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Modus 1 und 2 der Wissensproduktion

Als ein zentrales Ergebnis des vorherigen Unterkapitels ist festzuhalten, dass Netzwerken zwischen Akteuren verschiedener gesellschaftlicher Subsysteme im Rahmen der Wissensgenerierung eine zentrale Rolle zukommt. Mit diesem Aspekt beschäftigen sich auch GIBBONS et al., die in The New Production of Knowledge die These einer neuen Art der Wissensproduktion, Modus 2, formulieren. Im Folgenden werden die Unterschiede zwischen der herkömmlichen Form der Wissensproduktion Modus 1 und der neuen Form Modus 2 durch eine Gegenüberstellung verdeutlicht.

Modus 1 kann als die traditionelle Form akademischer Wissenschaft bezeichnet werden. Hierbei wird Wissen in Institutionen akademischer Forschung erzeugt. Akteure der Wissensproduktion sind somit vorrangig Wissenschaftler. Der Kontext der Produktion von neuem Wissen ist disziplinär bzw. multidisziplinär, dient dem Erkenntnisgewinn und wird durch akademische Interessen und Institutionen bestimmt. Verbreitet wird das neue Wissen bspw. durch Publikationen (z.B. Fachzeitschriften) und wissenschaftliche Konferenzen (NOWOTNY 1999: 66; BENDER 2001: 12; BENDER 2004: 151).

Während in Zeiten, in denen Modus 1 die vorherrschende Form der Wissensproduktion darstellte, gesellschaftliche Subsysteme stark voneinander getrennt waren, heben sich diese Grenzen in Zeiten der neuen Form der Wissensproduktion auf. Die neue Form der Wissensproduktion steht im Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen Strukturwandel (BENDER 2004: 152f.; vgl. Kap. 2.2.1). Um Lösungsstrategien für komplexe Problemstellungen zu entwickeln, ist die Beteiligung verschiedener Akteure notwendig. Die Wissensproduktion in Modus 2 verläuft daher über institutionelle Grenzen hinweg.

“Operating in Mode 2 makes all participants more reflexive. This is because the issue on which research is based cannot be answered in scientific and technical terms alone. The research towards the resolutions of these types of problem has to incorporate options for the implementation of the solutions and these are bound to touch the values and preferences of different individuals and groups that have been seen as traditionally outside of the scientific and technical system” (GIBBONS et al. 1994: 7).

Die Problemdefinition und Lösungsstrategien sowie -aktivitäten erfolgen im Aushandlungsprozess der verschiedenen Akteure (BENDER 2004: 151), wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Interessengruppen. Durch die Beteiligung vieler heterogener Akteure ergibt sich nach NOWOTNY neben der Kombination unterschiedlicher Wissensbestände eine größere Chance für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung (NOWOTNY 1999: 66, 102). Bei der Produktion von neuem Wissen stehen praktische Ziele im Vordergrund, die Wissensproduk-tion selbst erfolgt im Anwendungskontext (ebd.: 50). Hinsichtlich der Arbeitsform dominieren transdisziplinäre, zeitlich befristete Projektteams (BENDER 2001: 13). Verbreitet wird das neue Wissen, indem Akteure ihr Wissen in neue Kontexte einbringen (“problem solving capability on the move“ ebd.: 12; vgl. BENDER 2004: 152). Kommunikationsnetzwerke spielen daher sowohl bei der Wissenserzeugung als auch der -verbreitung eine wesentliche Rolle (BENDER 2001: 13).

Zusammenfassend stellt BENDER drei Diagnosen heraus, die bezüglich der neuen Wissensund Technologieproduktion als Stand der Forschung gelten: Neues Wissen und neue Technologien entstehen (1) disziplinenund praxisdomänen-übergreifend, (2) in komplexen Netzwerken durch Interaktion zwischen verschiedenen Akteuren, (3) in zeitlich befristeten Zusammenschlüssen bspw. in Projekten und Programmen (BENDER 2001: 9).

Die These, dass die Wissensproduktion Modus 1 durch Modus 2 abgelöst wird, ist umstritten. So löst nach BENDERS Auffassung der neue Modus der Wissensproduktion, Modus 2, die traditionelle Form der akademischen Wissenschaft, Modus 1, nicht ab, dieser kommt in der heutigen Zeit lediglich eine nachgeordnete Stellung zu (BENDER 2004: 150). Wenngleich die These von einigen Kritikern als „pauschal und in ihrer Begründung als unpräzise“ (BENDER 2001: 14; vgl. HACK 2001) bemängelt wird, befruchtet sie dennoch die Debatte in Wissenschaft und Politik um neue Formen der Wissenserzeugung und entsprechende Konsequenzen bspw. im Bereich der Förderungspolitik.

 
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