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2.3.3 Der Aufstieg der Kreativen Klasse

FLORIDA beschäftigt sich in seinen regionalökonomischen Untersuchungen, deren Ergebnisse er 2002 in seiner Publikation The Rise of the Creative Class veröffentlichte, mit der Frage, welche Faktoren dazu führen, dass manche Städte und Regionen im Gegensatz zu anderen wachsen und prosperieren. Aus seinen Untersuchungen, die neben regionalökonomischen auch soziologische Aspekte beinhalten, leitet er die These ab, dass die für ökonomische Prosperität verantwortliche Ansiedlung von Unternehmen auf das Vorhandensein qualifizierter Arbeitskräfte zurückzuführen ist und nicht umgekehrt:

“One of the oldest pieces of conventional wisdom in this field says the key to economic growth is attracting and retaining companies – the bigger the company, the better – because companies create jobs and people go where the jobs are” (FLORIDA 2002: Xxvii).

“In a curious reversal, instead of people moving to jobs, I was finding that companies were moving to or forming in places that had skilled people” (FLORIDA 2002: Xxviii).

Bezugnehmend auf MARSHALL und PORTER (vgl. Kap. 2.2.3) unterstreicht FLORIDA seine These, dass die Ansiedlung von Unternehmen in erster Linie auf die Konzentration von Humankapital bzw. der Kreativen Klasse zurückzuführen ist – wozu Wissenschaftler, Ingenieure, Künstler, Designer und wissensbasierte Fachkräfte zählen – nicht auf das Vorhandensein bspw. von Kundenund Zuliefernetzwerken (FLORIDA 2002: Xiii; 220). Die Kreative Klasse zeichnet damit letztlich für die ökonomische Prosperität von Städten und Regionen verantwortlich (ebd.: Xiii), weshalb ein Wettbewerb um solche Arbeitskräfte entsteht (vgl. ebd.: 6).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Faktoren den Ausschlag geben, an welchen Orten die Mitglieder der Kreativen Klasse arbeiten und leben möchten, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um als Lebensumfeld langfristig für sie attraktiv zu sein. Als wesentliche Aspekte werden folgende angeführt:

1. Thick Labor Market: Orte sollten einerseits einen Bestand an Arbeitskräften für Unternehmen, andererseits einen aufnahmefähigen Arbeitsmarkt für Arbeitskräfte bereitstellen (FLORIDA 2002: 223f.).

2. Lifestyle: Das Vorhandensein weicher Standortfaktoren wie abwechslungsreicher Freizeitangebote – “music scene, art scene, technology scene, outdoor sport scene and so on” (ebd.: 224) – ist für viele hochqualifizierte, kreative Menschen ein entscheidendes Kriterium.

3. Social Interaction: In einer hochmobilen, anonymen Gesellschaft spielt deren Fähigkeit Interaktionen zu erleichtern eine wichtige Rolle. In Anlehnung an den von OLDENBURG geprägten Begriff third places (das Zuhause und die Arbeitsstelle bilden die ersten beiden) (OLDENBURG 1989) sind Orte wie Cafés, Buchhandlungen und Bars wesentlich, an denen die Möglichkeit besteht, schnell informelle Bekanntschaften zu schließen (FLORIDA 2002: 225f.).

4. Diversity: Kreative Menschen zieht ein Mix verschiedener Einflüsse an, der bspw. durch Mitmenschen verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und sexueller Orientierung sowie alternativer Erscheinung gegeben ist (ebd.: 226f.).

5. Authenticity: Dieser Sammelbegriff umfasst verschiedene Authentizität erzeugende Aspekte eines Ortes und einer Gesellschaft, wie “historic buildings, establishes neighborhoods, a unique music scene or specific cultural attributes” (ebd.: 228), wobei insbesondere die Rolle der Musikszene hervorgehoben wird[1] (ebd.: 229).

6. Identity: Während für Arbeitnehmer in früheren Zeiten das Unternehmen, für das sie arbeiteten, eine wichtige Quelle der Statusbildung darstellte, bilden heute Orte eine wichtige Dimension der Identität (ebd. 2002: 229f.):

“With the demise of the company-dominated life, a new kind of pecking order has developed around places. Place become an important source of status” (FLORIDA 2002: 230).

