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9.2.2 Soziale Milieus und Lebensstilgruppierungen

Bereits die voranstehend referierten Wertetypen dokumentieren, dass Menschen in modernen Gesellschaften sehr unterschiedliche Mentalitäten und Lebensweisen aufweisen. Hierfür existieren gesellschaftliche Muster in Form von vergleichsweise stabilen sozialen Milieus und Lebensstilgruppierungen.

Soziale Milieus

Unter einem „sozialen Milieu“ lässt sich soziologisch eine Gruppierung von Menschen verstehen, die eine ähnliche Mentalität und häufig auch ein gemeinsames sachliches Umfeld aufweisen wie Region, Stadtviertel oder das berufliche Umfeld. Daher stimmen ihre Werthaltungen, Lebensziele, Prinzipien der Lebensgestaltung und der Beziehung zu Mitmenschen weitgehend überein. Diejenigen, die

Abb. 9.4 Entwicklung der Wertepositionen von 40 Gesellschaften zwischen 1981–1997. (Quelle: Deth 2001, S. 28)

dem gleichen sozialen Milieu angehören, interpretieren und gestalten ihre Umwelt in ähnlicher Weise und unterscheiden sich dadurch von anderen sozialen Milieus. Kleinere Milieus wie Organisationsoder Stadtviertelmilieus sind nicht nur als Gruppierungen Gleichgesinnter zu verstehen, die sich durch erhöhte Kontakte und Interaktionen untereinander auszeichnen. Sie weisen darüber hinaus häufig auch einen inneren Zusammenhang auf, der sich in einem gewissen Gruppenverständnis und einem „Wir-Gefühl“ äußert (Schulze 1992, S. 746).

Die Menschen moderner Dienstleistungsgesellschaften definieren sich nicht mehr so stark wie die Menschen in typischen Industriegesellschaften nach ihrer Berufsund Schichtzugehörigkeit. Vielmehr bilden sie ihre gesellschaftliche Ortsbestimmung und ihr Selbstverständnis auch im Hinblick auf ihre Milieuzugehörigkeit und ihren Lebensstil. Oft werden die Identität und das Selbstverständnis in Kleidung, Musikgeschmack und Konsumgewohnheiten symbolisch zum Ausdruck gebracht und so die Zugehörigkeiten nach außen getragen. Dementsprechend verhalten sich die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, im Alltag ähnlich und zwar in recht unterschiedlichen Bereichen. Sie kaufen beispielsweise ähnliche Konsumgüter, wählen ähnliche Parteien oder erziehen ihre Kinder in ähnlicher Weise. Milieugliederungen sind daher wichtige Hilfsmittel und Anhaltspunkte für Marketinganalysen, Wahlkampfstrategien oder Sozialisationsforschungen (Flaig, Meyer und Ueltzhöffer 1997).

Das Gefüge sozialer Milieus in Deutschland ist daher bis zu einem gewissen Grad abhängig von der Schichtstruktur. Es gibt typische Oberschicht-, Mittelschichtund Unterschicht-Milieus. Welche Mentalitäten und Werthaltungen ein Mensch aufweist, wird also auch von der Einkommenshöhe, der beruflichen Stellung und dem Bildungsgrad mitbestimmt. Milieuzugehörigkeiten können gesellschaftliche bedeutende Trennlinien zwischen sozialen Schichten abbilden. So schreiben beispielsweise Vester et al. (2001, S. 26): „Die Grenze der Distinktion trennt die oberen von den mittleren Milieus. Die Grenze der Respektabilität trennt die mittleren von den unteren.“ Aber die Schichtzugehörigkeit gibt keineswegs zureichend über die Milieuzugehörigkeit Auskunft. Denn Menschen innerhalb einzelner Schichten unterscheiden sich in vielen Verhaltensweisen, Denkmustern und Werthaltungen sehr stark voneinander. Dementsprechend finden sich innerhalb einzelner Schichten zum Teil mehrere Milieus nebeneinander. Und bestimmte soziale Milieus erstrecken sich senkrecht über Schichtgrenzen hinweg.

