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4 Alltagswende und Neuformulierungen von GWA

1978 leitet Hans Thiersch eine „Alltagswende“ in der Sozialpädagogik ein, die er später mit den Begriffen der „Alltagsund Lebensweltorientierung“ (vgl. Thiersch 1992) in der Sozialen Arbeit weiter entfaltet und die in einem gewissen Sinne auch als eine konzeptionell-reflexive Reaktion auf die Erfahrungen des Scheiterns aggressiv-konfliktorientierter Ansätze Sozialer Arbeit bei/mit den

„Betroffenen“ und ihrer „Lebenswelt“ gelesen werden kann.

Auch wenn Thiersch sich nicht direkt auf die GWA bezieht, gibt es zwischen dem Konzept der Alltagsbzw. Lebensweltorientierung und der GWA eine Reihe von Berührungspunkten. Angeführt werden können hier der geteilte sozialräumliche Bezug, die Leistung der Hilfe vor Ort, die Analyse von und Arbeit an strukturell-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sozialer Probleme sowie eine besondere Form der professionellen Beziehungsgestaltung, die sich zwischen Respekt vor dem Eigensinn, Provokation zu neuen Möglichkeiten sowie Wachsamkeit gegenüber Expertokratie und Kolonialisierung der Lebenswelt bewegt (Ross 2012, S. 420 ff.). Ausserdem finden sich bei Thiersch vereinzelt auch explizite Bezüge zu(r) Stadtteilarbeit (vgl. Thiersch 1987). Im Zentrum der weiteren Auseinandersetzung mit der GWA stehen dagegen die 1978 von Karas/Hinte formulierte „katalytische/aktivierende Gemeinwesenarbeit“ und die Grundlegung der GWA als Arbeitsprinzip (der Sozialen Arbeit) durch Boulet/ Kraus/Oelschlägel (1981).

4.1 Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip Sozialer Arbeit

Nach der Methodenkritik der „68er“ und der damit einhergehenden Verunsicherung im Hinblick auf die Wirksamkeit Sozialer Arbeit bestand für viele Praktikerinnen und Praktiker eine Lösung darin, das eigene Interventionsinstrumentarium zu verfeinern und sich auf Verfahren und Techniken aus Nachbarschaftsdisziplinen (Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Psychotherapie) zu spezialisieren (z.B. Therapien, Beratung, Gruppenarbeit). Diese boten den Vorteil, dass sie „den einzelnen SozialarbeiterInnen ein klar erlernbares und anwendbares Instrumentarium“ (Mohrlock et al. 1993, S. 48) für Diagnosen und Interventionen an die Hand gaben und so, zumindest in kleinem Rahmen, pädagogisch oder therapeutisch sichtbare Erfolge ermöglichten. Die Kehrseite dieser methodischen Ausdifferenzierung war eine Kategorisierung von Problemlagen auf der Ebene von Individuen und kleinen Einheiten, also eine beschränkte Betrachtungsweise sozialer Probleme, in welcher die grösseren gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht mehr thematisiert und als Aufgabenund Zuständigkeitsgebiet Sozialer Arbeit begriffen wurden. Der Sozialen Arbeit fehlte in dieser Phase ihrer Geschichte eine neue einigende (theoretische) Grundlage. Daher wurde von verschiedener Seite (so z.B. auch vom weiter oben erwähnten Hans Thiersch mit seinem Beitrag der Alltagsbzw. Lebensweltorientierung) versucht, theoretische Beiträge auszuformulieren, welche diese fehlende (gemeinsame) Basis für die Soziale Arbeit wieder herstellen konnte. Vor diesem Hintergrund postulierten Boulet/ Krauss/Oelschlägel in den frühen 1980er Jahren, „dass sich GWA weg von einer speziellen Methode der Sozialarbeit immer mehr hin zu einem allgemeinen Arbeitsprinzip sozialer Arbeit schlechthin entwickelt habe“ (Mohrlock et al. 1993,S. 49) und konzipieren die GWA neu als ein „Arbeitsprinzip“ der Sozialen Arbeit insgesamt. GWA wird nun zu einem methodenintegrativen und an der Lebenswelt der Betroffenen orientiertem Grundprinzip Sozialer Arbeit.[1] Boulet/ Krauss/Oelschlägel leiten diese programmatische These ab aus einer (weitgehend am Marxismus orientierten) materialistischen Gesellschaftsanalyse und einer daran anschliessenden Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit und vertreten, in der Konsequenz, damit ein progressiv-emanzipatorischen Verständnis von Sozialarbeit:

