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Start arrow Sozialwissenschaften arrow Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich

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8. Soziale Sicherung

Die Sozialstruktur einer Gesellschaft und die sozialen Stellungen und Statuslagen der Einzelnen werden in modernen Gesellschaften auch durch sozialstaatliche Einrichtungen und deren Leistungen bestimmt. Zusammen mit den Bildungseinrichtungen zählen die Einrichtungen zur sozialen Sicherung zu den Bereichen, die erst in modernen Gesellschaften sich umfassend auf die Sozialstruktur auswirken.

8.1 Der Bezugsrahmen

Sicherheit gegen die Risiken und Wechselfälle des Lebens zu erhalten, war seit jeher ein Ziel menschlichen Strebens. In diesem Kapitel geht es aber nicht um Sicherungen aufgrund von Selbstschutz, durch Familienangehörige oder durch Mitmenschen, sondern um gesellschaftliche Sicherheitseinrichtungen. In erster Linie dienen sie dem Schutz gegen Krankheit und Armut etwa in Folge von Alter, Arbeitslosigkeit oder Unfall.

Die gesellschaftliche Modernisierung war mit wachsender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, mit zunehmendem Wohlstand und mit einer Vermehrung von Wissen verbunden. Damit stiegen die Möglichkeiten, Menschen gegen Gefahren abzusichern. Gleichzeitig brachte die Modernisierung und Industrialisierung aber auch neue Risiken mit sich, die eben diese Absicherung notwendig machten.

8.1.1 Das Modell

Das Modell der sozialstrukturellen Modernisierung (vgl. Kap. 2) sieht vor, dass in vorindustriellen Gesellschaften die Absicherung gegen Risiken der Armut, des Alters, der Krankheit, eines Unfalls oder Ähnliches großenteils über die Solidargemeinschaft des „Ganzen Hauses“ erfolgte. Wer zu alt oder zu krank wurde, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können oder aus anderen Gründen in Armut geriet, der wurde von der Gemeinschaft des Bauernhofes oder des Handwerksbetriebs gepflegt und versorgt. Um Menschen, die nicht in die Gemeinschaft des „Ganzen Hauses“ eingebunden waren wie zum Beispiel Wanderarbeiter oder Tagelöhner, war es in Krankheitsfällen oder bei Armut schlecht bestellt. Nur ausnahmsweise wie etwa in Klöstern oder in Städten mit Bischofssitz fanden sich für sie karitative Einrichtungen.

Mit dem Aufkommen der modernen Industriegesellschaft veränderten sich dem Modell nach sowohl die Risiken als auch deren Absicherung. Auf der einen Seite hing die wirtschaftliche Existenz der Menschen mehr und mehr von der eigenen, individuellen Erwerbstätigkeit beziehungsweise von der Erwerbstätigkeit des „Familienernährers“ ab. Wenn die Ausübung einer Erwerbsarbeit auch zeitweise nicht mehr möglich war etwa aufgrund von Krankheit, Unfall, Tod, Alter oder Verlust des Arbeitsplatzes, konnte dies eine unmittelbare Existenzgefährdung bedeuten. Denn andere Quellen des Lebensunterhaltes wie Subsistenzoder Tauschwirtschaft oder gemeinschaftliches Produzieren und Haushalten nahmen an Bedeutung ab. Zudem gingen mit der industriellen Technik und der fabrikmäßigen Produktionsweise neue Risiken einher, die den Verlust der Erwerbsfähigkeit oder –tätigkeit mit sich bringen konnten. Für die Arbeitenden entstanden neue Unfallgefahren und Berufskrankheiten. Zudem schufen schlechte Wohnund Ernährungsbedingungen zusätzliche Risiken auch für die nicht Erwerbstätigen. Auf der anderen Seite brachen mit der Herausbildung der Industriegesellschaft herkömmliche Absicherungen zusammen. Das „Ganze Haus“ stand für eine Armenfürsorge, Altenversorgung oder Krankenpflege nicht mehr zur Verfügung. Die sich herausbildende Kernfamilie konnte diese Funktionen nur begrenzt wahrnehmen. Wer daher durch private Vermögensbildung oder durch private Versicherungen Versorgungslücken nicht schließen konnte, geriet nach dem Verlust seiner Erwerbstätigkeit – oder -fähigkeit schnell in existenzielle Not.

