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2.2.2 Konzepte der New Economic Geography

Ab dem Ende der 1980er Jahre werden Konzepte entwickelt, die eine Gegenposition zu den raumwirtschaftlichen Konzepten bilden und als New Economic Geography zusammengefasst werden.[1] Die durch Kritik an der Raumwirtschaftslehre entstandenen Ansätze sind komplexer und beziehen in die Analyse ökonomischer Prozesse auch nichtökonomische, soziale Faktoren mit ein (BATHELT und GLÜCKLER 2002: 27ff.).

In der traditionellen Raumwirtschaftslehre wird davon ausgegangen, dass Unternehmen sich in Regionen niederlassen, in denen sie aufgrund von Gegebenheiten am Standort gewinnmaximierend arbeiten können. Zur Beantwortung der Frage, warum Unternehmen in einer Region erfolgreich sind und vergleichsweise schneller wachsen als andere, werden Standorteigenschaften herangezogen, die auf die regionale Ausstattung und Strukturmerkmale – wie bspw. die Arbeitskräftestruktur, Kosten, Löhne oder die Infrastruktur – abzielen. Es wurde zudem von einem Menschenbild des stets nach Gewinnmaximierung strebenden Homo oeconomicus[2] ausgegangen. Der Ansatz der New Economic Geography setzt andere Prämissen, indem zusätzlich sozialwissenschaftliche Ansätze integriert werden (BATHELT und GLÜCKLER 2002: 28). Im Gegensatz zu Ansätzen der traditionellen Raumwirtschaftslehre kommt es bei den neueren regionalökonomischen Ansätzen damit zu einer Abkehr von den oben genannten harten ökonomischen Gegebenheiten hin zu weichen bzw. sogenannten ultra-weichen, soziokulturellen Faktoren, wie sozial-mentale Nähe, informelle Kontakte, Einbettung in ein gemeinsames kulturelles Milieu, ein regionales Gemeinschaftsgefühl und netzwerkartiger (Wissens)Austausch; Faktoren, die erst aufgrund räumlicher Nähe möglich sind (HAAS und NEUMAIR 2007: 95). Nach dem Motto:

„von der Infrastruktur zur Infostruktur“ (HASSINK 1997: 165) werden die neue-ren Ansätze durch eine akteursbezogene Perspektive gekennzeichnet (HAAS und NEUMAIR 2007: 95). So wird in den Konzepten nicht mehr in erster Linie von bestehenden Standortvorteilen in Regionen ausgegangen, die eine Ansiedlung für Unternehmen attraktiv erscheinen lassen, sondern dass Unternehmen selbst ihr Umfeld verändern und die Rahmenbedingungen optimieren:

„durch die Ausbildung von Mitarbeitern, Ansiedlung von Zulieferern, Inanspruchnahme von Dienstleistungen, Beeinflussung von Politikern und Planern sowie durch Lernprozesse mit ihren Kunden“ (BATHELT und GLÜCKLER 2002: 29).

Diese Hinwendung zu einer stärker sozialwissenschaftlich begründeten (Wirtschafts)Geographie findet auch als cultural turn bzw. sociological turn Eingang in die Fachliteratur (HAAS und NEUMAIR 2007: 95).

In der Wissensgesellschaft kommt der Vernetzung von Unternehmen und Einrichtungen bzw. (wirtschaftlich) relevanten Akteuren innerhalb einer Region ein hoher Stellenwert zu, da Innovation als kollektiver Prozess aufgefasst wird, bei dem der Austausch von Informationen, Wissen und Ideen entscheidend ist. Aus diesem Grund suchen wirtschaftliche Akteure verstärkt die Nähe zu Unternehmen der gleichen Branche und anderen wirtschaftlich relevanten Akteuren (SPÄTH 2003: 9). Dies ist der Ausgangspunkt für die Entstehung der New Economic Geography und der in ihren Konzepten beschriebenen Phänomene wie Cluster, Kreative Milieus oder Lernende Regionen (vgl. Kap. 2.2.3, 2.2.4 und 2.2.5).

Die Ansätze widersprechen mit ihren Annahmen der These, dass im globalen und digitalen Zeitalter Raumbindungen ihre Bedeutung verlieren (SCHIELE 2003: 97ff., 122f.). Die Faktoren, die in den neueren regionalökonomischen Konzepten als ausschlaggebend für Innovationstätigkeit und damit Wettbewerbsfähigkeit angesehen werden, entstehen nur durch räumliche Nähe der Akteure und deren Interaktion in Form von face-to-face-Kontakten. Um diesen Sachverhalt – das Nebeneinander von Globalisierungsund Regionalisierungsprozessen

– nicht als Widerspruch zu begreifen, wurde der Begriff der Glokalisierung geprägt, der die Interpendenz der beiden Prozesse verdeutlicht. Mit dem Begriff wird der Versuch unternommen, die gegenwärtig zu beobachtenden Prozesse als ein Ineinandergreifen globaler und lokaler Dynamiken zu verstehen: Das Lokale gewinnt deshalb an Bedeutung, weil eine Vielzahl von Orten am globalen Wettbewerb teilnimmt (DANIELZKY und OSSENBRÜGGE 1996).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es bei der New Economic Geography zu einer veränderten Perspektive innerhalb der Wirtschaftsgeographie kommt. Bei der Suche nach Faktoren, die die Innovationsfähigkeit einer Region positiv beeinflussen, stehen Netzwerke bzw. Interaktionen und Wissensfluss zwischen regionalen Akteuren und ihr Einfluss auf Prozesse und Strukturen im Mittelpunkt (BATHELT und GLÜCKLER 2002: 30).

  • [1] Vgl. SCOTT (1988 und 1998) sowie STORPER und WALKER (1989)
  • [2] Der Homo oeconomicus (h.o.) ist ein „von den Wirtschaftswissenschaftlern geschaffenes, modellhaftes Menschenbild. Im Gegensatz zum Satisfizer entscheidet und handelt der h.o. stets nach dem ökonomischen Prinzip und reagiert daher ausschließlich auf materielle Anreize. Persönliche, subjektive Präferenzen spielen bei seiner Entscheidung kein Rolle“ (LESER 2005: 360)
 
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