilden.

Durch die Konzentration von Einrichtungen der Wissensproduktion,

-verbreitung und des -transfers und eine dadurch bedingte hohe Dichte wissensintensiver Arbeitsplätze (STREHMANN 2008: 2) haben insbesondere Metropolregionen, ferner Stadtregionen und Großstädte Wettbewerbsvorteile bei der Positionierung als Wissenszentren. Zudem weisen sie häufig eine „hohe Dichte wissensintensiver, kreativer formeller und informeller Netze“ (KRUPA und SCHMIDT 2009: 275) auf. Es wird davon ausgegangen, dass Stadtregionen die besten Voraussetzungen bieten, neues Wissen anzuziehen (Städte als „WissensMagneten“ (FRANZ et al. 2009: 256)). Hier ist die Kontaktwahrscheinlichkeit hoch und ein Wissensspillover bspw. durch den Wechsel von Mitarbeitern gegeben (FRANZ et al. 2009: 255). Während das Bild von Metropolregionen lange Zeit negativ geprägt war, hat seit den 1990er Jahren ein Umdenken stattgefunden. Metropolregionen werden „als Motoren der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung“ (BLOTEVOGEL 2010: 4) betrachtet und geraten als Untersuchungsgebiet zunehmend in den Fokus.[2] Ihnen warden die größten Potenziale mit Blick auf die Entwicklung von Wissensstädten zugesprochen (STREHMANN 2008: 26).

Neben der Konzentration diverser Bildungsund Wissenschaftsbzw. Forschungseinrichtungen (Merkmale eines Wissenschaftsstandortes) ist jedoch eine Reihe weiterer Voraussetzungen nötig, um als Wissensstadt zu gelten, wie die Unterscheidung der Begriffe Wissensstadt und Wissensstandort (hier Wissenschaftsstadt und Wissenschaftsstandort) verdeutlicht:

„Wissenschaftsstädte nutzen gezielt den Faktor Wissen(schaft) für eine wissensbasierte Zukunftsstrategie. Das bedeutet, neben den Voraussetzungen des Wissenschaftsstandortes (Hochschulen, Forschungseinrichtungen) sind eine erste wichtige Grundvoraussetzung gut funktionierende Netzwerke zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Stadt, in welchen alle Partner gleichberechtigt agieren, ihre eigene Identität und Sichtbarkeit nicht verlieren und für alle Beteiligten Kooperationsvorteile klar erkennbar sind. Diese Zusammenarbeit erfolgt zielgerichtet aufgrund einer gemeinsam formulierten und getragenen Strategie, von deren Umsetzung alle profitieren“ (LISOWSKI et al. 2011: 19).

Mit dieser Unterscheidung sind – neben dem Vorhandensein von wissenschaftlichen Einrichtungen – zwei weitere zentrale Voraussetzungen benannt, wie das Vorhandensein einer gemeinsam entwickelten wissensbasierten Entwicklungsstrategie sowie von Netzwerkund Kooperationsstrukturen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen, um bspw. den Wissenstransfer und die gemeinsame Wissensgenerierung oder auch die Bildung von Clustern oder Kreativen Milieus zu fördern.

STREHMANN stellt (in Anlehnung an GROWE 2006; siehe auch GROWE 2009) Faktoren als Kennzeichen bzw. wesentliche Voraussetzungen einer Wissensstadt heraus und leitet gleichzeitig Handlungsfelder ab, welche im Rahmen der Stadtentwicklung in der Wissensgesellschaft im Vordergrund stehen sollten (STREHMANN 2008: 31f.). Zwar beziehen sich STREHMANN und GROWE auf Metropolregionen, die Handlungsfelder sind jedoch für einzelne Städte oder Stadtregionen gleichermaßen relevant.

1. Hochqualifizierte Arbeitskräfte

Humankapital in Form von hochqualifizierten Arbeitskräften ist Grundvoraussetzung einer Wissensgesellschaft. Städte und Regionen, die dieses vorweisen können, haben vor dem Hintergrund des Strukturwandels gute Chancen, sich in der Wissensgesellschaft erfolgreich zu positionieren. Insbesondere für Unternehmen ist ein entsprechendes Angebot von Facharbeitskräften interessant. Zudem sorgen Arbeitsplatzwechsel und Kooperationen für einen Wissensaustausch, dem eine zentrale Rolle im Rahmen von Innovationsprozessen zugesprochen wird. Ein wichtiges Handlungsfeld stellt demnach die Schaffung hochwertiger Bildungsangebote und Einrichtungen dar, die lebenslanges Lernens ermöglichen, allen voran Hochschulen. Sie bieten nicht nur dem Nachwuchs in der Heimatstadt gute Chancen, sondern ziehen auch zukünftige Arbeitskräfte an (STREHMANN 2008: 31).

2. Schaffung eines attraktiven Lebensumfelds

Um Hochqualifizierte mit ihren meist hohen Ansprüchen an eine städtebauliche und kulturelle Aufenthaltsqualität in eine Stadt oder Region zu locken oder sie zu halten ist es – ganz im Sinne von FLORIDA – unabdingbar, ein attraktives Lebensumfeld zu schaffen. Weiche Standortfaktoren wie Kultur-, Erholungsund Freizeiteinrichtungen rücken entsprechend in den Vordergrund und bewirken eine Standortbindung. Hiermit sind bereits zentrale Handlungsfelder angesprochen, um einen hochwertigen Labour Pool zu entwickeln, zu pflegen und an den Standort zu binden (STREHMANN 2008: 31).

3. Wissensinfrastruktur

Das Handlungsfeld Wissensinfrastruktur weist auf die Wichtigkeit von Netzund Dienstleistungsstrukturen hin. Diese umfassen einerseits eine gute Verkehrsund Kommunikationsinfrastruktur sowie andererseits Einrichtungen der Wissensproduktion, -verbreitung, -nutzung und des Wissensaustauschs. Neben Hochschulen und öffentlichen sowie privaten FuE-Einrichtungen sind in diesem Zusammenhang Technologietransferstellen zu erwähnen (STREHMANN 2008: 31).

4. Kompetenzfelder und Netzwerkstrukturen

Wie bereits herausgestellt wurde, spielen Kooperationsformen der regionalen Wirtschaft und Wissenschaft eine entscheidende Rolle im Innovationsprozess. Netzwerke in Form von Clustern oder Kreativen Milieus sollen dafür Sorge tragen, die regionale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Entsprechende Maßnahmen können durch Einrichtungen der Wirtschaftsförderung sowie der Stadtentwicklung und -planung initiiert werden (vgl. Kap. 2.4). Dabei werden zumeist Schwerpunktbranchen gezielt unterstützt, um Cluster herauszubilden (STREHMANN 2008: 31). Regionale Wissenstransfernetzwerke gelten aufgrund ihrer positiven Wirkungen auf Unternehmen zunehmend als Standortfaktor (BLUME und FROMM 2000b: 113; vgl. FRITSCH 1998).

5. Wissensstandorte

Aufgabe der Regionalentwicklung in der Wissensgesellschaft sollte es außerdem sein, Orte zu schaffen, an denen es zu einer Konzentration von Wissen und Humankapital kommt und an denen Interaktion zwischen verschiedenen Akteuren stattfinden kann. So können bspw. durch entsprechende Stadtentwicklungsprojekte in der Nähe von Forschungseinrichtungen neue Stadtquartiere entstehen oder alte eine Umnutzung erfahren und sich sogenannte Knowledge Clusters herausbilden. Im Vordergrund steht hier wiederum, durch räumliche Nähe face-toface-Kontakte zu erhöhen, Kooperationsstrukturen zu unterstützen und auf diese Weise zur höheren Innovationstätigkeit beizutragen (STREHMANN 2008: 32).

