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3 Zur Entwicklung intermediärer Funktionen

Sowohl in der Stadtentwicklung (Selle 1991) als auch in der Gemeinwesenarbeit (Hinte 1991; 1994) wurde Anfang der 1990er-Jahre damit begonnen, die Funktionsweisen professioneller intermediärer Vermittlungsinstanzen bei der Erneuerung städtischer Quartiere auszuarbeiten. Hinte war im Rahmen dieses Prozesses maßgeblich inspiriert durch Joseph Huber (1980), der nach Auswegen und Perspektiven für die sich zunehmend verschleißende Alternativbewegung Ende der 1970er-Jahre suchte.

Huber definiert intermediäre Akteure als Drehpunktpersonen,

„die sowohl mit dem Establishment als auch mit einer Subkultur in Interaktion stehen. Wichtig dabei ist, daß es sich nicht um reine Sozialisationsagenten des Establishments handelt, sondern daß sie die Instabilität zwischen Establishment und Subkultur in ihrer Person austragen. (…) Sie finden Gehör und Anerkennung in beiden Milieus, und sie erscheinen beiden als die relevanten Ansprechpartner und Vermittler, wenn es darum geht, mit den anderen in Kontakt zu treten.“ (Huber 1980: 97).

Die intermediäre Funktion bot einen Ausweg aus der polarisierenden Perspektive einiger aggressiver Varianten von Gemeinwesenarbeit in den 1970er-Jahren, die nur die holzschnittartigen Alternativen radikale Veränderung oder Systemvereinnahmung kannten (vgl. Grimm et al. 2004: 23). Mit der Übertragung der Idee der Intermediarität auf die Gemeinwesenarbeit gelang es darüber hinaus, die Verabsolutierung des Lebenswelt-Ansatzes aufzulockern. Damit wurde der Erkenntnis Rechnung getragen,

„dass die ‚Lebenswelt' so weitgehend von den Organisationen der ‚funktionalen Teilsysteme' durchdrungen ist, dass es keinen Sinn macht, streng ‚lebensweltorientiert' im Sinn von ‚alles geht von den Betroffenen aus' oder ‚die Bewohner sind die Experten' zu arbeiten“ (Maier/Sommerfeld 2001: 35).

4 Sphärenwechsler – Intermediäre als amphibische Wesen

Die Handlungskompetenz intermediärer Instanzen beruht auf ihren Kenntnissen und Zugängen zum lokalen Gemeinwesen wie auch zur gesamtstädtischen Ebene. Intermediäre Instanzen müssen in der Lage sein, Konflikt, Kompromiß und Verständigung zwischen Personen, Institutionen und Akteursebenen zu initiieren, die es nicht gewohnt sind, in einen gemeinsamen Dialog zu treten, sich aufgrund verschiedener Handlungsrationalitäten und Sinnzusammenhänge nicht mehr verständigen können oder gar eine tiefe Aversion gegeneinander hegen:

„Intermediäre Instanzen vermitteln zwischen den gesellschaftlichen Teilsystemen, zwischen den formaleren und bürokratischen Welten des politisch-administrativen Systems, den profitorientierten Welten der Ökonomie und den meist etwas ‚lauteren' und unsortierbaren Lebenswelten im Quartier.“ (Lüttringhaus 2001: 152).

Die Herausforderung für die Intermediären besteht darin, die mit der zunehmenden Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme sich entwickelnden Sinngrenzen zu überbrücken und so eine Kommunikation zwischen Akteursebenen zu ermöglichen, die ohne diese Unterstützungsleistung nicht oder nur sehr eingeschränkt interagieren können. Dazu benötigen intermediäre Instanzen eine „interdisziplinäre Dolmetscherkompetenz“ (Brödel 2005: 3). Als „professionelle Übersetzer“ besteht die Aufgabe der Intermediären darin, die unterschiedlichen Handlungslogiken, Kommunikationsmodi, Arbeitsgeschwindigkeiten und Sachzwänge zu verstehen und anschließend in einer Weise zu transportieren, die diese „fremden“ Rationalitäten für die Akteure in System und Lebenswelt nachvollziehbar werden lassen.

Intermediäre Instanzen dienen als Informationsinstanz und Frühwarnsystem sowohl für den politisch-administrativen Komplex als auch für die Lebenswelt. Als „Gatekeeper der Bürgergesellschaft“ (Beck 2014, 248) sind sie „nicht Sprachrohr der Bürger, aber helfen, ihre Stimme zu erheben. Sie sind nicht der verlängerte Arm der Verwaltung, aber sie helfen der Verwaltung, ihre Aufgabe bürgernäher und damit effektiver zu gestalten.“ (Hinte 2001: 174). Die Intermediären transportieren z.B. „(…) kooperativ aber deutlich – Hinweise auf Handlungsbedarfe seitens der Kommune (…)“ (Grimm et al. 2004: 60). Dabei haben intermediäre Instanzen keine Macht, sondern bestenfalls geliehenen Einfluss. Sie versuchen nicht, das System direkt zu verändern (dann würde es sich den Intermediären verweigern), aber sie können sich durch ihren Reichtum an wertvollen und seriösen Informationen Einfluss erarbeiten, der es ihnen gestattet, das System zu irritieren und Impulse für Veränderungen zu geben.

 
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