„Gemeinwesenarbeit muss Beiträge zur tendenziellen Aufhebung und Überwindung von Entfremdung leisten, also die Selbstbestimmung handelnder Subjekte ermöglichen. Damit ist Gemeinwesenarbeit Befreiungsarbeit insofern, als sie die unmittel-baren Wünsche und Probleme der Menschen ernst nimmt, zu veränderndem Handeln unter Berücksichtigung der politisch-historischen Möglichkeiten motiviert und Einsicht in die strukturellen Bedingungen von Konflikten vermittelt. In diesem Sinne kann Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip jede soziale Arbeit strukturieren.“ (Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980, S. 156 f.)

Wie Dieter Oelschlägel bis heute unermüdlich immer wieder betont, steht hinter dem in diesem Sinne formulierten „Arbeitsprinzip“ GWA „das grundsätzliche Postulat einer (…) politischen, solidarischen [und auch parteilichen, Anm. P.O./M.D.] Professionalität“ (Oelschlägel 1985, S. 21). Leitgedanke einer so verstandenen fortschrittlichen Professionalität ist aber nicht einfach die Forderung nach einer„Re-Politisierung“ der GWA – Gemeinwesenarbeit ist per se immer politisch, da eine Beteiligung an der Gestaltung eines Gemeinwesens grundsätzlich bedeutet, sich mit Macht und Herrschaft auseinanderzusetzen (vgl. Oelschlägel 2007, S. 30 f.) –, sondern die (selbst)kritische Analyse und Reflexion von Begriffen, Theorien und Praxis der GWA. Die wichtigsten Bezugspunkte für eine solche Überprüfung sind „das Grundprinzip einer solidarischen Gesellschaft und der Anspruch der GWA, soziale Gerechtigkeit in den Verhältnissen zu realisieren“ (Oelschlägel 2007, S. 34). Deshalb bedeutet Parteilichkeit in der GWA zuerst einmal eine Analyse der Frage, „wo Entwicklungsmöglichkeiten, Handlungsspielräume von Menschen eingeschränkt werden“ (Oelschlägel 2007, S. 38). Allerdings reichen Analysen allein für Strategien der GWA nicht aus, so Oelschlägel in Anlehnung an Herbert Marcuse und Jürgen Habermas, sondern es bedarf zudem auch der Utopie einer „guten Gesellschaft“.

Dieter Oelschlägel ist sicher einer derjenigen GWA-Theoretiker, welcher den Diskurs der Gemeinwesenarbeit im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren massgeblich mitgeprägt hat.[2] Trotzdem hat das „Arbeitsprinzip GWA“ – zumindest unter diesem Begriff – als ein fortschrittliches Konzept bis heute kaum Eingang in die verschiedenen Bereiche der Sozialen Arbeit gefunden, und wenn überhaupt, dann mehr unter der Bezeichnung „Gemeinwesenorientierung“. Bei dieser abgeschwächten Auslegung blieben die materialistische Gesellschaftsanalyse und die daran anschliessenden gesellschaftlichen und emanzipatorischen Zielvorstellungen weitgehend unberücksichtigt, was zu einem um wesentliche Elemente verkürzten GWA-Verständnis führte (Mohrlock et. al. 1993, S. 53). GWA als Arbeitsprinzip meint als Konzept Sozialer Arbeit eben entschieden mehr als einfach nur eine institutionelle Öffnung zu einem Gemeinwesen hin oder eine räumliche Wende in der Arbeitsorientierung, um eine Zielgruppe besser zu erreichen oder die Ressourcen des Gemeinwesens für die eige-ne Arbeit und die Klienten zu nutzen (vgl. Oelschlägel 2004), wie dies vor allem im Konzept Sozialraumorientierung vertreten wird.

  • [1] Zur genaueren Darstellung des Arbeitsprinzips GWA vgl. Oelschlägel 1985 und Oelschlägel 2005; zu den pragmatistischen Ursprüngen des Arbeitsprinzips GWA vgl. Oehler 2007
  • [2] Zur Aktualität des Arbeitsprinzips Gemeinwesenarbeit vgl. z.B. Klöck 2001
 
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