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2 Einführung in die Sozialplanung

2.1 Definition und Ausrichtung

Gegenstandsbezogen definiert sich Sozialplanung als „die gebietsund zielgruppenbezogene Entwicklung sozialer Einrichtungen (Hilfsangebote) und Maßnahmen (Programme) im Hinblick auf sozialund gesellschaftspolitische Zielvorstellungen.“ (Ulrich 2003: 300).

Die in der Definition genannten Sozialen Dienste, Einrichtungen und Leistungen werden dabei häufig unter dem Begriff soziale Infrastruktur zusammengefasst. Zur sozialen Infrastruktur gehören nicht nur Angebote und Sozialleistungen im engeren Sinne, d.h. Sozialhilfe, Familien-, Kinderund Jugendhilfe, sondern auch Angebote des Bildungswesens (z. B. schulische und ausserschulische Angebote), der Gesundheitsversorgung (z. B. Gesundheitsberatung) und der öffentlichen Sicherheit (z. B. Bewährungshilfeeinrichtungen). Entsprechend der thematischen Breite vollzieht sich die Planung im Rahmen unterschiedlicher Politikfelder (Sozial-, Bildungs-, Familien-, Sicherheitspolitik), wobei der Sozialpolitik als „Motor“ für veränderte Infrastrukturen eine entscheidende Bedeutung zukommt.

Zweckbezogen definiert sich Sozialplanung dagegen etwa als systematische Erfassung der Lebensbedingungen, als Koordination und Integration relevanter Massnahmen, als strategische Veränderung und Entwicklung der leistungserbringenden Organisationen und auch als „sozial sensibilisierte“ Stadtund Raumplanung (Nimmermann 1971: 87).

In vielen Ländern Europas, insbesondere in Deutschland, Österreich, Grossbritannien, den Niederlanden und teilweise auch in der Schweiz, aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada wird Sozialplanung als Hauptaufgabe der öffentlichen und örtlich ansässigen Verwaltung angesehen. Wenngleich sich soziale Infrastruktur nicht nur über den Staat, sondern auch über die Verbände, die Privatwirtschaft sowie Stiftungen und weiteren zivilgesellschaftlichen Gruppen (Vereine, Selbsthilfegruppen, Vereinigungen, Interessensgruppen etc.) herleitet. Die Dominanz der Verwaltung als Sozialplanungsträgerin hängt damit zusammen, dass der Vollzug von (Sozial-)Gesetzen der Verwaltung obliegt und diese für die Verwirklichung von Sozialstaatszielen eine besondere Verantwortung trägt. Ein Grossteil der sozialen Infrastruktur ist das Ergebnis der Umsetzung von (Sozial-)Gesetzen. Der besondere Stellenwert von Verwaltungen für die soziale Infrastruktur zeigt sich auch an dem Faktum, dass viele soziale Angebote von Dritten (z.B. von Wohlfahrtsverbänden oder Vereinen), in der Mehrzahl auf der Basis von mit der Verwaltung abgeschlossenen Leistungsvereinbarungen existieren. Durch gestiegene Anforderungen, Reformprozesse in der Verwaltung, aber auch im Zuge von gesetzlichen Veränderungen etablieren sich in der Verwaltung zunehmend eigens für die Sozialplanung eingerichtete Fachstellen z.B. für Kinder und Jugendliche, Familie, Ältere, allein Erziehende, Pflegebedürftige (vgl. Werner 2009).

Die Sozialplanung verortet sich vor allem auf Ebene lokaler Gebietskörperschaften, wie der Gemeinde, der Kommune und auf der Ebene der Städte, jedoch seltener auf der Ebene von Stadtteilen und Quartieren. Die kommunale bzw. gemeindebezogene Verwaltungsebene wird als diejenige politische Verwaltungsgrösse wahrgenommen, die im Zusammenspiel mit lokalen Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände, non-profit Organisationen und zivilgesellschaftlichen Akteuren der unmittelbaren Lebensumgebung und den Bedürfnissen und Anliegen der Menschen am nächsten kommt (vgl. Hammer et al. 2010: 8 f.).