Während GROWE 2009 und STREHMANN 2008 konkrete Handlungsfelder herausstellen, beschreiben FRANZ sowie ETZKOWITZ mit ihren Ansätzen einen Entwicklungsprozess:

Nach ETZKOWITZ (2002) lassen sich vor dem Hintergrund des Triple HelixModells (vgl. Kap. 2.1.2) drei Phasen im Prozess der wissensbasierten regionalökonomischen Entwicklung ausmachen:

In der ersten Phase bildet sich ein Wissensraum (Knowledge Space) durch die Konzentration verwandter FuE-Aktivitäten in einer Region. Die Existenz solcher verwandter Agglomerationen wurde als Vorläufer für eine wissensbasierte regionalökonomische Entwicklung identifiziert (ETZKOWITZ 2002: 6).

In der nächsten Phase wird ein Übereinstimmungsraum (Consensus Space) geschaffen, indem Akteure aus verschiedenen Sektoren (nach dem Triple HelixModell Wissenschaft, Wirtschaft und Regierung) gemeinsam neue Ideen und Strategien entwickeln. Auf diese Weise entstehen, durch die während der ersten Phase hervorgebrachten Potenziale, tatsächliche Quellen der ökonomischen und sozialen Entwicklung (ETZKOWITZ 2002: 6).[3]

Die dritte und letzte Phase bildet die Entstehung eines Innovationsraumes (Innovation Space) als einem neuen organisatorischen Mechanismus, durch den die Ziele erreicht werden sollen, die in der vorherigen Phase formuliert wurden. Auf Grundlage der Analyse der in der Region vorhandenen Ressourcen und der Schaffung eines Übereinstimmungsraumes, der die verschiedenen Akteure der Gesellschaft zusammenbringt, wird ein Innovationsraum erzeugt, in dem Wagniskapitalgesellschaften Mittel zur Beratung, zur technischen Hilfe und zur Gründung neuer Unternehmen bereitstellen (ETZKOWITZ 2002: 7) (s. Abb. 3).

Mit den drei Phasen im Prozess einer wissensbasierten regionalökonomischen Entwicklung akzentuiert ETZKOWITZ die auch in anderen Kapiteln dieser Arbeit als zentral erachteten Elemente, insbesondere die Konzentration von Forschungseinrichtungen sowie die Vernetzung und Umstrukturierung gesellschaftlicher Teilbereiche.

Abbildung 3: Drei-Phasen-Prozess der wissensbasierten regionalökonomischen Entwicklung

(ETZKOWITZ 2002: 9)

FRANZ beschreibt die Knowledge City als stadtentwicklungspolitisches Leitbild. Mit der Knowledge City-Strategie, die Elemente verschiedener konzeptioneller Ansätze beinhaltet (vgl. Kap. 2.2.3 bis 2.2.5), wird der Versuch unternommen, eine entsprechende Stadtentwicklungsstrategie zu entwerfen und umzusetzen (FRANZ 2007: 155). Aus ökonomischer Sicht sind solche Städte als Knowledge City zu bezeichnen, denen es gelingt, funktionierende Netzwerke zwischen ihren Wissenschaftseinrichtungen einerseits und zwischen ihren Wissenschaftseinrichtungen und Unternehmen andererseits zu etablieren. FRANZ hebt als wichtig hervor, dass sich Wissenschaftseinrichtungen stärker auf die Bedürfnisse der regionalen Unternehmen ausrichten. Auch die Ansiedlung weiterer Wissenschaftseinrichtungen und FuE-orientierter Unternehmen sind Teil der Strategie (ebd.: 154ff.).

