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2.1.1 Begriffsbestimmung und Raumwirkung von Wissen

Um den abstrakten Wissensbegriff greifbarer zu machen, ist es sinnvoll sich mit Begriffsbestimmungen und den verschiedenen Formen, die Wissen annehmen kann, auseinanderzusetzen (s. Box).

Wissen umfasst nach DÖRING „sämtliche Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Aufgaben einsetzen und welche Handlung sowie Interpretation u.a. von Informationen ermöglichen“ (DÖRING 2001: 3).

MATTHIESEN und BÜRKNER erklären: „Wissen bezeichnet […] kognitive Operationen mit einer sehr viel anspruchsvolleren Selektivität: Seine Funktion ist es, die exponentiell wachsende Fülle der Informationen qua relevanter Daten zu ordnen, sie zu strukturieren, in überschaubare Kontexte einzugliedern und irrelevante Daten auszusondern. Insofern ist Wissen in all seinen Formen systematisch mit einem Prozess des sense-making verbunden. […] Wissen bezeichnet insofern das Resultat von Lernprozessen“ (MATTHIESEN und BÜRKNER 2004: 69).

SCHERNGELL bezeichnet Wissen als „kontextuelle Information […]. Es ist die Summe aller individuellen Erfahrungen, Wertvorstellungen und Fachkenntnisse, die als Strukturmaßnahme zur kontextuellen Einordnung neuer Informationen dienen. Somit umfasst Wissen den zweckgebundenen, systematischen Einsatz von Informationen, der zu Entscheidungen oder menschlichen Handlungen führt“ (SCHERNGELL 2007: 8).

Wissen ist nach SCHAMP „eine Ressource, ein Produktionsfaktor, sogar ein Produkt (von Lernprozessen), das sich sozial, organisatorisch und geographisch unterschiedlich verteilt“ (SCHAMP 2009: 38).

STREICH erklärt Wissen als „die intellektuelle Vernetzung von Informationsatomen bzw. Einzeltatsachen zu komplexen Kenntnisstrukturen auf der Grundlage von Erfahrungstatbeständen und/oder Lernvorgängen von Einzelsubjekten oder Gruppen“ (STREICH 2005: 17).

Box: Begriffsbestimmungen Wissen

Die Begriffsdiskussionen zeigen unterschiedliche Herangehensweisen an eine Bestimmung des Wissensbegriffes auf, indem sie verschiedene Aspekte in den Vordergrund stellen. Sie verweisen zudem auf zentrale Forschungsfelder, wie die unterschiedliche räumliche Verteilung von Wissen, den Zusammenhang zwischen Wissen und Lernprozessen sowie die ökonomischen Potenziale von Wissen.

Bei Betrachtung verschiedener Typen und dem Versuch einer Kategorisierung des Wissensbegriffs wurde darüber hinaus bereits Ende der 1950er Jahre die Unterscheidung zwischen tacit knowledge (implizitem Wissen) und explicit knowledge (explizitem Wissen) eingeführt, die im Rahmen der nachfolgenden konzeptionellen Ansätze eine zentrale Rolle spielt. Dieser frühe duale Ansatz von POLANYI (1958) zur Differenzierung von Wissen wurde zwar als unzureichend kritisiert und erweitert (vgl. MATTHIESEN 2006: 168), verweist jedoch auf zwei zentrale Unterscheidungen, die mit Blick auf die Raumentwicklung von großer Bedeutung sind: Explicit knowledge entspricht einem kodifizierbaren Wissen, welches über verschiedene Kanäle transferierbar ist und sich speichern lässt. Tacit knowledge ist dagegen an Personen gebunden. Es ist kontextspezifisch und verbindet Wissen und Können. Zumeist liegt es in Form von individuellen Fähigkeiten und – meist unbewusstem – Erfahrungswissen vor (SCHERNGELL 2007: 9). Dem tacit knowledge wird im Rahmen von Innovationsprozessen eine entscheidende Rolle beigemessen.

Die Rahmenbedingungen der Übertragung und Reproduktion von explicit und tacit knowledge sind damit sehr unterschiedlich. Explizites Wissen ist extrem mobil. Diese Tatsache stützt die Argumentation, dass es in Zeiten moderner Informationsund Kommunikationstechnologien zu einer Enträumlichung (vgl.

u.a. MATTHIESEN und MAHNKE 2009) von Wissen, einem “Space of Flows”[1] (CASTELLS 1991) kommt. Darauf zurückzuführen ist das Wachstum multinatio-

naler Unternehmen, das Entstehen sowohl weltweiter Firmennetze und -allianzen als auch informeller Informationsnetze. Tacit knowledge hingegen ist durch seine Gebundenheit an Personen räumlich konzentriert. Es kann nur durch face-toface-Kontakte übermittelt werden (vgl. Kap. 2.2.4), weshalb soziale Netzwerke zu seiner Übertragung wichtig sind. Dem Aspekt kommt im Rahmen der konzeptionellen Ansätze dieser Arbeit eine zentrale Bedeutung zu. Räumliche Effekte, die sich aufgrund der beiden Wissensarten beobachten lassen, sind daher einerseits räumliche Dekonzentrationstendenzen bei Aktivitäten, denen explizites Wissen zugrunde liegt (z.B. Produktionsprozesse) sowie andererseits räumliche Konzentrationstendenzen bei Aktivitäten und Prozessen, bei denen in hohem Maße tacit knowledge zur Anwendung kommt (TATA 2004: 35f.).

  • [1] CASTELLS (1991) beschreibt mit “Space of Flows” die abnehmende Bedeutung von physischen Orten zugunsten eines Raums von Informationsflüssen
 
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