Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Wissenschaftsbasierte Stadtentwicklung

< Zurück   INHALT   Weiter >

2.2 Konzepte der endogenen Regionalentwicklung

Im den folgenden Unterkapitel werden u.a. zentrale wirtschaftsgeographische Ansätze vorgestellt, die sich der New Economic Geography zuordnen lassen. Ihre Grundaussagen bilden u.a. den konzeptionellen Ausgangspunkt der in Kapitel 4 folgenden Untersuchung. Die Ansätze beinhalten wirtschaftswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Aspekte. Einleitend werden die Rahmenbedingungen beleuchtet, die der Entstehung der neueren regionalökonomischen Ansätze zugrunde liegen. Mithilfe makrotheoretischer Ansätze wie der Regulationstheorie, können die regionalökonomischen Konzepte in einen übergeordneten Rahmen gestellt werden. Zudem wird die Wichtigkeit und Notwendigkeit regionaler Betrachtungsweisen und lokaler Zusammenhänge begründet und die Entstehung und Entwicklung der in den Ansätzen (Cluster, Kreative Milieus und Lernende Regionen) beschriebenen Phänomene erklärt, indem auf den gesamtwirtschaftlichen Wandel und die veränderten Rahmenbedingungen fokussiert wird.

2.2.1 Regulationstheoretische Konzepte und räumliche Auswirkungen des Strukturwandels

Die Regulationstheorie, die Ende der 1970er Jahre in Frankreich entwickelt wurde, betrachtet die Makroebene und beschreibt den Wandel, der aufgrund wirtschaftlich-technologischer und gesellschaftlich-institutioneller Veränderungen im Laufe der Zeit stattfindet. Die Theorie verbindet diese Dimensionen in einem komplexen Erklärungszusammenhang. Die Regulationstheorie betrachtet langfristig den gesamtgesellschaftlichen Kontext wirtschaftlich-gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich durch eine Abfolge von Entwicklungsphasen und Entwicklungskrisen kennzeichnen lassen. Durch die Wechselwirkungen zwischen dem sogenannten Akkumulationsregime, das die Produktionsstruktur und Konsummuster einer Gesellschaft beinhaltet, und der Regulationsweise, welche die Koordinationsmedien beschreibt, wie Normen, Regeln, Gesetze und wichtige Institutionen (vgl. Abb. 1), ergeben sich für längere Zeiten stabile Strukturen, die Formationen. Die jeweilige Formation prägt die wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Entwicklung (WEICHART 1997: 84).

Abbildung 1: Regulationstheoretische Grundstruktur der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Beziehungen in einer Volkswirtschaft

(Quelle: BATHELT 1994: 66)

Am Beispiel der Formationen des Fordismus und Postfordismus lässt sich der Einfluss von Produktionsformen auf die Raumentwicklung verdeutlichen:

Der Fordismus, der in seiner stärksten Ausprägung zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und der wirtschaftlichen Krise Ende der 1960er bzw. Anfang der 1970er zu verorten ist, lässt sich definieren als

„Produktionsweise, die […] folgende Merkmale aufweist: Massenproduktion, Fließbandarbeit, ein hohes Maß an Standardisierung, große Fertigungstiefe und vertikale Integration, Produktion für Massenkonsum. Der Produktionsprozess ist in eine Vielzahl von Arbeitsschritten zerlegt, die durch relativ gering qualifiziertes Personal ausgeführt werden können“ (LESER[1] 2005: 247).

Der Fordismus gerät durch einen gesellschaftlichen Wandel in die Krise. Sie wird u.a. durch veränderte Konsummuster, einen qualitativen Wandel in der Marktnachfrage und sich schneller wandelnde Kundenwünsche hervorgerufen, die eine höhere Produktvielfalt sowie kürzere Produktionszyklen bedingen (SCHÄTZL 2001: 223) und flexible Produktionsprozesse erfordern. Auf die genannten Veränderungen konnte die für den Fordismus charakteristische tayloristisch[2] geprägte Massenproduktion nur schlecht reagieren (GUTGESELL 2006: 19). Die Krise löste einen Wandel der Wirtschaftssysteme von einer eher fordistisch zu einer postfordistisch orientierten Produktionsweise aus. Die Arbeitsorganisation im Postfordismus[3] ist geprägt durch „schlanke Hierarchien, dezentrale Koordination und Kontrolle, enge Kooperationen […] und hohe individuelle Verantwortung der Beschäftigten“ (SCHÄTZL 2001: 224). Das flexible Akkumulationsregime ist eher durch economies of scope[4] als durch economies of scale[5] gekennzeichnet (GUTGESELL 2006: 20). Die beschriebene Veränderung der Nachfrage begünstigt kooperative Produktionsformen bzw. Netzwerke mit arbeitsteiligen Austauschbeziehungen (MORSCHETT 2005: 391).

Dieser Strukturwandel – der Rückgang der industriellen Massenproduktion zugunsten einer flexiblen Produktionsweise – hat Auswirkungen auf die Raumentwicklung. Er ist der Auslöser für die Aufwertung des Raumes und damit für die Entstehung neuer regionalökonomischer Ansätze.