Sozialplanung erfolgt teilweise aber auch auf übergeordneten Staatsebenen in Form von Fachbereiche übergreifenden Stabsstellen, in Deutschland auf der Ebene der Bundesländer (z.B. Thüringen, Nordrhein-Westfalen), in Österreich ebenfalls auf der Stufe der Bundesländer (z.B. Kärnten, Wien, Steiermark) und in der Schweiz auf der Kantonsebene (z.B. Kantone Solothurn und Aargau). Überregionale Planungsstellen dienen dabei in der Regel als strategische Schnittstelle, um Dialoge zwischen Planungsträgern und Planungsträgerinnen, insbesondere zwischen örtlicher Verwaltung und Wohlfahrtsverbänden zu unterstützen. Gleichzeitig greift die Stabsstelle Bedarfsfeststellungen und Evaluationen aus lokalen Sozialplanungen auf und kommuniziert die Ergebnisse im (sozial)politischen Prozess an höhere Stellen (Bundesland, Kanton oder auch auf der Bundesebene). Die Erkenntnisse der örtlichen Sozialplanung können somit den Weg für überregionale (sozial-)politische Kursänderungen bis hin zu Gesetzesänderungen ebnen.

Die in der Eingangsdefinition angesprochene Ausrichtung auf Zielvorstellungen ist die richtungsweisende Frage von Planung, Gestaltung und Veränderung der sozialen Infrastruktur. Die Sozialplanungspraxis richtet sich nach unterschiedlichen sozialund gesellschaftspolitischen Zielvorstellungen wie Inklusion, Eigenverantwortung der Adressaten und Adressatinnen, Gewährleistung eines soziokulturellen Existenzminimums oder Minderung von sozialer Ungleichheit ebenso aus, wie an fachspezifischen Zielen, beispielsweise Bedarfsdeckung an stationären Betten in der Pflege oder an Betreuungsplätzen für Kinder. Die in der Sozialplanung verfolgten Zielrichtungen (aber auch die eingesetzten Instrumente, Planungsräume und die theoretischen Begründungen von Planungsentscheidungen) haben sich gewandelt und spiegeln oftmals Veränderungen des sozialpolitischen Zeitgeistes und der bis dato anerkannten Methoden und Theorien wider. Es besteht der Anspruch auf Kohärenz zwischen fachspezifischen und übergeordneten Zielen der Sozialplanung, wenngleich ein solches Postulat nicht immer erfüllt wird (vgl. Dittmann et al. 2014c).

Im Grundsatz knüpft Sozialplanung an dem Ursprungsgedanken von Planung an, im Sinne einer gedanklichen Vorwegnahme der zukünftigen Lebensbedingungen für einen genauer zu definierenden Raum, „indem der Weg und die Dauer bis zu ihrer Realisierung unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Theorien und Konzepte sowie fachlicher Kompetenzen nachgezeichnet werden“ (vgl. Dittmann/Tappert 2014a: 5). Bereits in den allerersten Fachbeiträgen, die in den Begriff Sozialplanung einführen, wird das Verständnis von Sozialplanung als Prozess sozialer Veränderungen deutlich: "Social planning….in which the characteristics [….] of planning have been applied to changing the social structure and adequately met to insure a high probability of attaining objectives, barring interference from external uncontrolled factors" (Wood 1944: 389 f.).

Am Grundverständnis, soziale Veränderungen durch die Verpflichtung gegenüber realistischen Zielen unter Einsatz elaborierter Methoden zu bewirken, hat sich bis zum heutigen Tag nichts Wesentliches geändert. Verändert hat sich jedoch die Spannweite des „planning for social change“ (Nimmermann 1971). Sie verläuft entlang der Milderung der Folgen sozialer Probleme bis hin zu einer problemlösungsorientierten, präventiv ausgerichteten und auf allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen abzielenden Sozialplanung.

Da Sozialplanung fest in der Verwaltung verankert ist, wirken sich Verschiebungen in der institutionellen Verankerung der Planungsträger und -trägerinnen unmittelbar auf die Sozialplanung aus. Sozialplanung wandelt sich dabei auch vor dem Hintergrund einer veränderten Qualifizierung der Planenden. Ein Grossteil der Planungsaufgaben, die das Soziale betreffen, wird von Mitarbeitenden aus der Verwaltung geleistet, die sich über das Studium, z.B. der Verwaltungswissenschaft, Planungsknowhow aneignen. Sowohl in Deutschland, der Schweiz und Österreich kann jedoch festgestellt werden, dass in den Verwaltungsabteilungen, die für sozialplanerische Aufgaben zuständig sind, vermehrt Fachkräfte der Sozialen Arbeit und verwandter Disziplinen, z.B. Soziologie, eingestellt werden. Für die Soziale Arbeit ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten, um in den verschiedenen Themenbereichen, die die Sozialplanung bearbeiten, auf ihre fachspezifischen Ansätze mit hohem Planungsund Gestaltungspotential zurückzugreifen.

 
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