Im Ergebnis traf so eine Reihe von neuen beziehungsweise verschärften Risiken große Teile der Bevölkerung in massenhaft ähnlicher Weise, ohne dass adäquate Sicherungen vorhanden waren. Es entstanden die so genannten „Standardrisiken“ (Hauser 1997b, S. 523):

• Krankheit

• Unfall

• Arbeitslosigkeit

• Alter

Zu diesen „Standardrisiken“ wurden später teilweise auch Einkommensausfälle gezählt, die in Folge von

• Ausbildung,

• Kindererziehung oder

• Pflegeausgaben

entstehen. Außerdem werden zuweilen auch die Unterhaltsausfälle zu den „Standardrisiken“ gerechnet, die wegen

• Tod des „Familienernährers“ sowie wegen

• Familienlasten oder

• Armut der Familie

zu Stande kamen.

Die genannten Massenrisiken wurden im Verlauf der Entwicklung moderner Industriegesellschaften als Schutztatbestände anerkannt, deren Absicherung durch gesellschaftliche Einrichtungen erfolgen sollte. Es entstanden groß angelegte staatliche oder parastaatliche Sicherungssysteme und Versorgungseinrichtungen. Immer größere Teile der Bevölkerung wie zum Beispiel Rentner, Arbeitslose oder zahlreichende Studierende leben nicht von eigenen Vermögenswerten oder anderem Besitz (soziale Klassen). Sie bestreiten auch nicht ihren Lebensunterhalt von der eigenen Erwerbsarbeit oder von der ihres familiären Ernährers (soziale Schichten). Vielmehr leben sie von den Transferzahlungen bestimmter Sicherungseinrichtungen und können demzufolge als „Versorgungsklassen“ (Lepsius 1979,S. 179) bezeichnet werden.

Das modernisierungstheoretische Model geht davon aus, dass in postindustriellen Dienstleistungsund Wissensgesellschaften bestimmte Standardrisiken durch die Alterung der Gesellschaft (vgl. Kap. 3.2.5) sich verschärfen. Altersversorgung, Pflege und Gesundheitssicherung werden in immer größerem Umfang notwendig. So werden immer mehr und immer längere Rentenzahlungen notwendig. Zunehmende chronische Alterskrankheiten und Pflegefälle stellen die industriegesellschaftlichen Sicherungseinrichtungen vor neue und wachsende Aufgaben. Zudem können die immer kleineren, immer unterschiedlicher strukturierten Haushalte immer weniger Sicherungsaufgaben wie Krankenversorgung oder Pflege von Alten übernehmen und die vorhandenen Sicherungseinrichtungen entlasten. Dazu trägt auch die immer häufigere Erwerbstätigkeit von Frauen bei, denen in der industriegesellschaftlichen Kernfamilie diese Aufgaben zugeteilt werden. Weiterhin entstehen zum Teil neuartige, in jedem Fall aber wachsende Risiken wie Drogenabhängigkeit, Überschuldung von Haushalten, Zerrüttung von Familien, Desintegration von Zuwanderern. Diese Risiken nehmen individuell sehr unterschiedliche Formen an. Viele von ihnen lassen sich mit Geld nicht einfach beheben. Die herkömmlichen großen Sicherungssysteme zur Einkommensund Gesundheitssicherung sind auf sie nicht eingerichtet. Neue, oft kleinere und nicht-staatliche Sicherheitseinrichtungen bilden sich aus und übernehmen diese Aufgaben wie etwa Schulderberatung, Familienoder Jugendhilfe.

Wachsende internationale Konkurrenz und die Alterung der Gesellschaft führen in vielen postindustriellen Gesellschaften dazu, dass die großen industriegesellschaftlichen Sicherungssysteme in vielen Bereichen überlastet und zum Teil auch unbezahlbar sind. Große Teile der Bevölkerung sind jedoch in der Lage, einen Teil der eigenen Sicherung selbst zu finanzieren und auch Hilfen für Mitmenschen zu leisten. Es entsteht ein „welfare-mix“ von (para)staatlichen, gewerblichen und privaten Sicherungen.

 
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