Die Umsetzung einer Knowledge City-Strategie, die FRANZ exemplarisch an der Stadt Berlin aufzeigt, erfolgt in drei Schritten. Zunächst sind Kernkompetenzen zu identifizieren. Dieser Schritt beinhaltet neben einer Bestandsaufnahme der Wissenschaftseinrichtungen eine Bewertung ihrer Exzellenzpotenziale (FRANZ 2009: 102). Auf dieser Grundlage können erkannte Stärken ausgebaut, bestehende Schwächen entsprechend abgebaut werden. Durch die Präsentation der Kernkompetenzen können potenzielle Partner für Kooperationen gewonnen werden (vgl. FRANZ 2007: 155). Der zweite Schritt beinhaltet die Unterstützung von kooperativem Handeln sowie die Bündelung von Kernkompetenzen. Topdown oder bottom-up initiierte Kooperationen spielen hierbei eine zentrale Rolle (FRANZ 2009: 103ff.). Schließlich ist nach FRANZ die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für das Entstehen Kreativer Milieus von zentraler Bedeutung. Um den Wissensspillover zwischen Wissenschaftseinrichtungen und Unternehmen zu aktivieren und zu intensivieren, sind nicht nur formelle Kooperationen bedeutend. Zur zentralen Aufgabe wird es, Räume (sowohl Räume im baulichen Sinne als auch im Sinne von Gelegenheiten) zu schaffen, in denen ungeplante Kommunikation, der Austausch von Ideen und personengebundenem Wissen stattfinden kann (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 22; FRANZ 2009: 104). Hierbei verweist FRANZ auf FLORIDAS Ansatz der Kreativen Klasse (s. Kap. 2.3.3), bei der die Wichtigkeit einer lokalen Szene hervorgehoben wird, in der sich Kreative treffen und austauschen können, wodurch positive regionalökonomische Effekte erwartet werden (FRANZ 2007: 159). Wie ebenfalls durch STEHMANNS viertes Handlungsfeld Wissensstandorte angesprochen, sollte sich die strategische Standortplanung also auch in städtebaulichen Maßnahmen widerspiegeln.

Nach KUNZMANN (2004), der sich mit städtebaulichen Maßnahmen zur Optimierung von Wissensstädten beschäftigt, ist insbesondere für die Attraktivität bzw. Aufenthaltsqualität der Standorte Sorge zu tragen, wobei diese Attraktivität sich in vielfacher Weise manifestiert (architektonisch, städtebaulich, ökologisch, kulturell etc.). Hochschulen sind zum lokalen Umfeld zu öffnen, hierzu kann auch die gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln gerechnet werden. Die Ansiedlung von Wissensindustrien im Umfeld der Hochschulen ist mit Blick auf Fühlungsvorteile und die Nutzung des Arbeitskraftpotenzials der Hochschulen bedeutend. Ebenfalls wichtig sind für Gründungsinteressierte zur Verfügung stehende Gebäude im Hochschulumfeld. Auch ein hochschulnaher Wohnungsmarkt gilt als städtebauliche Maßnahme für die Entwicklung von Wissenschaftsstandorten (KUNZMANN 2004: 36ff.). Hoher Forschungsbedarf besteht darin, den Zusammenhang von baulich-räumlichen Formen und ökonomischen Effekten zu ergründen (FRANZ 2007: 159).

Die Etablierung einer Wissensstadt kann nur dann gelingen, wenn zentrale Akteure der Stadt die Chance erkennen und bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Von politischer Seite können viele Weichen gestellt werden. Dabei kann die Stadt bzw. Region jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Auf Bundesund Länderebene wird eine Reihe von Entscheidungen getroffen, welche die regiona-len Rahmenbedingungen beeinflussen. So entscheidet die Wissenschaftspolitik über Standorte neuer Wissenschaftseinrichtungen und die Technologieund Innovationspolitik kann über entsprechende Förderprogramme Netzwerkaktivitäten zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fördern (FRANZ 2007: 185). Tabelle 1 gibt einen Überblick über politische Maßnahmen auf Bundes-, Länderund kommunaler Ebene.

