Desktop-Version

Start arrow Sozialwissenschaften arrow Soziale Arbeit und Stadtentwicklung

< Zurück   INHALT   Weiter >

4.2 Partizipation und sozialräumliche Verortung

Wie können Beteiligungsformen in der Sozialplanung und für die Stadtentwicklung etabliert werden, damit staatliche Ansprüche an eine soziale Infrastruktur näher an die Bedürfnisse der Bevölkerung heranrücken? Menschen in den Mittelpunkt von Analysen, Planungen und Entwicklungen zu stellen, bedeutet nicht nur ein Informationsgewinn und damit ein erweitertes Verständnis der Ausgangslagen und sozialen Sachverhalte. Wenn Planungsbetroffene als Mitgestaltende ihrer Lebensumgebung auftreten, verschiebt sich (möglicherweise) auch die Haltung der Adressaten und Bevölkerung vor Ort gegenüber dem lokalen System sozialer Leistungen. Eine höhere Identifikation mit dem Gemeinwesen und eine höhere Wertschätzung gegenüber den lokalen Massnahmen und Angeboten können das Ergebnis partizipativer Sozialplanung sein.

Soziale Arbeit hat eine Reihe von Methoden entwickelt (Erreichung, Aktivierung, Animierung, Begleitung), wie Partizipation ermöglicht wird und gerade auch unter schwierigen Bedingungen und Interessenskonstellationen gelingen kann. Sozialplanung und Stadtentwicklung könnten von diesem Fundus an Erfahrungen und Wissen der Sozialen Arbeit profitieren.

Eine partizipativ ausgerichtete Sozialplanung und Stadtentwicklung bedeutet aus der Perspektive der Sozialen Arbeit keineswegs eine Ausrichtung auf fürsorgliche Beteiligung. Vielmehr geht es darum, nicht ohne, sondern mit den Bürgerinnen und Bürgern die lokalen Infrastrukturen, Räume und Orte zu planen und zu gestalten und partizipative Prozesse im Sinne einer „politischen Gemeinwesenarbeit“ zu ermöglichen (vgl. Lutz 2010: 202), z.B. durch Teilhabe in Form von Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitentscheiden bei öffentlichen Angelegenheiten.

4.3 Soziale Gerechtigkeit und Verwirklichungschancen

Die Ausgestaltung des öffentlichen Sozialwesens bzw. der sozialen Infrastruktur einschliesslich seiner Träger auf Basis von Zielvorstellungen zu planen, weist auf die Theoriebedürftigkeit von Sozialplanung hin. Auch die Stadtentwicklung ist gefordert, städtische Herausforderungen zielgerichtet zu bearbeiten und die normativen Antworten durch hinreichende Begründung zu legitimieren.

Soziale Arbeit könnte eine wichtige Schnittstelle darstellen, um Ziele im Kontext sozialer Herausforderungen, Missstände und Probleme theoriegeleitet und praxisbezogen zu begründen. Dabei zeigt sie Verbindungen zwischen Zielen wie sozialer Gerechtigkeit, Abbau regionaler Ungleichheit oder Inklusion und den zugrundliegenden Theorien auf und bricht theoriegeleitete Zielvorstellungen auf praxisrelevante Entscheidungen runter.

Wenngleich Soziale Arbeit bislang keinen Konsens ihres Professionsverständnisses im Sinne eines professionsund disziplinweit geteilten Propriums gefunden hat (vgl. Schrödter 2007), liefert sie wertvolle Ansätze für die Sozialplanung und für eine "soziale" Stadtentwicklung. In der Diskussion um den Zentralwert der Sozialen Arbeit wird zunehmend ein Gerechtigkeitsverständnis postuliert, das die Gewährleistung eines Minimums von Verwirklichungschancen für alle Gesellschaftsmitglieder einfordert (Schrödter ebenda).

Der vom späteren indischen Nobelpreisträger Amartya Sen entwickelte und international grosse Aufmerksamkeit erzielte Capability-Ansatz definiert Verwirklichungschancen als „….die Möglichkeiten oder umfassenden Fähigkeiten („Capabilities“) von Menschen, ein Leben führen zu können, für das sie sich mit guten Gründen entscheiden konnten, und das die Grundlagen der Selbstachtung nicht in Frage stellt“ (Sen 2000: 29). Verwirklichungschancen leiten sich dabei anhand individueller Potentiale, gesellschaftlich bedingter Chancenstrukturen und bereits erworbenen Fähigkeiten ab. Im Sinne des Ansatzes wäre zu hinterfragen, inwieweit Räume, Orte und Infrastrukturen Ermöglichungskontexte darstellen, in denen Menschen ihre Fähigkeiten realisieren können, im Sinne einer Lebensgestaltung, die ihren Fähigkeiten und ihren Vorstellung von einem guten Leben entsprechen. Die Planung und Gestaltung von städtischen Gebieten und Infrastrukturen wäre im Sinne der Gewährleistung von Verwirklichungschancen auszurichten, wobei für die Beantwortung und Diskussion weiterführende Überlegungen z.B. zu den operationalisierbaren Kriterien zum gesellschaftlichen Minimum von Verwirklichungschancen ins Feld zu führen wären.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics