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Bewertung von Einkommensungleichheit

Die Frage, inwieweit eine gleiche Einkommensverteilung „besser“ ist als eine ungleiche, ist nicht einfach zu beantworten. Und die Antworten hierauf fallen durchaus unterschiedlich aus. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass wenig Verdienende schlechtere Lebenschancen haben, was sich etwa im Bereich der Bildungschancen, der Kriminalität, der Freizeit und der politischen Teilhabe nachweisen lässt. Im Extremfall werden gering Verdienende sogar ausgegrenzt und auf längere Sicht entmutigt. Besser Verdienende hingegen haben in vielen Bereichen Vorteile. Hinzu kommt, dass extreme Ungleichheiten gesellschaftliche Umstürze und Protestverhalten begünstigen und bewirken können (Geißler 1996; Marx und Engels 1971; Merton 1995; Tumin 1968). Hirschmann (1973) kann demgegenüber nachweisen, dass die Erwartungen von Menschen einer in Aussicht gestellten Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse zu einer zeitlich begrenzten Akzeptanz einer ungleichen Verteilung von Wohlstand führen kann und dahingehend gesellschaftliche Umstürze und Protestverhalten zumindest zeitlich verzögert. Zum anderen wird etwa im Anschluss an die funktionalistische Schichtungstheorie (vgl. Kap. 7.1.3) argumentiert, dass die Möglichkeit, höhere Entlohnungen zu erlangen, zu Leistung motiviert und letztlich auch der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Demzufolge lassen sich auch Gesellschaften beobachten, in denen eine starke Einkommensungleichheit von einer Mehrzahl als gerecht und nützlich empfunden wird (Grün und Klasen 2013). Ferner wird darauf hingewiesen, dass eine größere Spreizung von Löhnen und Gehältern im Allgemeinen mehr Arbeitsplätze schafft und damit mehr Menschen wirtschaftliche Eigenständigkeit vermittelt als eine geringere Ungleichheit der Erwerbseinkommen. Im unteren Einkommensbereich geraten dadurch weniger Menschen in die Abhängigkeit von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe und im oberen Bereich werden Arbeitsplätze attraktiver in der internationalen Konkurrenz um qualifizierte Erwerbstätige (Heidenreich 2000, S. 26 ff.).

Einkommensungleichheit zwischen Gesellschaften

Die Darstellung der voranstehenden Abschnitte bezog sich auf den Vergleich der jeweiligen Einkommensverteilungen innerhalb einzelner Gesellschaften. Einen weiteren Aspekt sozialer Ungleichheit stellt schließlich auch die Einkommensungleichheit zwischen einzelnen Gesellschaften dar. Kernfragen sind hierbei, wie groß etwa der Einkommensabstand zwischen den Bewohnern wohlhabender Länder und den Menschen weniger reicher Länder ist und inwieweit dieser Abstand im Zeitverlauf zuoder abgenommen hat.

Ein Überblick über die internationale Einkommensverteilung zwischen den einzelnen Gesellschaften (vgl. Kap. 6.2.5) zeigt, dass sich global drei unterschiedliche Einkommensgruppen beobachten lassen. Unterteilt man die weltweiten Einkommen in Einkommensgruppen, so lassen sich Länder im Wohlstand, Länder mit mittleren Einkommen und Länder im Mangel voneinander unterscheiden. Ein Teil der Weltbevölkerung lebt in Gesellschaften, in denen das durchschnittliche kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf über US$ 5000 nicht hinauskommt. Hierzu gehören der größte Teil Afrikas, einige Länder in Asien wie Bangladesch, Kambodscha, Pakistan und der Jemen sowie wenige Länder in Südamerika wie etwa Honduras oder Nicaragua. Ein großer Teil der Weltbevölkerung lebt in einer weltgesellschaftlichen Perspektive in einer globalen Mittelschicht. Zu diesen Ländern mit mittleren Einkommen (US$ 5000–15.000) gehören etwa die bevölkerungsreichen Staaten China, Indien und Indonesien sowie zahlreiche Länder Südamerikas wie Brasilien, Bolivien, Ecuador oder Kolumbien, aber auch wenige Länder in Osteuropa wie die Ukraine oder Bosnien Herzegowina. Ein Teil der Weltbevölkerung lebt schließlich in wohlhabenden Ländern, in denen auf jeden Bewohner ein kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt von mehr als US$ 15.000 entfällt. Dies sind vor allem Gesellschaften in Europa oder der OECD. In der Regel ist das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den wohlhabenden Gesellschaften Europas sogar größer als US$ 35.000 (World Bank 2014a).