Tabelle 1: Relevante Politikbereiche für eine Knowledge City-orientierte Stadtentwicklungsstrategie

(FRANZ 2007: 185)

Eine Typologie wissensbasierter Siedlungsformen entwickelt KÜHN, indem er zwischen Universitäts-Campi[4], Technologieparks[5], Wissenschaftsparks, Wissenschaftsstädten und wissensbasierten Stadtlandschaften unterscheidet und mit Blick auf Sub-[6], Des-[7] und Reurbanisierungsprozesse[8] deren Ansiedlungswirkungen untersucht. Zudem widmet er sich der Frage, welchen

„Einfluss siedlungsstrukturelle Faktoren auf die Herausbildung von Wissensmilieus haben und inwieweit diese durch planerische Kategorien wie räumliche Nähe, Nutzungsmischung und Dichte steuerbar sind“ (KÜHN 2003: 139).

In den 1950er Jahren wurden nach dem amerikanischen Modell des Campus in Westdeutschland Universitäten neu gegründet bzw. erweitert. Insbesondere durch die Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre lösten sich die Campi aus dem städtebaulichen Zusammenhang der Innenstädte und wurden an den Stadtrand ausgesiedelt. Da sich im Laufe der Zeit nur z.T. Einrichtungen wie Technologieparks zusätzlich ansiedelten, vielerorts sich aber keine postsuburbanen Zentren bildeten, verkamen viele Campi zu sogenannten „Campuswüsten“ (KUNZMANN 2001 zitiert nach KÜHN: 2003: 142). In den neuen Bundesländern sind hingegen innerstädtische Wissenschaftsstandorte häufig erhalten, weil die Studierendenzahlen sich dort phasenweise rückläufig entwickelten (KÜHN 2003: 142).

In den 1980er Jahren entstanden in Deutschland erste Gründerund Innovationszentren verbunden mit der Hoffnung auf Spin-off-Effekte und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Diese entwickelten sich zu Technologieparks weiter, die mit Lehrund Forschungseinrichtungen kooperierten. Wissensund Technologietransferstellen wurden eingerichtet. In den 1980er und 1990er Jahren verzeichneten die Technologieparks einen Gründungsboom (KÜHN 2003: 143).

In Wissenschaftsparks, die meist ebenfalls öffentlich gefördert werden, sind Wissenschaftsund Forschungseinrichtungen räumlich konzentriert (KÜHN 2003: 143). Wenn sich zusätzlich kleine und mittelständische Unternehmen ansiedeln, kommt es zu Mischformen von Wissenschaftsund Technologieparks (ebd.).

Eine Wissenschaftsstadt integriert nach KÜHN die Lebensbereiche Arbeiten, Wohnen und Freizeit in einem städtebaulichen Kontext (KÜHN 2003: 144). Wissensstädte gehen damit meist auf Neugründungen im suburbanen Raum zurück. Insgesamt wurden jedoch nur wenige Wissensstädte nach diesem Modell realisiert[9] (ebd.).

Nach dem Vorbild des Silicon Valley sind innerhalb einer wissensbasierten Stadtlandschaft desurbane Bildungsund Forschungseinrichtungen, industrielle Unternehmen sowie Wohngebiete konzentriert vorzufinden (KÜHN 2003: 144).

Hinsichtlich der Ansiedlungstrends des Wissens (in Form von Bildungsund Forschungseinrichtungen, aber auch hochqualifizierten Beschäftigten) weist KÜHN darauf hin, dass Sub-, Desund Reurbanisierung innerhalb von Stadtregionen gleichzeitig stattfinden. Während der Prozess der Urbanisierung[10] in Deutschland zwischen 1850 und Ende der 1950er Jahre stattfand, indem sich Universitäten in Stadtzentren ansiedelten, ist seit den 1960ern allgemein ein starker Trend zur Suburbanisierung zu erkennen. In Ostdeutschland vollzieht sich dieser Prozess erst nach der Wende (KÜHN 2003: 145). Desurbane wissensbasierte Stadtlandschaften lassen sich in Deutschland nicht finden. Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind v.a. in der Nähe von Großstädten, andere Hochschulen größtenteils in oder in der Nähe von Kleinund Mittelstädten angesiedelt (ebd.: 146). Insbesondere ostdeutsche Städte setzen sich seit den 1990er Jahren die Revitalisierung kernstädtischer Standorte zum Ziel. Angestrebt wird eine Verbindung von Wohnen und Arbeiten.

