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2.2.4 Kreatives Milieu

Der Ansatz des Kreativen Milieus (z.T. auch als Innovatives Milieu bezeichnet) wurde in den 1980er Jahren durch die Groupe de Recherche Européen sur les Milieux Innovateurs (GREMI) entwickelt. In ihren Studien beschäftigt sich die französische Forschungsgruppe mit „den Ursachen für die unterschiedliche Innovationsfähigkeit und -tätigkeit verschiedener Regionen“ (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 31) und kommt zu dem Schluss, dass Regionen besonders dann innovativ sind, wenn sie über ein sogenanntes Kreatives Milieu verfügen. Das Konzept zeichnet sich durch ein Zusammenwirken ökonomischer, technologischer und institutioneller, kultureller und sozialer Faktoren sowie kognitiver Aspekte aus (GÄRTNER 2004: 34ff.). Eine frühe Definition, die wesentliche Elemente eines Kreativen Milieus beinhaltet, stammt von CAMAGNI, einem Mitglied der GREMI. Er definiert das Kreative Milieu als:

“the set, or the complex network of mainly informal social relationships on a limited geographical area, often determining a specific external image and a specific internal representation and sense of belonging, which enhance the local innovative capability through synergetic and collective learning processes” (CAMAGNI 1991: 3).

Das Kreative Milieu grenzt sich räumlich durch „die Homogenität in Verhalten, Problemwahrnehmung und technischer Kultur“ (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 30 in Anlehnung an MAILLAT et al. 1993: 5) seiner Akteure ab, die aus verschiedenen Subsystemen (wie Wirtschaft, Wissenschaft, lokale Behörden) stammen. Sie haben „eine relative Entscheidungsautonomie über zu wählende Strategien“ (ebd.). Die vorhandenen Ressourcen können durch Austausch und Interaktion der Akteure untereinander effektiv genutzt werden. Die hohe Lernfähigkeit der Akteure im Milieu ermöglicht eine hohe Anpassungsfähigkeit, die mit Blick auf sich schneller wandelnde Rahmenbedingungen (vgl. Kap. 2.2.1) notwendig ist, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Das ,Milieu' beinhaltet materielle (Unternehmen, Infrastruktur), immaterielle (Know-how) sowie institutionelle Elemente (Behörden mit Entscheidungskompetenz)“ (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 30).[1]

Die Ursachen für die Kreativität eines Milieus werden – ähnlich denen des Clusters – im Zusammenschluss verschiedener Wissenskompetenzen gesehen, durch die Ideen entstehen und sich Lernprozesse entwickeln. Kreativität, die dem Konzept nach sozialen Austausch voraussetzt, wird durch face-to-face-Kontakte gefördert (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 37). Insbesondere in den informellen Kontakten wichtiger regionaler Akteure und des innerhalb dieser Beziehungen stattfindenden Informationstransfers und Austauschs von tacit knowledge (vgl. Kap. 2.1.1) wird Potenzial gesehen, Innovationen hervorzubringen (FROMHOLDEISEBITH 1995: 37).

Im Rahmen des Kreativen Milieus wird damit die spezielle Art und Weise der Beziehungen zwischen den regionalen Akteuren, die ein kreatives Potenzial besitzen, in einem stärkeren Maße fokussiert als bspw. beim Clusterkonzept (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 34). Die Verflechtungsbeziehungen müssen bestimmte Eigenschaften aufweisen, damit ein Kreatives Milieu entstehen kann (GÄRTNER 2004: 34ff.), und zwar vielfältige persönliche, informelle Kontakte zwischen regionalen Akteuren. Erst hierdurch wird Vertrauen gebildet und der Informationsfluss angeregt, Know-how ausgetauscht und bestenfalls wirtschaftlich nutzbar gemacht (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 34). Vorteile, die aufgrund der hohen Kommunikationsdichte, insbesondere in Form von face-to-face-Kontakten innerhalb eines Kreativen Milieus entstehen können, sind bspw. der hohe Informationsfluss bzw. die hohe Umlaufgeschwindigkeit von innovationsrelevanten Informationen auch vor der offiziellen Bekanntmachung, bzw. die Weitergabe von Informationen „unter der Hand“ (ebd.: 40). Neben der Nutzung persönlicher Empfehlungen spielt zudem das Ausdrücken von Gefühlen eine wichtige Rolle, „die für geschäftliche Entscheidungen maßgeblich sein können, wie z. B. Motivation, Ermutigung, Rückenstärkung und Rückversicherung oder Anerkennung“ (ebd.). Insgesamt entsteht ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und gemeinsames Problembewusstsein (ebd.).