Neben ihrer Schichtzugehörigkeit beeinflusst auch die Geburtskohorte der Menschen die Milieuzugehörigkeit. Ältere Menschen, die in materiellen Mangellagen und autoritärer Ordnung aufgewachsen sind, haben sich meist andere Mentalitäten bewahrt als Menschen mittlerer Altersgruppen, die in Wohlstand und unter emanzipatorischen Wertvorstellungen sozialisiert wurden (Schulze 1992).

Wie Abb. 9.5. dokumentiert, unterscheiden sich soziale Milieus vertikal nach ihrer sozioökonomischen Lage und horizontal nach dem Grad ihrer kulturellen Traditionsverhaftung beziehungsweise ihrer Modernität. Denn die einzelnen Milieus sind in unterschiedlichem Maß von Individualisierungsprozessen und dem kulturellen Wertewandel, der eine Ablösung von traditionellen Pflichtzu Selbstentfaltungswerten meint, erfasst. So finden sich vor allem im traditionellen Milieu aber auch zum Teil in dem konservativ-etablierten Milieu kulturelle Wertvorstellungen und Mentalitäten, die auf dem Bewahren, der Bedeutung von Pflichten und der Eingebundenheit in Regeln beruhen. Demgegenüber lassen sich in dem Milieu der Performer, dem expeditiven Milieu, dem adaptiv-pragmatischen Milieu sowie dem hedonistischen Milieu vor allem kulturelle Grundorientierungen und

Abb. 9.5 Soziale Milieus in Deutschland 2015. (Quelle: Sinus-Institut 2015)

Einstellungen beobachten, die auf Erleben und Neues ausgerichtet sind. Menschen dieser Milieugruppierungen empfinden kaum Zugehörigkeiten und Bindungen zu den industriegesellschaftlich geformten sozialen Prägungen sozialer Klassen und Schichten. Dennoch finden sich dort zahlreiche kulturelle Muster, die synthetisch verschiedene kulturelle Vorstellungen auch hinsichtlich traditionaler Vorstellungen miteinander verbinden. Neben der kulturellen Grundorientierung bildet die horizontale Differenzierung bis zu einem gewissen Grad auch die Geburtskohorten mit ab. So finden sich in den traditionsverhafteten Milieus eher ältere Menschen, die in unterschiedlichem Maße von der Nachkriegszeit geprägt wurden, und in den Milieus, die sich kulturell neu orientieren, überwiegend jüngere Menschen.

Die einzelnen Handlungstypen, Mentalitätsmuster, Denkstile und Grundorientierungen der sozialen Milieus lassen sich wie folgt beschreiben (siehe Sinus-Institut 2015):

Konservativ etabliertes Milieu (2015: 10 %):

Das klassische Establishment: Verantwortungsund Erfolgsethik; Exklusivitätsund Führungsansprüche; Standesabgrenzung und Entre-nous-Abgrenzung.

Liberal intellektuelles Milieu (2015: 7 %):

Die aufgeklärte Bildungselite: liberale Grundhaltung und postmaterielle Wurzeln; Wunsch nach selbstbestimmtem Leben, vielfältige intellektuelle Interessen

Milieu der Performer (2015: 7 %):

Die multioptionale, effizienzorientierte Leistungselite: global-ökonomisches Denken; Konsumund Stil-Avantgarde; hohe ITund Multimediakompetenz

Expeditives Milieu (2015: 7 %):

Die ambitionierte kreative Avantgarde: mental und geografisch mobil, online und offline vernetzt und auf der Suche nach neuen Grenzen und Lösungen

Bürgerliche Mitte (2015: 14 %):

Der leistungsund anpassungsbereite bürgerliche Mainstream: generelle Bejahung der gesellschaftlichen Ordnung; Wunsch nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen

Adaptiv pragmatische Milieu (2015: 9 %):

Die moderne junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül: zielstrebig und kompromissbereit, hedonistisch und konventionell, flexibel und sicherheitsorientiert; starkes Bedürfnis nach Verankerung und Zugehörigkeit