Um die Entwicklung Kreativer Milieus zu unterstützen, wird versucht, Einrichtungen und Unternehmen der Wissensgenerierung und -anwendung sowie die Bereiche Arbeiten, Wohnen und Freizeit räumlich zu konzentrieren (KÜHN 2003: 146). Das Idealbild dieser Nutzungsmischung – insbesondere von Wohnen und Arbeiten – erweist sich in der Realität jedoch als schwierig.

Hinsichtlich der Standortdebatte erklärt KUNZMANN:

„Den Problemen der städtebaulichen Integration und der Verdrängung von Wohnnutzungen aus der Stadt auf der einen Seite, stehen Probleme gegenüber, die sich aus der isolierten Lage ergeben und aus den Schwierigkeiten, mischgenutzte Standorte neu zu entwickeln, die nicht erst 100 Jahre benötigen, bis sie das Flair entwickelt haben, das die innerstädtischen Wissensmilieus auszeichnet“ (KUNZMANN 2004: 29).

Weitere Forschungen im Bereich der Standortsowie der architektonischen Planung von Wissensstädten und Wissenschaftseinrichtungen selbst sind nötig, um für die optimalen Voraussetzungen zur Etablierung von Wissensstädten Sorge tragen und von den positiven Effekten profitieren zu können (vgl. FRANZ 2007: 159).

  • [1] Erfolgsbeispiel ist die Region Greater Boston im US-Bundesstaat Massachusetts mit einer hohen Dichte und Qualität an Bildungsund Forschungsinfrastruktur (TATA 2004: 29f.)
  • [2] Vgl. hierzu Geographische Rundschau 11/2010. Die wissensbasierte Raumbzw. Stadtentwicklung und die mit ihr verbundene Förderung ohnehin gut ausgestatteter Räume bzw. Städte steht im Widerspruch zum raumplanerischen Ziel des regionalen Disparitätenausgleichs (z.B. brain gainund brain drain-Prozesse (vgl. MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 13)
  • [3] ETZKOWITZ verweist dabei auf das New England Council, welches aus wissenschaftlichen, unternehmerischen und politischen Akteuren zusammengesetzt ist und aus dem sich das Konzept der wissensbasierten regionalökonomischen Entwicklung ableiten lässt (ETZKOWITZ 2002: 6)
  • [4] „Der Campus […] bezeichnet ein geschlossenes, in eine Parklandschaft eingebettetes Areal von Lehrund Forschungsgebäuden öffentlicher oder privater Universitäten und Hochschulen“ (KÜHN 2003: 142)
  • [5] „Als Technologiebzw. Innovationspark wird ein geschlossenes Areal der öffentlich geförderten Ansiedlung innovativer kleinund mittelständischer Firmen mit Bereitstellung gemeinschaftlicher Infrastruktureinrichtungen bezeichnet“ (KÜHN 2003: 143)
  • [6] „Ansiedlung im Umland, Aussiedlung aus der Kernstadt“ (KÜHN 2003: 145)
  • [7] „Ansiedlung in ländlich strukturierten Räumen außerhalb von Stadt-Umland-Regionen“ (KÜHN 2003: 145)
  • [8] „[S]elektive Wiederansiedlung in der Kernstadt“ (KÜHN 2003: 145)
  • [9] KÜHN verweist auf Tsukuba Science City in Japan als Prototyp einer Wissenschaftsstadt. „Innerhalb Deutschlands war die in den 1970er Jahren begonnene Wissenschaftsstadt Ulm […] am Rand der Stadt das erste Projekt mit einem solchen Anspruch“ (KÜHN 2003: 144)
  • [10] „Ansiedlung in der Kernstadt aus dem Umland“ (KÜHN 2003: 145)
 
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