Das Ausmaß der globalen Einkommensungleichheit zeigt sich jedoch besonders, wenn die ärmsten und reichsten Länder gegenübergestellt werden. Vergleicht man die jeweiligen Bruttosozialprodukte pro Kopf, so erreichen die ärmsten Länder nur ein Prozent des Wohlstandes der reichsten Länder. Unter Berücksichtigung der realen Kaufkraft und je nach nach Vergleichsland haben die Bewohner der ärmsten Regionen zwischen 1 und 5 % der Einkommen der reichsten Länder zur Verfügung (Maddison 2004, S. 142; Messner 2001; World Bank 2014a).

Die Frage, wie sich die Einkommensverteilung im Zeitverlauf verändert hat, zeigt, dass bis in die 1990er Jahre die Einkommensverteilung zwischen den Ländern ungleicher geworden ist, bei bisweilen sinkenden Einkommensungleichheiten innerhalb von Gesellschaften (Bourguignon und Morrisson 2002). Die steigenden Ungleichheiten sind vor allem darauf zurückzuführen, dass die Einkommen in den reichen Ländern der Erde seit der industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich schneller gewachsen sind als die Einkommen in den ärmeren Ländern. So stieg etwa der globale Gini-Koeffizient von 0,5 im Jahr 1820 über 0,61 im Jahr 1910 auf 0,64 im Jahr 1950. Nach einem leichten Rückgang in den 1960er stieg der Gini-Koeffizient seit Mitte der 1970 wieder an und verbleibt seit 1980 auf einem relativ hohen Niveau von 0,66 (Bourguignon und Morrission, S. 731 f.). Misst man den Einkommensabstand anhand des durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf der jeweiligen Länder, so ergibt sich, dass das durchschnittliche Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt im mittleren Drittel der Länder der Erde 1970 noch 12,5 % desjenigen im reichsten Länderdrittel betrug. Bis im Jahr 1995 sank dieses Verhältnis auf 11,4 %. Während 1970 das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im ärmsten Drittel aller Länder immerhin noch 3,1 % der Einkommen des reichsten Drittel aller Länder betrug, sank es 1995 auf 1,9 % ab (World Bank 2000, S. 25).

Im Unterschied zu diesen Befunden, die von einem nationalen Durchschnittseinkommen ausgehen, zeigen Studien, die von individuellen oder haushaltsbezogenen Einkommen ausgehen und damit nationale Einkommensungleichheit miteinbeziehen, dass die globale Einkommensungleichheit zwar seit den 1970er Jahren durchaus angestiegen ist. Von 1980 bis 2000 konnte hingegen ein leichter Rückgang der internationalen Einkommensungleichheiten beobachten werden. Erst ab dem Jahr 2000 stiegen die Ungleichheiten wieder leicht an (Firebaugh 2003, Keuschnigg und Groß 2012; Sala-i-Martin 2002, 2006).

Abb. 7.5 Frauenspezifische Lohndifferenz, 2012. (X: keine Daten verfügbar Quelle: Europäische Kommission 2014a)

Unabhängig der unterschiedlichen Ergebnisse, die vor allem auf unterschiedliche Messmethoden zurückzuführen sind, zeigt sich insgesamt nicht nur eine weitgehende Zunahme der internationalen Einkommensungleichheiten. Auch sind die globalen Einkommensungleichheiten ausgeprägter als die Einkommensungleichheiten innerhalb der einzelnen Länder.

 
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