Ähnlich wie bei PORTER spielt die gemeinsame Kultur (Wertsysteme etc.) eine zentrale Rolle. Das regionale Gemeinschaftsgefühl und der mentale Zusammenhalt der Akteure, die als das Milieu-Bewusstsein bezeichnet werden, sind darüber hinaus elementare Bestandteile des Ansatzes (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 34f.).

Alle genannten Faktoren, deren Vorteile auf räumlicher Nähe und persönlichen Kontakten beruhen, beeinflussen nach Meinung der Forschergruppe entscheidend die Innovationstätigkeit in Regionen. Im Gegensatz zu raumwirtschaftlichen Ansätzen sind

„Menschen und ihr soziales Verhalten, ja ihre Freundeskreise damit der Faktor, der die Wahl von Informationskanälen oder Kapitalquellen bestimmt, über Innovationen oder Firmengründungen bzw. deren Standort entscheidet“ (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 39).

Bei Betrachtung der Akteure im Kontaktnetz des Milieus lassen sich hinsichtlich der Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeit, auf die regionale Kreativität Einfluss zu nehmen, bedeutende und weniger bedeutende Akteure herausstellen. Die als weniger wichtig einzustufenden, sogenannten eindimensionalen Akteure, „verfügen nur über Beziehungen zu Akteuren ihrer eigenen Organisation (oder des gleichen Produktionsbereichs / der eigenen Branche)“ (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 38). Multidimensionalen Akteuren, die über „Kontakt mit Akteuren zweier oder mehr unterschiedlicher Branchen“ (ebd.) verfügen, wird bereits wesentlich mehr Potenzial zugerechnet, im Milieu Kreativität zu erzeugen. Die wichtigste Stellung nehmen Akteure in interlocking systems ein: „Dabei gehört ein Akteur in ‚Scharnierfunktion' gleichzeitig mehreren Organisationen an“ (ebd.), zwischen denen er Informationen überträgt.

Sowohl Kreative Milieus als auch Cluster sind einem Lebenszyklus unterworfen (FROMHOLD-EISEBITH 1995: 35), indem sie idealtypisch die Phasen des Entstehens sowie hoher Innovativität durchlaufen, bevor diese schließlich abklingt.

Im Rahmen der wissensbasierten Stadtentwicklung stellt das Kreative Milieu ein wichtiges Konzept dar. Es wird versucht ein Kreatives Milieu zu etablieren, welches regional verankert ist und wissenschaftsund wirtschaftsübergreifend agiert (vgl. FRANZ 2007: 156). [2]

  • [1] Im Folgenden wird insbesondere auf die Ausführungen FROMHOLD-EISEBITHS (1995) Bezug genommen, die sich intensiv mit dem Kreativen Milieu beschäftigte und den Ansatz der GREMI weiterentwickelte (BUTZIN 2000: 153)
  • [2] Ein bekanntes Beispiel eines Kreativen Milieus stellt das Dritte Italien dar. Das Dritte Italien ist eine „Bezeichnung für Teile Mittelitaliens, v. a. den Nordosten Italiens, wo sich seit den 1970er Jahren eine vom altindustrialisierten Nordwesten und dem peripheren Süden Italiens abweichende Wirtschaftsstruktur in kleinräumig abgegrenzten Industriedistrikten entwickelt hat. Diese ist durch eine flexible Produktionsorganisation von spezialisierten kooperierenden kleinen und mittelständischen Unternehmen […] gekennzeichnet, die sich als relativ unempfindlich gegenüber externen Einflüssen erwiesen hat“ (LESER 2005: 166). Häufig wird auch die Uhrenfertigung im Süden des Kantons Jura und im Kanton Bern (Schweiz) als Beispiel herangezogen (vgl. BATHELT und GLÜCKLER 2002: 192)
 
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