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2 Konzeptionelle Grundlagen

Dieses Kapitel, welches die konzeptionellen Grundlagen der vorliegenden Arbeit umfasst, gliedert sich in drei Unterkapitel:

Das erste Unterkapitel widmet sich ausgehend vom Konzept der Wissensgesellschaft mit dem Begriff Wissen, einem zentralen Grundbegriff der Arbeit. Neben einer Annäherung an den Begriff durch Definitionsansätze und Merkmalsbestimmungen sowie dem Verweis auf verschiedene Formen von Wissen, wird auf räumliche Dimensionen des Faktors Wissen, neue Formen der Wissensproduktion und den Wissenstransfer eingegangen – einer zentralen Komponente der konzeptionellen Ansätze und Modelle des zweiten und dritten Unterkapitels.

Mit dem Clusterkonzept, dem Kreativen Milieu und dem Konzept der Lernenden Region werden im zweiten Unterkapitel regionalökonomische Ansätze der 1980er und 1990er Jahre vorgestellt. Sie beinhalten bereits zentrale Aspekte der im dritten Unterkapitel folgenden Ausführungen zu Konzepten der wissensbasierten Stadtentwicklung und sind daher einerseits als konzeptionelle Voraussetzungen des dritten Unterkapitels anzusehen, andererseits bilden sie auch für sich genommen eine konzeptionelle Grundlage für die in Kapitel 4 folgenden empirischen Untersuchungen, indem sie die Wichtigkeit regionaler Vernetzungen aufzeigen.

Im Mittelpunkt des dritten Unterkapitels stehen, wie erwähnt, konkrete Konzepte der wissensbasierten Stadtentwicklung, die sich mit der Frage beschäftigen, welche Merkmale Wissensstädte kennzeichnen und – daraus ableitend – welche Handlungsfelder und Strategien bei der Etablierung einer Wissensstadt verfolgt werden können. Hieran schließt sich ein Exkurs zum Thema Urban Governance als Element einer Wissensstadt an.

Das Kapitel endet mit einer Zusammenfassung der vorgestellten Konzepte, einer Darstellung ihres Anwendungsbezugs sowie der Ableitung von Merkmalen erfolgreicher Netzwerke.

2.1 Grundbegriff Wissen

Wissensbasierte Stadtentwicklung, Wissensökonomie, Wissensarbeiter – der Wissensbegriff findet im Rahmen dieser Arbeit in einer Vielzahl von Kontexten Verwendung. Wissen gilt als grundlegende Voraussetzung für Innovation und Fortschritt, die wiederum die Grundlage für Wettbewerbsund Konkurrenzfähigkeit bilden. Wissen stellt damit nach DÖRING den zentralen Produktions-, Wettbewerbsund Wachstumsfaktor von Unternehmen, Städten, Regionen und hochentwickelten Volkswirtschaften dar, weshalb diese auch als Wissensgesellschaften bezeichnet werden (vgl. DÖRING 2001: 1).

Der Begriff Wissensgesellschaft (knowledge society) ist ein Versuch, die Gegenwartsgesellschaft zu beschreiben (vgl. zusammenfassend HEIDENREICH 2002: 7). Die Wissensgesellschaft löst aufgrund des Strukturwandels (vgl. Kap. 2.2.1) in hochindustrialisierten Ländern die Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts ab (KUNZMANN 2004: 29), so die Annahme, wenngleich die Bereitstellung und Nutzung von Informationsund Kommunikationstechnologien – als Merkmal der Informationsgesellschaft – auch in der Wissensgesellschaft eine zentrale Rolle spielen (DÖRING 2001: 1). Nach BELL ist die nachindustrielle Gesellschaft als Wissensgesellschaft zu bezeichnen, weil Neuerungen zunehmend auf Forschung und Entwicklung (FuE[1]) angewiesen sind und die Gesellschaft einen steigenden Anteil der auf diesem Sektor Beschäftigten aufweist (BELL 1985: 219). Auch aus Sicht von DRUCKER wird wirtschaftliches Wachstum neben den klassischen Faktoren Rohstoffe, Kapital und Arbeit insbesondere auf Wissen zurückgeführt (vgl. DRUCKER 1994). Die Wissensgesellschaft ist demnach gekennzeichnet durch

“an economic order in which knowledge, not labor or raw material or capital, is the key resource; a social order in which inequality based on knowledge is a major challenge; and a polity in which government cannot be looked to for solving social and economic problems” (DRUCKER 1994).

Zwar war Wissen seit jeher Grundlage für die Entwicklung von Gesellschaften und von Regionen, in der heutigen Wissensgesellschaft wird jedoch eine neue Qualität der Wissenserzeugung, -verteilung und -anwendung postuliert (KUJATH et al. 2008: 1). Die wachsende Bedeutung von Wissen in der postindustriellen Gesellschaft zeigt sich insbesondere mit Blick auf den enormen Zuwachs der sogenannten Wissensökonomie (knowledge economy), die von KUJATH in Anlehnung an die OECD definiert wird „als High-Tech-Industrien und Wirtschaftssektoren mit einem hohen Anteil hochqualifizierter Arbeitskräfte“ (KUJATH et al. 2008: 4, in Anlehnung an die OECD 1996).

„Dieser Definitionsansatz leitet sich aus der Beobachtung ab, dass technologieintensive Industrien und Forschungsund Entwicklungsaktivitäten sowie wissensin-tensive Dienstleistungen zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftsbereichen zählen – Wirtschaftsbereiche, die sich also auf die Produktion, Verteilung und Verwertung von Wissen und Informationen spezialisiert haben“ (KUJATH et al. 2008: 4f.).

Ein häufig angeführtes Argument für die wachsende Bedeutung von Wissen in der heutigen Gesellschaft ist zudem die abnehmende Halbwertszeit der Gültigkeit von Wissen (MATTHIESEN und MAHNKE 2009: 13; NOWOTNY 1999: 88):

Wissen wird in der globalisierten Gesellschaft mit zunehmender Geschwindigkeit erzeugt und verbreitet, aber auch entwertet, wodurch ein stetiger Bedarf an Weiterentwicklungen bzw. Innovationsprozessen besteht, die wiederum auf Wissen beruhen (GÜNTHER et al. 2007: 331).

In der Wissensgesellschaft, so lässt sich festhalten, ist die Wirtschaft in besonderem Maße durch die Herstellung forschungsintensiver Produkte, durch wissensbasierte sowie kommunikationsintensive Dienstleistungen (Wissensarbeit) geprägt (vgl. BELL 1985). Hiermit verbunden sind Veränderungen im Bereich der Arbeitsund Beschäftigungsformen, die sich in einer „Pluralisierung und Flexibilisierung“ (HEIDENREICH 2002: 10) niederschlagen. Nicht-hierarchische Arbeitsformen wie bspw. Projektgruppen gewinnen an Bedeutung. Neben beruflichen Qualifikationen bilden Kommunikations-, Kooperationsund Lernfähigkeit wichtige Eigenschaften von Arbeitnehmern (ebd.: 11). Viele der Aspekte, die mit den neuen Arbeitsformen in der Wissensgesellschaft in Verbindung stehen, verweisen auf die hohe Bedeutung von Netzwerken im Rahmen der Wissensproduktion, die in den konzeptionellen Ansätzen und Modellen im Vordergrund stehen (vgl. Kap. 2.1.2).

Das bereits in den 1960er und 1970er Jahren entwickelte Konzept der Wissensgesellschaft (vgl. DRUCKER 1959 und 1969; BELL 1973 und 1985) erlebt seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Renaissance, indem Politik und Wissenschaft verstärkt darauf zurückgreifen und die Diskussion über eine Wissensgesellschaft antreiben. Obwohl der Begriff aus den Sozialwissenschaften stammt, tritt er mittlerweile in einer Vielzahl von Disziplinen in Erscheinung. Mit dem Phänomen sind eine Reihe von Anforderungen und Konsequenzen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen und Bereichen (bspw. Stadt, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur und Öffentlichkeit) verbunden, wobei u.a. Lernprozesse von zunehmender Bedeutung sind. Auch in der Geographie, der Raumforschung und -entwicklung sowie der Stadtplanung spielt die Wissensgesellschaft eine wesentliche Rolle, da sie auf Regionen und Städte, ihre Individuen, Unternehmen, Einrichtungen und Strukturen wirkt (HEIDENREICH 2002: 1f.; STREHMANN 2008: 21f.). In Städten zeigen sich die Einflüsse der Wissensgesellschaft und des an Bedeutung gewinnenden Faktors Wissen bspw. in neuen Strategien und Leitbildern wie dem der wissensbasierten Stadtentwicklung.

Nachfolgend wird zunächst auf Begriffsbestimmungen und Raumwirkungen von Wissen eingegangen. Die anschließenden Ausführungen beinhalten mit Modus 1 und 2 der Wissensproduktion und dem Triple Helix-Modell zwei Modelle zur Wissensproduktion in Netzwerken, während der abschließende Abschnitt zum Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft einen spezifischen Bereich von Vernetzung darstellt, der im Rahmen dieser Arbeit Relevanz besitzt.

  • [1] In der Literatur z.T. auch mit F&E abgekürzt
 
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