FLORIDA fasst die sechs zuvor ausgeführten Aspekte unter dem Sammelbegriff Quality of Place zusammen, der sich auf die einzigartige Anlage eines Ortes bezieht, diesen abgrenzt und attraktiv für die Kreative Klasse macht (FLORIDA 2002: 231). Der Begriff weist zusammenfassend wiederum drei Dimensionen auf:

Ÿ “What's there: the combination of the built environment and the natural environment; a proper setting for pursuit of creative lives.

Ÿ Who's there: the divers kinds of people, interacting and providing cues that anyone can plug into and make a life in that community.

Ÿ What's going on: the vibrancy of street life, café culture, arts, music and people engaging in outdoor activities – altogether a lot of activities, exciting endeavors” (FLORIDA 2002: 232).

FLORIDAS Ansatz weist deutliche Parallelen zur Humankapital-Theorie[2] auf, in der ebenfalls davon ausgegangen wird, dass ökonomisches Wachstum an Orten erfolgt, die hochqualifizierte Arbeitskräfte aufweisen. Aus seiner Sicht geht sein Ansatz darüber hinaus, indem er nicht nur die Kreative Klasse als Schlüssel von Ökonomie und Wachstum identifiziert, sondern gleichzeitig die Faktoren herausstellt, die für die Standortentscheidung dieser Gruppe ausschlaggebend sind (FLORIDA 2002: 223).

In FLORIDAS bekanntem Ansatz der 3Ts beschreibt er die Voraussetzungen ökonomischer Entwicklung: Technologie, Talent und Toleranz:

“Technology – measured by innovations and high-tech industry concentration […]. Talent […] not 'human capital' as usually measured (by numbers of people holding higher education credentials) but creative capital, which is talent measured functionally, by the numbers of people actually in creative occupations. The third T is tolerance. Places that are open and tolerant have an edge in attracting different kinds of people and generating new ideas” (FLORIDA 2002: Xix).

Um kreative Menschen anzuziehen, Innovationen zu erzeugen und ökonomisches Wachstum zu generieren, ist es nötig, dass ein Ort alle 3Ts aufweist (FLORIDA 2002: 249).

Auch nach FLORIDAS Auffassung gewinnt der räumliche Bezug trotz Internet, moderner Kommunikationstechnologien und neuer Transportsysteme an Bedeutung:

“Not only do people remain highly concentrated, but the economy itself – the hightech, knowledge-based and creative-content industries that drive so much of economic growth – continues to concentrate in specific places” (FLORIDA 2002: 219).

Zusammenfassend erfolgt nach FLORIDA regionalökonomisches Wachstum an solchen Orten, an denen sich Mitglieder der Kreativen Klasse niederlassen, da sie das Ansiedeln von Institutionen und Unternehmen begünstigen und für Innovationen sorgen. Die These führt zur Suche nach den Anforderungen, die Hochqualifizierte an das Lebensumfeld stellen. Nach FLORIDA bestehen diese v.a. im Bereich der Lebensstilfaktoren und städtischen Lebensbedingungen bzw. der Aufenthaltsqualität, im Vorhandensein einer Kulturszene und kultureller Diversität (FLORIDA 2002: Xxviii, 249, 234). Demnach erlebt der räumliche Bezug eine Aufwertung.

Zwar erfährt FLORIDAS Ansatz viel Kritik, dennoch fand er rasch Eingang in die Städteplanung, nicht nur in den USA; auch in Deutschland beziehen sich

Städte explizit hierauf. So greifen bspw. die mit dem Titel Stadt der Wissenschaft ausgezeichneten Städte Braunschweig (2007) und Oldenburg (2009) in ihrer Strategie auf FLORIDAS Ansatz der 3Ts zurück (LISOWSKI et al. 2011: 16). Auch Hamburg ist ein prominentes Beispiel. Hier wurde in der Diskussion um den Fortbestand des Gängeviertels seitens der Künstler Bezug auf FLORIDA genommen und erfolgreich dafür plädiert, Kreativität vor dem Hintergrund einer erfolgreichen regionalökonomischen Entwicklung Platz zu geben (Spiegel 2009).

  • [1] “Technology and music scene go together because together they reflect a place that is open to new ideas, new people and creativity” (FLORIDA 2002: 229)
  • [2] Vgl. BECKER (1962 und 1975) sowie zusammenfassend SESSELMEIER et al. (2010)
 
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