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2.3 Konzepte der wissensbasierten Stadtentwicklung

Dieses dritte Unterkapitel befasst sich mit Konzepten wissensbzw. wissenschaftsbasierter Stadtentwicklung. Zentrale Voraussetzungen wurden durch die Ausführungen zum Thema Wissen im ersten Unterkapitel und die Vorstellung einiger regionalökonomischer Ansätze im zweiten Unterkapitel genannt. So wurde begründet,

Ÿ weshalb Wissen und seine Träger in der heutigen Gesellschaft von solch überragender Bedeutung für die Entwicklung von Städten, Regionen und Volkswirtschaften sind,

Ÿ dass der regionalen Ebene große Bedeutung in einer globalisierten Welt zukommt und Vernetzung und Wissensaustausch regionaler Akteure eine wichtige Voraussetzung für die Innovationsund Wettbewerbsfähigkeit einer Region bilden.

Diese Aspekte spielen eine wesentliche Rolle in den Konzepten wissensbasierter Stadtentwicklung. [1]

2.3.1 Wissen und Stadtentwicklung

Der Zusammenhang von Wissen und Stadtentwicklung war zwar schon in früheren Zeiten immanent, erreicht jedoch in der heutigen Wissensgesellschaft eine neue Dimension (vgl. Kap. 2.1). So stellen MATTHIESEN und MAHNKE fest:

„Städte haben ‚immer schon' die aktuellsten Niveaus gesellschaftlicher und technisch-technologischer Kenntnisse gebündelt“ (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 15).

„Die Bedeutung von Wissen und insbesondere von Wissensvorsprüngen (Forschung, Entwicklung, Kontrolle) für wichtige Ökonomie-Sektoren wächst zugleich unbestritten weiter an“ (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 16).

Dabei geraten insbesondere personengebundene Kompetenzen in den Fokus der Forschung (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 16).

Es existieren verschiedene Modelle und Thesen, die zu erklären versuchen, weshalb es zu Kopplungseffekten von Wissen und Stadt kommt:

„Im Kontextmodell werden Städte vornehmlich als Orte großer Akteursdichte begriffen, deren Knotenund Scharnierfunktion Wissensaustausch und neue Kombinationen existierenden Wissens erleichtern. Das Ressourcenmodell thematisiert Städte dagegen primär als Orte der Erzeugung von Wissen und Humankapital“ (FRANZ 2007: 155).

MATTHIESEN und MAHNKE tragen weitere Thesen zusammen:

„1. Die Agglomerationsthese, die die Gravitationskräfte von wissensbasierten Industrien im Vernetzungskontext mit Universitäten und F&E betont (‚sticky knowledge places': Markusen 1996, Malecki 2000).

2. Die Zentralitätsthese, die globale Städte als neue Zentren nicht nur der Finanz-, sondern auch der Wissensökonomien ausmacht (Sassen 1996).

3. Die Urbanitäts-These, die darüber hinaus eine neue, die Innenstädte in Wert setzende ‚kreative Klasse' ausflaggt, die wiederum Stadträume (Florida 2002; Florida und Gates 2001) mit viel Kreativität und ihrem Wissen kreativ strukturiert.

4. Placemaking-Thesen, denen zufolge sich Kreativität und qualitatives Wachstum unter bestimmten Randbedingungen stärker und nachhaltiger durch zivilgesellschaftliche Akteursnetze an spezifische Orte und deren Face-to-Facenahe Anregungspotenziale binden lässt“ (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 19f.).

Wissen und Wissenschaft werden mit Blick auf ihr Innovationspotenzial, die Schaffung neuer Arbeitsplätze, Ansiedlung neuer Firmen (Zuzug und Spin-offs) und Gewinnung von Einwohnern als zentrale Faktoren einer nachhaltigen, regionalwirtschaftlichen Entwicklung angesehen (KRUPA und SCHMIDT 2009: 275) und dienen als Ansatzpunkt für Wachstumsstrategien, wie auch das Beispiel Lissabon-Strategie [2] zeigte (AHRENS 2004: 53). Wissen und Wissenschaft haben sich daher als elementare Bestandteile der Leitbilder vieler Städte und Regionen etabliert und werden als Standortfaktor entsprechend vermarktet. „Die letzten Jahre sind in Wissenschaft, Politik, Ökonomie und Planung von einem regelrech- ten Hype ‚wissensbasierter' Raumentwicklungsansätze gekennzeichnet“ (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 13).

Die Debatte um wissensbasierte Stadtentwicklung vollzieht sich in verschiedenen Disziplinen (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 18). In der vorliegenden Arbeit werden sowohl raumund sozialals auch wirtschaftswissenschaftlich geprägte zentrale Ansätze vorgestellt und kombiniert. Allen gemeinsam ist, dass sie Wissen bzw. Wissenschaft als Wachstumsfaktor für Städte und Regionen begreifen und aufzeigen, wie Wissensressourcen für die Stadtentwicklung aktiviert und effektiv genutzt werden können. Wissenschaftseinrichtungen fungieren dabei sowohl als harter (hinsichtlich Infrastruktur, Schaffung von Arbeitsplätzen) als auch weicher (z.B. Image) Standortfaktor (FRANZ 2007: 154). Häufig konzentrieren sich Städte im Rahmen ihrer wissensbasierten Entwicklungsstrategie darauf, Kompetenzfelder in bestimmten Wissensdomänen zu stärken und die Clusterbildung zu unterstützen. Zunehmend im Fokus der Strategiekonzepte stehen Bildungsund Weiterbildungseinrichtungen, insbesondere Hochschulen.

  • [1] Im Bereich der wissensbasierten Stadtentwicklung ist innerhalb Deutschlands insbesondere auf Forschungen am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner zu verweisen und auf die daraus hervorgegangenen Publikationen (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 20; vgl. MATTHIESEN 2004)
  • [2] Ein im Rahmen einer Sondertagung des Europäischen Rats in Lissabon im Jahr 2000 vorgestelltes Strategieprogramm mit dem Ziel, die EU bis zum Jahre 2010 „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ weiterzuentwickeln. Die Zielsetzung wird auch in nachfolgenden Strategien weiterverfolgt (SCHERB 2012)
 
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