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Triple Helix-Modell

Im Triple Helix-Modell, einem Spiralmodell der Innovation, gehen ETZKOWITZ und LEYDESDORFF (1995) ähnlich wie GIBBONS et al. von einem veränderten Innovationsprozess aus, bei dem Wissensund Technologietransfer zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Subsystemen an Bedeutung gewinnen. ETZKOWITZ und LEYDESDORFF beziehen sich hierbei explizit auf die drei gesellschaftlichen Teilbereiche Wissenschaft (university), Wirtschaft (industry) und Regierung (government), die die Triple Helix bilden. Mit dem Ziel, durch Nutzung der Ressourcen aller drei Bereiche die wissensbasierte ökonomische Regionalentwicklung zu stimulieren, haben sich dem Ansatz nach die ursprünglich bilateralen Beziehungen zwischen Regierung und Universität, Wissenschaft und Wirtschaft sowie Regierung und Wirtschaft zu einem trilateralen Beziehungsgeflecht zwischen den drei Subsystemen entwickelt. Dem Triple Helix-Modell nach handelt es sich um Beziehungen zwischen gleichrangigen, unabhängigen Bereichen, die sich jedoch in ihren Aufgabenfeldern zunehmend überschneiden. Das neue Beziehungsgefüge bedingt wiederum eine interne Umgestaltung und Funktionserweiterung der beteiligten Subsysteme (ETZKOWITZ 2002: 1f.).

Diese Aspekte bilden die drei Dimensionen des Modells ab: Die erste Dimension umfasst die interne Umgestaltung in jeder der Helices, wie bspw. die Entwicklung von lateralen Beziehungen zwischen Unternehmen durch strategische Allianzen oder die Übernahme einer ökonomischen Aufgabe von Universitäten, neben Forschung und Lehre (ETZKOWITZ 2002: 2). Hierin zeigen sich deutliche Parallelen zu dem in den USA verbreiteten Modell der unternehmerischen Universität (Entrepreneurial University), das zunehmend an deutschen Hochschulen [1] übernommen wird.[2] Die zweite Dimension des Modells beschreibt den Einfluss der Helices untereinander. Als Beispiel hierfür führt ETZKOWITZ den Bayh-Dole Act von 1980 an, welcher in den USA die gesetzliche Grundlage dafür liefert, dass Universitäten Ergebnisse staatlich finanzierter

Forschung eigenständig vermarkten dürfen. Dies führte insbesondere zur Einrichtung von Technologietransferstellen an Universitäten. Die dritte Dimension umfasst die Überschneidungen von trilateralen Netzwerken und Organisationen durch die Interaktion zwischen den drei Helices. Grenzen zwischen getrennten institutionellen Bereichen und Organisationen sind einem flexibleren überlappenden System gewichen, in dem jeder die Rolle des anderen übernimmt:

“The university is a firm founder through incubator facilities; industry is an educator through company universities and government is a venture capitalist through the Small Business Innovation Research (SBIR) and other programs […]. Government has also encouraged collaborative R&D among firms, universities and national laboratories to address issues of national competitiveness” (ETZKOWITZ 2002: 2).

Im Gegensatz zu älteren konzeptionellen Ansätzen wie bspw. dem der Nationalen Innovationssysteme (vgl. LUNDVALL 1988, 1992), bei denen Unternehmen als treibende Kraft von Innovationen gelten (ETZKOWITZ und LEYDESDORFF 2000: 109), wird im Triple Helix-Modell die Universität zum führenden Akteur im Rahmen von Innovationsprozessen (ETZKOWITZ 2002: 2). Während bei der Förderung der regionalökonomischen Entwicklung zuvor entsprechende Aspekte wie Geschäftsklima und Subventionen im Vordergrund standen, wird gegenwärtig versucht, Bedingungen für eine wissensbasierte wirtschaftliche Entwicklung zu erzeugen. Ein Indikator dieses Wandels ist die zunehmende Einbindung von Universitäten und anderen wissensproduzierenden und -verbreitenden Institutionen in die Regionalentwicklung (ebd.: 5, vgl. u.a. Kap. 2.3.2).

Das Triple Helix-Modell ist ein empirisches Phänomen und wurde in verschiedenen Ländern und Regionen beobachtet. Die Beziehungen zwischen den drei Systemen entstehen weltweit von verschiedenen Ausgangspunkten[3] und befinden sich in unterschiedlichen Stadien. Gebildet werden kann die Triple Helix sowohl bottom-up durch Interaktionen entsprechender Akteure und Organisationen oder top-down unterstützt durch politische Maßnahmen. Meistens sind beide Prozesse zu beobachten, die sich gegenseitig verstärken (ETZKOWITZ 2002: 2ff.).

Vom Triple Helix-Modell wie auch vom neuen Modus der Wissensproduktion gehen Implikationen an Städte und Regionen aus, um eine wissensbasierte Entwicklung anzustoßen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Kommunikation und Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren sind demnach zu fördern, gesellschaftliche Teilbereiche müssen sich zudem entsprechend umstrukturieren, damit die Innovationsfähigkeit in einer wissensbasierten Ökonomie erhöht werden kann. Die hohe internationale Akzeptanz und Anerkennung des Triple HelixModells zeigen die Triple Helix-Konferenzen, die seit 1996 ca. alle zwei Jahre veranstaltet werden und dabei schon auf vier verschiedenen Kontinenten stattgefunden haben [4] (Triple Helix Association 2014).

  • [1] Vgl. Technische Universität München (2003–2013) (Homepage) sowie HERRMANN, W. A. (2005); Leuphana (2013) (Homepage) sowie Leitbild Leuphana (o.J.)
  • [2] Bei der Adaptierung des Leitbilds einer Entrepreneurial University innerhalb der sich im Umbruch befindlichen Hochschulen Deutschlands stellt sich die Frage nach der Akzeptanz einer verstärkten Ausrichtung der universitären Forschung auf ökonomische Ziele vor dem Hintergrund eines Idealtyps der Humboldtschen Universität, bei dem die Freiheit von staatlichen und wirtschaftlichen Zwängen im Vordergrund steht (FRANZ 2009: 108f.). Die Freiheit der Wissenschaft ist darüber hinaus auch im Grundgesetz verankert („Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“ Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes)
  • [3] ETZKOWITZ beschreibt die Ausgangslage der ehemaligen Sowjetunion, in der der Staat die Wirtschaft des Landes unter Kontrolle hat, der USA, in denen Wirtschaft, Wissenschaft und Staat drei separierte Systeme darstellen, und Deutschlands, wo nach ETZKOWITZ bereits eine stärkere Überschneidung der Bereiche die Ausgangslage zur Entwicklung einer Triple Helix bildet (ETZKOWITZ 2002: 3f.)
  • [4] 1996 Amsterdam, 1998 New York, 2000 Rio, 2002 Kopenhagen, 2005 Turin, 2007 Singapur, 2009 Glasgow, 2010 Madrid, 2011 Stanford (Kalifornien, USA), 2012 Bandung (Indonesien), 2013 London (Triple Helix Association 2014)
 
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