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6 Welche Rolle spielt Soziale Arbeit im Moderationsprozess?

Wie bereits erwähnt, wird diese Frage virulent, wenn wir es mit Entwicklungsprozessen in Quartieren zu tun haben, in denen eine eher benachteiligte Bevölkerungsgruppe wohnt und wo die Artikulation von Bedürfnissen nicht unbedingt zum Alltag gehört.

Ich beziehe mich hier nur auf einen bestimmten Ansatz Sozialer Arbeit: auf die Gemeinwesenarbeit oder, wie es im Zuge des deutschen Bund-LänderProgramms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ inzwischen heißt, das Quartiersmanagement.

Gemeinwesenarbeit möchte zweierlei erreichen:

1. Bewohner sollen zu Akteuren werden, die sich als Teil einer res publica verstehen, die sie mitgestalten wollen, und sie sollen die Erfahrung machen, dass sie es auch können. Gemeinwesenarbeit will nicht etwas für die Bewohner erreichen, sondern gemeinsam mit ihnen etwas bewirken.

2. Gemeinwesenarbeit will als Vermittler zwischen den Institutionen, der Verwaltung und Politik einerseits und den Bewohnern eines Quartiers andererseits erreichen, dass es zu Aushandlungsprozessen kommt, in denen alle Beteiligten ihre Interessen und Bedürfnisse artikulieren können und am Ende ein konkretes Handlungsziel formuliert wird, das alle mittragen können, weil letztlich jeder das Gefühl hat, zwar etwas abgegeben zu haben, aber im Kern seine Interessen durchgesetzt zu haben.

Quartiersmanagement möchte zusätzlich auch alle die im Quartier erreichen, die als Bürger zwar keine Klienten der Sozialen Arbeit sind, aber trotzdem oder gerade deswegen ihre Ressourcen einbringen und an der Gestaltung des Quartiers mitwirken sollen. Dazu zählen die Schule, der Kindergarten, aber auch der Friseur, der Bäcker, die Arztpraxis, der Apotheker.

Die Einbindung einer eher deprivierten Bewohnerschaft in den Moderationsprozess erfordert zweierlei:

1. Die Moderation muss in einem „kommunikativen Vorlauf“ für gegenseitigen Respekt sorgen, dafür, dass alle Beteiligten als Gleiche unter ungleichen Bedingungen anerkannt werden. Im Bewusstsein des sozialstrukturellen Gefälles geht es um die Frage, wie man sich verständigen kann und wie man gewährleisten kann, dass alle Argumente die gleiche Geltung haben, egal, wer sie einbringt. Es geht schon im Vorfeld darum, gegenseitige Ängste, Vorurteile und Animositäten abzubauen.

2. Für die Gemeinwesenarbeit bedeutet das, dass sie ihre Rolle als Anwalt der Bewohnerschaft in dem Maße einbringt, in dem es den Bewohnern noch nicht möglich ist, die eigenen Interessen zu vertreten, und dass sie sich in dem Maße zurückziehen kann, in dem es den Bewohnern gelingt, ihre Interessen überzeugend vorzubringen.

Wenn wir noch einmal den Fokus auf die privaten Investoren legen, dann hat Gemeinwesenarbeit noch eine andere wichtige Funktion.

Es wurde bereits erwähnt: Private Investoren haben auf der Handlungsebene durchaus ein Interesse an einer zufriedenen Bewohnerschaft in einem Quartier,

Abbildung 1: Ablauf des Moderationsprozesses

in dem Konflikte regelbar und bearbeitbar sind und nicht zu größeren Investitionen im baulichen Bereich oder in die soziale Infrastruktur (eigene Sozialarbeiter) führen. Insofern werden sie auch immer Anforderungen an die Gemeinwesenarbeit herantragen und Ansprüche gegenüber der Stadt, der Polizei oder anderen Ordnungskräften formulieren.

Die Herausforderung besteht in der Vermittlung der Frage nach den strukturellen Ursachen von abweichendem Verhalten und von Konflikten. Dass ein depriviertes Habitat auch immer einen deprivierten Habitus erzeugt, ist bereits im sozialpolitischen Diskurs einer Kommune schwer vermittelbar; noch schwerer begreifbar ist es für diejenigen, die sich als ökonomische Akteure auf dem Markt zunächst nicht in der Pflicht sehen, auf das Gemeinwesen als Ganzes zu schauen.

Es geht nicht darum, die privaten Investoren mit gesamtgesellschaftlichen Analysen zu konfrontieren. Es geht eher darum, zu vermitteln, dass es konkrete Handlungsbedingungen gibt, die im Quartier zu suchen sind. Dass es also so etwas wie konkrete Quartierseffekte gibt, die nicht nur mit einer problematischen Bevölkerungsgruppe zu tun haben, sondern auch mit der baulichen Struktur des Quartiers und seiner baulichen Gestaltung.

7 Fazit

Ziel der Moderation kann nur sein, das gegenseitige Verständnis zu stärken, das für ein integratives Vorgehen vonnöten ist, und die privaten Investoren in die Bearbeitung struktureller Probleme des Quartiers verantwortlich einzubinden.

Solche Verständigungsprozesse müssen den Akteuren die Freiheit lassen, das Ergebnis der Verständigung nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten zu verstehen und danach zu handeln. Im Hinblick auf private Investoren heißt das, sie nach Möglichkeit dazu zu verpflichten, sich als zuständig für öffentliche Angelegenheiten zu verstehen.

Wenn Soziale Arbeit eine Funktion in einem solchen Moderationsprozess hat, dann nicht als Moderator, sondern als Vermittlerin von Interessen.

Literatur

D. Baum, Soziale Aspekte der Wohnraumversorgung – was schreiben wir der Stadt in ein Wohnraumversorgungskonzept? Koblenz, 2008

Heinz Lampert, Jörg Althammer, Lehrbuch der Sozialpolitik. 6. überarbeitete Auflage, Berlin u. a., 2001

 
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