Sozialökologisches Milieu (2015: 7 %):

Konsumkritisches und –bewusstes Milieu mit normativen Vorstellungen vom

„richtigen“ Leben: ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen; Globalisierungsskeptiker, Bannerträger von Political Correctness und Diversity

Traditionelles Milieu (2015: 14 %):

Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsund Nachkriegsgeneration: verhaftet in der alten kleinbürgerlichen Lebenswelt beziehungsweise in der traditionellen Arbeiterkultur; Sparsamkeit, Konformismus und Anpassung an die Notwendigkeiten

Prekäres Milieu (2015: 9 %):

Die um Orientierung und Teilhabe bemühte Unterschicht mit starken Zukunftsängsten und Ressentiments: Häufung sozialer Benachteiligung, geringe Aufstiegsperspektiven, reaktive Grundhaltung; bemüht, Anschluss zu halten an die Konsumstandards der breiten Mitte

Hedonistisches Milieu (2015: 15 %):

Die spaßund erlebnisorientierte Unterschicht und untere Mittelschicht: Leben im Hier und Jetzt, Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft

In der Wirklichkeit sind die Grenzen der dargestellten Milieus fließend. Viele Menschen stehen am Rand eines Milieus, zwischen Milieus oder können mehreren Milieus zugleich zugeordnet werden. Denn die dargestellten sozialen Milieus stellen keine tiefreichenden, auf gesellschaftlichen Prozessen und Handlungen beruhenden gesellschaftlichen Gruppen mit allgemein bekannten Namen und symbolisch verdeutlichten Grenzen dar. Es sind vielmehr typische Gruppierungen, die aufgrund ähnlicher Mentalitäten in empirischen Forschungen zusammengestellt, geordnet und kategorisiert werden. Dies ist vor allem in jenen Gesellschaften notwendig, deren Sozialstruktur kaum noch festgefügte und abgegrenzte Gruppierungen mit jeweils eigener Kultur und Lebensweise aufweisen, wie es beispielsweise in der europäischen Geschichte der Adel der Frühen Neuzeit, das Großbürgertum und in Teilen die Industriearbeiterschaft waren.

Soziale Milieus verändern sich im Zeitverlauf. Sie werden unter Umständen größer oder kleiner. Neue Milieus bilden sich heraus. Alte Milieus verschwinden oder teilen sich. Beispielsweise hat sich seit den 1980er Jahren der Bevölkerungsanteil traditioneller Milieus bis Anfang des 21. Jahrhunderts fast halbiert (Hradil 2001b, S. 434; Vester 2001, S. 48 f.). Ursache hierfür waren weniger Milieuwechsel etwa aufgrund von Veränderungen hinsichtlich von Einstellungen oder Mentalitäten. Vielmehr zählen viele Menschen in den traditionell ausgerichteten Milieus zu den älteren Altersgruppen, sodass diese Milieus langsam aussterben und sich lebensaltersbedingt ein Generationenwechsel in der Milieustruktur abbildet. Hinzu kommt, dass der Wandel der Sozialstruktur und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse wie Individualisierung, Bildungsexpansion, Pluralisierung von Lebensformen, aber auch ökonomische Veränderungen oder politische Wechsel etwa von traditionellen zu demokratischen Herrschaftsweisen sich auf die Mentalitäten und Einstellungen auswirken und in der Folge strukturelle Veränderungen der Milieus bewirken. So lassen sich beispielsweise die eindeutigen Zuordnungen sozialer Milieus wie etwa das katholische Milieu oder das traditionelle Arbeitermilieu Anfang des 20. Jahrhunderts zu bestimmten politischen Parteien Ende des 20. Jahrhunderts in Folge struktureller Verschiebungen nicht mehr erkennen (Gabriel 2011).

Die folgende Abb. 9.6 stellt schließlich einen Versuch dar, die historischen Entwicklungslinien wichtiger Milieus in Deutschland im 20. Jahrhundert zu dokumentieren.

 
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