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2 Soziale Arbeit und Gemeinwesenarbeit

An dieser Stelle wird es nötig, einen knappen Rückblick auf die Entwicklung von Gemeinwesenarbeit und Stadtentwicklung zu werfen.

Das leider vergriffene und nie wieder aufgelegte Buch „Gemeinde und Gemeinschaftshandeln“ (Vogel/Oel 1966) hat gezeigt, wie Community Organization und Community Development, die nordamerikanischen Wurzeln der Gemeinwesenarbeit, in verschiedener Weise die sozialen, aktivierenden und regionalen Entwicklungsaspekte vor allem in der städtischen Politik miteinander verknüpften.

Leider hat eine verkürzte Rezeption dieser Ansätze (die ihre Wurzeln allerdings schon in der amerikanischen Diskussion hatte) in der frühen Bundesrepublik Gemeinwesenarbeit zur „dritten Methode“ der Sozialarbeit gemacht und sie eng an dieselbe gebunden.

Den Zusammenhang zwischen Gemeinwesenarbeit und Stadtentwicklung hat deutlich erst wieder ein ebenfalls vergriffenes Buch in die GWA-Diskussion gebracht: „Stadtplanung und Gemeinwesenarbeit“ (Müller/Nimmermanns 1971). Das war die Zeit, in der kritische Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Gemeinwesenarbeit als eine politische Alternative zur kurativen Einzelfallhilfe sahen. Der Aufbau des Buches zeigt das damalige Verständnis einer kritischen und engagierten GWA vom Verhältnis von GWA und Stadtplanung: Stadtplanung war die Reformstrategie „von oben“; Gemeinwesenarbeit war, mit Saul Alinsky und Harry Specht, die Organisation des Widerstands „von unten“, also aus den Quartieren heraus.

Dieser politische Impetus, der in der Praxis zu unterschiedlichen strategischen Optionen führte, ist der GWA vor allem in den frühen 80er-Jahren abhanden gekommen. Unter dem Diktat sich verschärfender sozialer Verhältnisse („neue Armut“) wuchs der Druck auf die Projekte in den Stadtteilen, für die Bewohner nützliche quartiersbezogene Dienstleistungen und Ressourcen zur Verfügung zu stellen (Beratungsangebote, preiswerter Mittagstisch, Organisierung sozialer Netze im Stadtteil).

Der gesellschaftliche Druck der 1990er-Jahre – insbesondere eine sich verfestigende Langzeitarbeitslosigkeit – führte auch zu einer Neuorientierung der GWA. Wir machten in vielen Projekten die Erfahrung, dass Menschen, die aus dem Arbeitsprozess herausfallen, auf ihre Lebenswelt, auf ihr Quartier als eine zusätzliche Ressource zur Existenzsicherung und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwiesen werden. Gleichzeitig wächst gerade in armen Stadtteilen in den Bereichen der Infrastrukturgestaltung (von der Renovation der Wohnungen bis zur Gestaltung von Mietergärten) und der sozialen Dienstleistungen, insbesondere der Kinderbetreuung, der Altersversorgung und der Krankenpflege, der Bedarf an zu leistender Arbeit.

Indem GWA diese beide Stränge zu quartiersorientierten basisökonomischen Projekten (Tauschringe, Genossenschaften, soziale Betriebe) zusammenführte, hat sie unter dem Begriff der Gemeinwesenökonomie[1] die enge Bindung an die Soziale Arbeit aufgegeben.

Das Quartier bestimmt für viele Menschen die Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe:

„Von der Bindung an das Gemeinwesen, von der Möglichkeit, den sozialen Raum mitzugestalten, hängt es sehr wesentlich ab, ob und wie sich Bürger engagieren. Deshalb müssen viele Vollzüge und Entscheidungen dorthin zurückgeholt werden.“ (Oelschlägel 1999, 177)

So ist in den letzten 20 Jahren von Gemeinwesenarbeiter/innen das nordamerikanische Konzept der Bürgermobilisierung und -organisation – „Community Organization“ – neu entdeckt worden. Community Organization greift auf den großen Fundus an Erfahrungen und Verfahren der GWA zur Mobilisierung und Aktivierung der Menschen zurück und bietet, über die Grenzen der Sozialen Arbeit hinaus, die Chance, gemeinsames solidarisches Handeln zur Überwindung gesellschaftlicher Ohnmacht zu organisieren.

  • [1] Hierzu ausführlich: Susanne Elsen: Gemeinwesenökonomie – eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Neuwied u.a.: Luchterhand: 1998
 
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