„Die dominierenden Technologien und Formen der Arbeitsteilung begünstigen oder behindern unterschiedliche räumliche Organisationsformen und Verflechtungsbeziehungen in der Industrie, so dass sich eine bestimmte räumliche Arbeitsteilung und eine entsprechende hierarchische Raumstruktur entwickelt“ (BATHELT 1994: 72).

So wird aufgrund der Merkmale der postfordistischen Produktion Regionalität wichtig. Sich in Zeiten des Postfordismus durchsetzende Prozesse wie Spezialisierung und Outsourcing verstärken u.a. die Notwendigkeit von Zusammenarbeit und offenem Informationsaustausch (KOSCHATZKY 1997: 189). Auch „die Entstehung eines forschungsund entwicklungsintensiven Dienstleistungssektors“ (SCHÄTZL 2001: 224) ist als eine Ursache für die verstärkte Netzwerkbildung bzw. verstärkten Kooperationsaktivitäten zu nennen. Durch den Wandel von der Industriezur Informationsund letztendlich zur Wissensgesellschaft (s. Kap. 2.1) avancieren Wissen, intraregionale Kreativität und Innovationstätigkeit zu den zentralen Voraussetzungen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung und damit Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt bzw. Region im internationalen Wettbewerb, weshalb viele Städte eine wissensbasierte Stadtentwicklung anstreben.

Konzepte der wissensbasierten Stadtentwicklung fußen auf den unter der Bezeichnung New Economic Geography zusammengefassten Ansätzen der Wirtschaftsgeographie, die in ihren Erklärungsansätzen die Erfordernisse einer modernen Wissensgesellschaft berücksichtigen, die sich aufgrund der gewandelten Rahmenbedingungen in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Technologie ergeben haben. Die Ansätze beziehen Aspekte ein, die in Zeiten des Postfordismus an Bedeutung gewinnen und spiegeln damit „das räumliche Ergebnis einer Verschiebung von der Massenproduktion hin zu wissensintensivem Kapitalismus“ (HASSINK 1997: 161; vgl. FLORIDA 1995) wider. Mit dem Clusterkonzept, dem Kreativen Milieu und der Lernenden Region werden nachfolgend drei zentrale raumbezogene Ansätze vorgestellt, die zwar unterschiedliche Schwerpunkte setzen, jedoch alle Netzwerke und Zusammenarbeit zwischen regionalen Akteuren in den Vordergrund stellen und als Ausgangspunkt einer positiven regionalökonomischen Entwicklung betrachten. Seit Mitte der 1990er Jahre entwickeln sich ausgehend von diesen Ansätzen zahlreiche Förderprogramme auf Städte-, Länder-, Bundesund EU-Ebene. Insbesondere das Clusterkonzept konnte sich als Ausgangspunkt für innovationspolitische Maßnahmen etablieren.[6] Die strukturpolitische Förderung der Ansätze und ihre große Beliebtheit als wirtschaftspolitisches Instrument belegen ihre Relevanz und Aktualität (GÄRTNER 2004: 52).

  • [1] Zur besseren Lesbarkeit wurden einige Hervorhebungen bestimmter Begriffe in Zitaten aus dem Wörterbuch von LESER (2005) entfernt
  • [2] Der Taylorismus (T.) ist ein „organisationstheoretischer Ansatz, der auf F. W. Taylor zurückgeht. Der T. gliedert die in einem Fertigungsbetrieb anfallenden Arbeitsgänge in ihre Teile auf und bestimmt das Arbeitspensum unter dem Aspekt einer Produktivitätssteigerung nach Zeit-, Bewegungsund Belastungsabläufen. Ein leistungsorientiertes Belohnungssystem soll gleichzeitig die Arbeitsleistung der Arbeitskräfte steigern“ (LESER 2005: 938)
  • [3] Der Postfordismus (P.) ist eine „Bezeichnung für eine Phase flexibler Produktion, welche das Fließbandund Massenproduktionsprinzip des Fordismus aufgibt und neue Organisationsund Produktionscharakteristika aufweist: verstärkter Einsatz von neuen Technologien, reduzierte Fertigungstiefe, geringe vertikale Integration, individuelle Produktgestaltung, Gruppenarbeit und Neugestaltung der zwischenbetrieblichen Verflechtungen. Als Charakteristikum des P. gilt das Entstehen von Clustern, kleinerer, selbstständiger Betriebe und Branchen“ (LESER 2005: 698)
  • [4] Der Begriff economies of scope lässt sich im Gegensatz zu economies of scale definieren als „die Fähigkeit von Unternehmen, durch Einsatz innovativer Produktionsweisen flexibel, schnell und relativ kostengünstig auf individuelle Kundenwünsche zu reagieren“ (LESER 2005: 172). Mit ihnen sind bspw. eine Kleinserienfertigung bzw. geringe Fertigungstiefe verbunden sowie kleine Lagerbestände und technologieintensive Produkte (SCHÄTZL 2001: 223f.)
  • [5] Der Begriff economies of scale bezieht sich auf die Senkung der Stückkosten durch Massenproduktion innerhalb eines mechanisierten Produktionsprozesses (SCHÄTZL 2001: 223)
  • [6] Innerhalb der BRD können Förderprogramme wie InnoRegio oder Bio-Regio als prominente Beispiele genannt werden. Für eine Übersicht über Netzwerkund Clusterinitiativen aller Bundesländer vgl. WESSELS 2009
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics